Zurück zur Startseite
Wirtschaft
Zurück zur Startseite
Wirtschaft

Soziale Werkstätten: Zuverdienst für Kranke in Frührente | BR24

© BR

Soziale Werkstätten - Anlaufstelle für Menschen, die wegen Krankheit in Frührente gehen.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Soziale Werkstätten: Zuverdienst für Kranke in Frührente

In den vergangenen Jahren ist die Zahl an Frührentnern stark angestiegen, vor allem wegen psychischer Probleme. Für Betroffene kann der Wegfall der Arbeit zur zusätzlichen Belastung werden. Ein Sozialdienst in Ingolstadt bietet Auswege.

Per Mail sharen

Alkoholkontrolle - das tägliche Morgenritual für Stephan. Abteilungsleiterin Melanie Wolf prüft, ob er etwas getrunken hat. Stephan wird betreut von der Suchthilfeeinrichtung "Integra" in Ingolstadt.

"Ich denke mal so 12, 13 Jahre bin ich schon da als Klient. Ich war im betreuten Einzelwohnen, jetzt bin ich in einer WG drin, das ist super. Brauche ich, sonst bin ich weg vom normalen Leben. Die unterstützen mich in meiner Sucht, ich bin schwer alkoholkrank und bin eigentlich schon eine gute Zeit trocken." Stephan, Klient bei "Integra"

Neue Chance durch soziale Unterstützung

Rund 1,1 Millionen Menschen in Bayern trinken so viel, dass Ärzte darin ein Gesundheitsrisiko sehen. Etwa 270.000 Menschen sind alkoholkrank, also abhängig, oft mit gravierenden Folgen. Auch der Ingolstädter Künstler Stephan Korianski war davon betroffen und spricht heute offen darüber. Er war selbst Klient bei "Integra", wo er heute den Malkurs betreut - eines von vielen Angeboten, die suchtkranke oder psychisch kranke Menschen in einen geregelten Alltag bringen sollen:

"Du bist ja nicht mehr gesellschaftsfähig, weil die Gesellschaft will ja eigentlich solche Menschen nicht mehr sehen oder wahrhaben. Dann kommt man in so ein Loch rein, wo man immer mehr säuft und auch in Depressionen kommt. Und dann wird das halt immer schwieriger. Und dann muss man halt die Hilfe annehmen." Stephan Korisanski, Künstler

Stephan Korisanski machte damals eine Therapie. Er begann zu malen, entwickelte mit der Zeit einen eigenen Stil und eine ganz eigene Technik. Das Malen half ihm, die Momente zu überstehen, in denen er vielleicht wieder zur Flasche gegriffen hätte: Langeweile, Einsamkeit, Ängste oder Schmerzen. Mithilfe von Sozialpädagogen lernte er, gegen die Momente Strategien zu finden, die im Alltag größere Probleme nach sich ziehen.

"Wenn Integra nicht gewesen wäre, dann würde ich wahrscheinlich auch nicht mehr leben, weil die mich sehr unterstützt haben, bei Sachen, die ich einfach nicht mehr geschafft habe, bürokratische Sachen, Struktur ins Leben wiederzubekommen. Und da kann man sagen: Da bin ich sehr dankbar, dass es die gibt." Stephan Korisanski, Künstler und Kursleiter bei "Integra"

"Integra" betreut aktuell rund 600 Klienten, die keiner geregelten Arbeit nachgehen können. Die meisten erhalten eine Erwerbsminderungsrente. Drei bis fünf Stunden am Tag dürfen sie sich hier etwas dazuverdienen: durch Bügeln, Nähen oder einfache Tätigkeiten für Industriebetriebe. Wichtig ist, dass ihr Alltag wieder eine Struktur bekommt.

Soziale Nähe durch Kunst

Zwei Stunden lang kümmert sich Stepahn Korisanski in seinem Malkurs um die Klienten. Zusammen mit Melanie Wolf, die gelernte Ergotherapeutin ist. Nicht nur künstlerisch ist das Angebot eine Bereicherung für die Gruppe.

"Bei mir ist immer eine Distanz mit da. Ich lasse wenig Nähe zu beim Arbeiten. Und das kann der Herr Korisanski anders, der kann auch grad' über die Farben Emotionen mit abfangen. Und das ist was, was schön ist." Melanie Wolf, Ergotherapeutin, Abteilungsleiterin bei "Integra"

Stephan Korianski gibt seine Kurse ehrenamtlich - er möchte "Integra" etwas zurückgeben. Geschichten wie seine machen den heutigen Klienten Mut, weiter an sich zu arbeiten und den Alltag sinnvoll zu gestalten - ohne Drogen und Alkohol.