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Siemens im Öko-Dilemma | BR24

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Viel Gegenwind herrscht gerade für Siemenschef Joe Kaeser. Er hält trotz massiver Proeste von Klimaschützern nun doch an einem Auftrag für ein Kohleabbauprojekt in Australien fest. Er sei vertraglich dazu gezwungen.

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Siemens im Öko-Dilemma

Der öffentliche Streit zwischen Fridays for Future und Siemens-Chef Joe Kaeser hat dem Konzern schwer geschadet. Denn Siemens will als umweltbewusstes Unternehmen wahrgenommen werden. Eine Analyse.

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Seit einigen Jahren arbeitet der Münchner Konzern am ökologischen Umbau aller Geschäftsfelder, mit dem Ziel, 2030 konzernweit klimaneutral zu sein. Das ist ein anspruchsvolles Projekt, schließlich ist es noch nicht lange her, da stand der Name Siemens für Kraftwerkstechnik mit Kohle, Gas und Atomenergie.

Das australische Signalanlagen-Problem

Es geht vordergründig um einen relativ kleinen und auf den ersten Blick unspektakulären Auftrag: Siemens soll für eine Bahntrasse von knapp 200 Kilometern Länge im Nordosten Australiens die digitale Signaltechnik liefern, Auftragswert rund 18 Millionen Euro.

Eigentlich ökologisch nicht zu beanstanden, wäre da nicht der Zweck dieser Bahntrasse: Auf ihr soll Steinkohle aus dem Bergwerk Carmichael zum Hafen Abbot Point transportiert werden. Damit ist die Siemens-Signalanlage Teil eines gewaltigen Bergbau-Projekts, das bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle jährlich zur Energieversorgung für Indien, China und Südostasien fördern soll. Diese Kohleverbrennung würde den weltweiten CO2-Ausstoß erheblich erhöhen.

Die Anlage soll geliefert werden

Joe Kaeser hat entschieden, dass Siemens den Vertrag zur Lieferung der Signalanlage erfüllen wird. Er wies darauf hin, dass das Projekt von den australischen Behörden auch unter Umweltgesichtspunkten geprüft und schließlich genehmigt wurde. Damit stellt sich der Konzern gegen Forderungen von Klima-Aktivisten in Deutschland und Australien.

Diese stellen die Entscheidung für oder gegen die Lieferung der Signaltechnik in den Rahmen einer Entscheidung "für oder gegen das Klima" und fordern deshalb, die Signaltechnik nicht zu liefern. Greta Thunberg erkennt in einem Ausstieg von Siemens die Gelegenheit, "das gesamte Projekt zu stoppen, zu verzögern oder zumindest zu unterbrechen". Damit wird die Siemens-Entscheidung für die Lieferung der Signalanlage als eine Entscheidung gegen den Klimaschutz interpretiert.

Siemens bekräftigt: CO2-neutral spätestens 2030

Der Konzern hat sich ein ambitioniertes Programm in Sachen Klimaschutz verordnet. Die CO2-Bilanz soll spätestens in zehn Jahren ausgeglichen sein. Der jüngste Nachhaltigkeits-Bericht spricht von CO2-Reduktionen von 41 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. Bis im kommenden Jahr soll der Ausstoß halbiert sein. Wo es nicht möglich ist, die Emissionen zu reduzieren, soll ein Ausgleich mit CO2-Zertifikaten geschaffen werden.

Auch die Energie-Sparte ist Teil dieser Gesamtstrategie. Noch in diesem Jahr soll sie zu einer Einheit zusammengefasst werden, die sowohl Kraftwerke für fossile Brennstoffe wie auch Wind- und Sonnenenergieanlagen liefert. Dieses neue Unternehmen soll dann an die Börse gebracht werden und "vollständige Unabhängigkeit und unternehmerische Freiheit erhalten", wie das Unternehmen mitteilte.

Siemens-Technologie senkt CO2-Ausstoß

Darüber hinaus will Siemens als Unternehmen wahrgenommen werden, das seine Kunden in die Lage versetzt, ihren Energie-Verbrauch zu senken und Technologien einzusetzen, die wenig oder gar kein CO2 freisetzen. Dazu liefert das Unternehmen eine Zahl, die auch in die aktuelle Diskussion um das australische Bahnprojekt einfließt: Siemens habe im abgelaufenen Geschäftsjahr seine weltweiten Kunden in die Lage versetzt, die CO2-Emissionen um mehr als 637 Millionen Tonnen zu reduzieren, schrieb Siemens-Chef Joe Kaeser in seinem Statement.

Im Vergleich dazu beziffert das Unternehmen den CO2-Ausstoß von Australien im Jahr 2017 mit rund 550 Millionen Tonnen. Was man damit sagen möchte: Dank Siemens ist in einem Jahr mehr CO2 eingespart worden als in ganz Australien in einem Jahr freigesetzt wurde.

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Siemens will trotz der Proteste von Klimaschützern Technik für ein Kohlebergwerk in Australien liefern. Eine historische Fehlentscheidung? Vermutlich schon, so der Münchner Wirtschaftsethiker Mukerji. Im Rundschau-Interview erklärt er, warum.

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Die Fridays für Future-Bewegung hat Siemens dafür kritisiert, an der Lieferung einer Signalanlage nach Australien festzuhalten. Das sei eine "historische Fehlentscheidung". Auch Grünen-Chefin Baerbock sagte, sie habe sich ein anderes Signal erhofft.