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Schwere Wirtschaftskrise: Argentiniens Kampf gegen den Bankrott | BR24

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Wehende argentinische Flagge am Präsidentenpalast in Buenos Aires

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    Schwere Wirtschaftskrise: Argentiniens Kampf gegen den Bankrott

    Argentinien steht mit anderthalb Beinen in der Pleite. Präsident Fernández braucht dringend einen Zahlungsaufschub beim IWF, um einen Bankrott abzuwenden. Bei seinem Besuch in Berlin hofft er nun auf Hilfe.

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    Der Abstecher nach Berlin war ursprünglich gar nicht eingeplant. Erst vor einer Woche bestätigte Argentiniens Außenminister Felipe Sola in einem Radiointerview, dass der neue Präsident Alberto Fernández bei seiner Reise durch Europa auch Deutschland besuchen wird.

    Zunächst war Fernández im Vatikan, hat sich Unterstützung von Papst Franziskus versichern lassen. Dem argentinischen Papst wird eine Nähe zu den Peronisten nachgesagt, die mit Fernández seit Dezember wieder regieren. Aber nach dem geistig-moralischen Beistand geht es jetzt darum, politische Unterstützung zu bekommen. Deswegen besucht Fernández von heute an noch Berlin, Madrid und Paris.

    Denn: Argentinien kann seine Schulden nicht mehr tilgen und bittet sowohl private Gläubiger als auch den Internationalen Währungsfonds um Zahlungsaufschub. Es ist das größte Problem, das Fernández in den ersten Monaten seiner Amtszeit bewältigen muss. "Die Staatsschulden haben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt den höchsten Stand seit 2004, als wir bankrott waren", so Fernández.

    Riesen-Schuldenberg angehäuft

    Insgesamt belaufen sich die Schulden des Landes auf 311 Milliarden Dollar. Davon allein 44 Milliarden beim Internationalen Währungsfonds, der Fernández' Vorgänger Mauricio Macri den größten Hilfskredit seiner Geschichte gewährt hatte. Für die Umschuldung hat Fernández einen Fachmann ins Kabinett geholt. Wirtschaftsminister Martín Guzmán ist angesehener Experte für Staatsschulden - allerdings bis jetzt nur in der Theorie, im akademischen Umfeld - als Schüler und Vertrauter von Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Jetzt muss er sich in der Praxis bewähren. Guzmáns Einschätzung zur Lage:

    "Es ist völlig klar, dass das Land in einer kritischen Situation ist, in einer tiefen Schuldenkrise. Was mit den Schulden passiert ist, ist ein Desaster. Denn diese Mittel wurden nicht verwendet, um die Produktivität des Landes zu verbessern, sondern im Gegenteil, um alte Schulden abzulösen und Kapitalflucht zu finanzieren. Deswegen stehen wir vor einer nicht tragbaren Schuldenlast, die die Zukunft der Argentinier belastet und zu mehr Armut und mehr Arbeitslosigkeit geführt hat. Die Wirtschaft befindet sich im freien Fall."

    Argentinien: Ein Land am Abgrund

    Damit befindet sich Argentinien in einer fast aussichtslosen Lage: Schon jetzt kann das Land nicht mehr alle Schulden pünktlich bedienen, gleichzeitig stagniert oder schrumpft die Wirtschaft seit neun Jahren und die Inflation ist die Dritthöchste weltweit. Das Land steht am Abgrund, kurz davor, wieder einmal in einen Staatsbankrott zu rutschen. Mit einem Zahlungsaufschub will die neue Regierung erst einmal Zeit gewinnen. "Wir wollen ja zahlen, aber wir müssen erst einmal zahlen können. Dazu müssen wir wachsen und dazu brauchen wir eine Erleichterung der Schuldenlast, vor der das Land steht", so Guzmáns.

    Schuldenschnitt als Ausweg?

    Was sowohl private Investoren als auch den Währungsfonds überzeugen könnte. Denn im Fall einer Pleite müssten sie wohl einen kräftigen Schuldenschnitt hinnehmen. Davon spricht Guzmáns alter Mentor Stiglitz schon offen, Argentiniens Regierung im Moment noch nicht. Doch noch ist überhaupt nicht klar, wie die Regierung das Land eigentlich aus der schweren Wirtschaftskrise führen will. Sie macht nur klar, dass sie sich dabei nicht reinreden lassen will - sprich, sie will keinerlei Vorgaben, keine Sparauflagen aus dem Ausland akzeptieren.

    "Wir haben die Kontrolle, wir entwerfen das Wirtschaftsprogramm und führen es aus. Und wir akzeptieren keinerlei Bedingungen". Das dürfte vielen Schuldnern schwer zu vermitteln sein, sagen Finanzexperten wie Miguel Boggiano. Denn noch kenne niemand konkrete Vorschläge, wie man der Wirtschaft des Landes wieder auf die Beine helfen will.

    "Der Plan kommt mir ziemlich simpel vor. Sie bitten um eine Gnadenfrist. Zwei oder drei Jahre, ohne zu zahlen. Dann werden wir schon wieder wachsen und dann sehen wir schon. Das hat kaum Aussicht auf Erfolg", Miguel Boggiano Finanzexperte

    Schon in dieser Woche droht die Provinz Buenos Aires in die Pleite rutschen. Dort lebt mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Und der neue Gouverneur ist Axel Kiciloff, ein linker Peronist, den viele Investoren noch in schlechter Erinnerung haben. Als Wirtschaftsminister des Landes fuhr er bis 2015 einen ziemlich aggressiven Kurs gegen die Schuldner. Und rhetorisch hat er kaum abgerüstet. Fernández will jetzt bei seiner Europa-Reise zumindest die Europäer überzeugen, seinem Land Aufschub zu gewähren. Den Ausschlag dürfte allerdings letztlich die Haltung der US-Regierung geben.

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