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Schweinefleisch: Corona macht den Markt kaputt | BR24

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Muttersau mit Ferkeln

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    Schweinefleisch: Corona macht den Markt kaputt

    Die Wut der Bauern auf die Handelsketten ist groß: Sie würden die Preise drücken, heißt es. Tatsächlich aber wirbelt die Corona-Pandemie die Branche kräftig durcheinander. Der deutsche Schweine-Markt steht vor dem Kollaps. Eine Analyse.

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    Von
    • Christine Schneider

    Die Zeit der Milchseen und Fleischberge, als der Staat mit Steuergeldern Überschüsse aufgekauft und eingelagert hat, ist längst vorbei. Heute werden Überschüsse in alle Welt exportiert. Doch wenn es "Störungen" dieser Warenströme gibt, hat das massive Auswirkungen auf die Erzeugerpreise.

    Schweinefleischproduktion in Deutschland

    Bis vor einem halben Jahr wurden in Deutschland pro Woche knapp eine Million Schweine geschlachtet, im Jahr rund 48 Millionen. Circa 40 Millionen Schweine essen wir selbst, rund acht Millionen müssen exportiert werden. Das sind gut 16 Prozent. Rund zehn Prozent gingen bisher nach China. Die Hälfte davon ist das sogenannte fünfte Viertel, zum Beispiel Rüssel, Pfoten und Ohren. Für diese Teile gibt es in Deutschland keinen Markt. Die andere Hälfte des Exports nach China sind normale Schlachtkörper.

    Von den 48 Millionen Schweinen wurden elf Millionen Tiere nicht in Deutschland geboren, sondern als Ferkel importiert, ein Großteil aus Dänemark. Weil diese Tiere in Deutschland gemästet und geschlachtet wurden, werden sie statistisch der deutschen Schweineproduktion zugerechnet.

    Zum Schlachten werden Tiere importiert und exportiert

    Landwirte kritisieren, dass bei Schlachttieren mit falschen Zahlen gearbeitet wird. Dänemark würde Mastschweine zum Schlachten nach Deutschland bringen und deshalb hieße es, Deutschland habe eine Überversorgung an Schweinen.

    Fakt ist: Es kommen Schweine zum Schlachten nach Deutschland: aus Dänemark, Holland und Belgien. Es gehen aber auch deutsche Schweine zum Schlachten nach Österreich, Tschechien und Polen. "Aber das dürfte sich ungefähr die Waage halten und diese Zahlen sind überhaupt nicht erwähnenswert", sagt Stefan Neher, der Vorsitzende der Ringgemeinschaft Bayern.

    Der deutsche Schweine-Markt steht vor dem Kollaps

    Seit einem halben Jahr werden pro Woche in Deutschland nicht mehr knapp 1 Million, sondern nur noch rund 800.000 Schweine geschlachtet. Der Grund: Corona und die Afrikanische Schweinepest. Immer mehr Schweine stehen unverkäuflich in den Ställen, bis Weihnachten könnten es deutschlandweit eine Million Tiere sein.

    Das Problem: Die unverkäuflichen Tiere werden täglich schwerer und wertloser. Normal hat ein Schlachtschwein ein Idealgewicht von 100 Kilo. Dafür werden derzeit pro Kilo Schlachtgewicht 1,19 Euro bezahlt, im August waren es noch 1,47 Euro. Ab 104 Kilo Gewicht gibt es einen geringeren Kilopreis, ab 120 Kilo sogar nur noch 60 bis 65 Cent pro Kilo. Zum Teil wiegen manche Tiere jetzt schon 150 Kilo. Die Landwirte zahlen massiv drauf, allein schon wegen der Futterkosten.

    Das kleinere Problem: Afrikanische Schweinepest

    Nach dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) bei Wildschweinen in Brandenburg im September hat China sofort die Grenzen für deutsches Schweinefleisch dichtgemacht.

    Die Idee war dann, mit Spanien zu verhandeln, denn Spanien exportiert auch viel Schweinefleisch. Der Trick: Deutschland liefert Schweinefleisch nach Spanien, denn innerhalb der EU ist der Handel trotz der Afrikanischen Schweinepest kein Problem. Und spanisches Schweinefleisch wird nach China exportiert. Das hat bis vor einigen Wochen einigermaßen funktioniert.

    Das größere Problem ist Corona

    Wegen der Schließung der Gaststätten aufgrund der Corona-Pandemie wird wesentlich weniger Schweinebraten gegessen. Doch noch viel gravierender ist die Situation an den Schlachthöfen: Immer wieder standen in den letzten Wochen und Monaten Schlachtbänder still, weil sich die Belegschaft mit Corona infiziert hatte. Mittlerweile gibt es Personalmangel, weil Mitarbeiter aus dem Ausland aus Angst vor Corona lieber in ihren Heimatländern bleiben. Außerdem gibt es an den Schlachtbändern strengere Hygieneauflagen, alles geht viel langsamer, die Schlachtkapazitäten sind gesunken.

    Ein weiteres Corona-Problem: In Dänemark waren Nerze in Pelztierfarmen mit dem Corona-Virus infiziert, Anfang November hat man dort 17 Millionen Nerze getötet. Dennoch haben die asiatischen Märkte sofort reagiert und als Vorsichtsmaßnahme die Einfuhr von Schweinefleisch aus Dänemark gestoppt. Dänemark hat jedoch einen Selbstversorgungsgrad von weit über 300 Prozent und muss dringend exportieren. Jetzt überschwemmt das dänische Schweinefleisch andere europäische Länder.

    Zu viel Milch auf dem Markt

    Die europäischen, deutschen und vor allem die bayerischen Bauern produzieren zu viel Milch. Nach dem Wegfall der Milchkontingentierung 2015 haben die Bauern ihre Produktion ausgeweitet, vor allem in Irland, Dänemark und Polen. Deutschland hatte vor dem Wegfall der Milchquote einen Selbstversorgungsgrad von 102 Prozent, jetzt sind es 112 Prozent. In Bayern liegt der Selbstversorgungsgrad bei 175 Prozent, seit 2018 fällt dieser Wert ganz leicht.

    Aus Bayern geht der größte Teil der Milch nach Italien, aber auch nach Spanien, Griechenland und Portugal. Exportiert wird H-Milch, Milchpulver und viel Käse. Der Großteil des Exports bleibt im EU-Binnenmarkt, der Rest fließt in aller Herren Länder. Bayerische Molkereien exportieren sogar H-Milch in Ein-Liter-Packungen nach China.

    Milchproduktion steht in der Kritik

    Immer wieder stellen Kritiker die Frage: Ist es sinnvoll, aus Südamerika Soja (zum Teil gentechnisch verändert) zu importieren und damit unsere Kühe zu füttern, damit sie möglichst viel Milch geben, die wir nicht trinken können und diese Milch dann nach China zu exportieren?

    Tatsache ist: Der große Teil des Importsoja aus Übersee wird an Schweine und Geflügel verfüttert, bei der Fütterung von Milchkühen geben oft die Molkereien die Richtung vor und verlangen den Umstieg auf sogenanntes Donau-Soja, das entlang der Donau angebaut wird: von Bayern bis zur Mündung der Donau ins Schwarze Meer. Außerdem sind in den letzten Jahren immer mehr Landwirte bei der Milchviehfütterung umgestiegen auf Raps-Extraktionsschrot oder Grassilage.

    Kontroverse Debatte über Milchpreise

    Nach dem Wegfall der Milchquote in Europa und den massiven Produktionssteigerungen ist der Preis in Deutschland 2016 ins Bodenlose abgestürzt ist, auf teilweise 20 Cent pro Liter. Momentan ist er relativ stabil, in Bayern liegt er für konventionelle Milch im Durchschnitt bei 34,5 Cent. "Das sind entspannte Zeiten, die Marktsituation ist stabil, der Export läuft und ebenso das Geschäft mit dem Lebensmitteleinzelhandel", sagt Hans-Jürgen Seufferlein vom Verband bayerischer Milcherzeuger.

    Beim Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) sieht man das völlig anders, dort fordert man seit langem 50 Cent pro Liter Milch. Nur so könne man die Erzeugerkosten decken und die Bauern hätten eine Perspektive.

    50 Cent pro Liter Milch: Fluch oder Segen?

    50 Cent pro Liter Milch als Erzeugerpreis - das wäre für jeden Landwirt wünschenswert. Doch was würde dann passieren? Experten prophezeien, dass sich kein einziger Landwirt rational verhalten würde, das heißt, die Milchproduktion nicht steigern würde. Ganz im Gegenteil, bei 50 Cent würde Goldgräberstimmung ausbrechen, jeder würde melken bis zum Anschlag und den Markt, der jetzt schon übervoll ist, komplett überschwemmen.

    Die Folge: Der Preis würde sofort wieder abstürzen. Manche fordern deshalb eine neue Form der Mengenregulierung. Es ist aber unrealistisch, dass solch ein Marktinstrument wiedereingeführt wird.

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