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Bildrechte: BR/Leon Baatz

Sogenannte Revolving Kreditkarten können Kunden eine Art Verbraucher-Sofortkredit einräumen. Karstadt, Ikea oder auch der Online-Riese Amazon bieten solche Karten an. Wer seine Finanzen nicht im Blick hat, kann auf hohen Kosten sitzen bleiben.

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Schuldenfalle "Revolving Kreditkarten"

Mit sogenannten Revolving Kreditkarten bekommen Kunden eine Art Verbraucher-Sofortkredit. Anbieter sind Karstadt, Ikea oder Amazon. Wer seine Finanzen nicht im Blick hat, kann durch solche Karten allerdings Schulden ansammeln.

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Von
  • Isabelle Hartmann
  • Veronika Wagner

Wenn Sie genug Geld auf dem Konto haben, um beispielsweise Ihren Supermarkteinkauf zu bezahlen: Würden Sie trotzdem einen Kredit aufnehmen, um Ihren Lebensmitteleinkauf in sehr kleinen Monatsraten abzustottern? Und darauf auch noch rund 15 Prozent Zinsen jährlich zahlen? Wahrscheinlich nicht.

Die Münchner Ärztin, die wir auf ihren Wunsch hin Maria Hoffmann nennen, tat genau das. Unbewusst, fünf Jahre lang. Der Weg in die Schulden begann im Januar 2015 mit einer Werbeaktion für eine Karstadt Kreditkarte. Ihr wird damals eine Kombination aus Kunden- und Kreditkarte angeboten. "Ich dachte, das sei praktisch", erinnert sich Maria Hoffmann. Sie unterschrieb, ohne das Kleingedruckte in Ruhe durchzulesen.

Vorsicht bei Teilzahlungsfunktion

Die Ärztin hatte jedoch keiner üblichen Kreditkarte zugestimmt, bei der am Ende des Monats der komplette Kreditkartenumsatz vom Girokonto abgebucht wird. Ohne es zu ahnen hat sie sich für eine "Revolving"-Kreditkarte entschieden, auch "echte Kreditkarte" genannt, mit Teilzahlungsfunktion.

Das heißt, der Kunde begleicht zum Beispiel nur drei, fünf oder zehn Prozent seines Einkaufs über sein Girokonto. Der Rest bleibt als Schuld auf einem Extra-Kreditkartenkonto stehen. Und darauf fallen Zinsen an.

5.200 Euro Schulden in fünf Jahren

Die Revolving-Kreditkarten machen in Deutschland derzeit etwa 15 Prozet des gesamten Kreditkartenmarktes aus. Oft sind sie auf Teilzahlung voreingestellt und nicht auf Volltilgung.

Auf Nachfrage des Bayerischen Rundfunks nennen Banken, die solche Revolving Karten mit Teilzahlungsfunktion ausgeben, unisono einen Vorteil: Mehr Flexibilität und dadurch finanziellen Spielraum für die Kunden.

Doch das ist nicht kostenlos. Die effektiven Jahreszinsen dieser Karte, wie sie von Amazon, Ikea oder der Postbank beispielsweise angeboten werden, liegen in der Regel zwischen 13 Prozent und rund 18 Prozent. In einer Niedrigzinsphase ist das extrem hoch. Auch bei der Münchner Ärztin lagen die Zinsen in diesem Bereich. Innerhalb von fünf Jahren sammelte sie rund 5.200 Euro Schulden an.

Hohe Zinsen zulässig

Udo Reifner ist Finanzexperte, Verbraucherrechtler und Anwalt. Er kritisiert die Höhe der Zinsen, bestätigt aber:

"Auch hohe Zinsen können vereinbart werden." Udo Reifner, Finanzexperte, Verbraucherrechtler und Anwalt

Zinsen werden von der Bundesbank in verschiedenen Kategorien eingestuft und kalkuliert. Sie sind illegal, wenn sie in ihrer Kategorie den marküblichen Durchschnittszins um rund das Doppelte übertreffen. Die Wuchergrenze dürfe nicht überschritten werden, so Reifner.

Doch das wird weder von der Bankenaufsicht, der BaFin, noch vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz überprüft. Es bleibt dem einzelnen Kunden überlassen im Streitfall vor Gericht zu gehen.

Verbraucherschützer bisher ohne Erfolg

Verbraucherschützer möchten, dass auch für die Revolving-Kreditkarten der deutlich niedrigere Zinssatz für die sogenannten "revolvierende Kredite und Überziehungskredite an private Haushalte" gilt. Dafür setzt sich auf Bundesebene seit Jahren ein "Bündnis gegen Wucher" ein, dem Verbraucherzentralen, Sozialverbände und Schuldnerberatungen angehören. Bisher ohne Erfolg.

Dass Revolving Kreditkarten für die ausgebenden Banken lukrativ sind, ist bei den Zinssätzen nicht verwunderlich. Nicht so offenkundig ist der Benefit für die vermittelnden Unternehmen.

Finanzexperte Udo Reifner verweist auf die Restschuldversicherungen, mit denen sich Banken bei Krediten gegen Ausfallrisiken absichern. Von den Prämien profitiere derjenige, der das Geschäft vermittele, so Udo Reifner. In diesem Fall die Unternehmen, die diese Karten ihren Kunden anbieten, wie beispielsweise Ikea, Amazon oder Karstadt. Die große Koalition hat erst im Frühjahr 2021 angekündigt, die "exzessiven Provisionen im Bereich der Restschuldversicherung" – wie es wörtlich in einer Ankündigung des Bundesfinanzministeriums heißt - auf maximal 2,5 Prozent zu deckeln.

Umstritten in der eigenen Branche

Nicht nur Verbraucherschützer finden das Geschäftsmodell fragwürdig. Auch innerhalb der Bankenbranche unterstützen es viele kundenstarke Häuser nicht. Auf Nachfrage des Bayerischen Rundfunks sagen zum Beispiel die Deutsche Bank und die ING, Kreditkarten mit Teilzahlungsfunktion gehörten nicht zu ihrem Portfolio.

Bei der Genossenschaft der Volksbanken Raiffeisenbanken mit mehr als 800 unabhängigen Filialen heißt es, weniger als zehn Häuser böten Revolving Kreditkarten an. Bei der Recherche ist von hochrangigen Bankmitarbeitern zu hören, derartige Karten seien Zockerprodukte, das passe nicht zum Selbstverständnis des eigenen Geldhauses.

Weg aus den Schulden

Die Ärztin und Karstadt-Kundin Maria Hoffmann merkte erst nach fünf Jahren, dass etwas nicht stimmte. An der Kasse ging ihre Kreditkarte plötzlich nicht mehr. Es stellte sich heraus: Sie hatte ihren Kreditrahmen überzogen und bereits mehr als 5.000 Euro Schulden angesammelt. Sie hatte jedoch genug Geld, um sich auf einen Schlag davon zu befreien. Bei den Verbraucherzentralen weiß man, es sind die wenigsten, die es so einfach schaffen.

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