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Eine zuverlässige Arbeit ist in Pandemiezeiten Gold wert. Seit Corona sind viele Arbeitsplätze ins Wanken geraten, gerade bei Geringverdienern reicht seitdem das Wasser bis zur Brust. Wir haben uns bei Schuldnerberatern umgehört.

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Schulden durch Kurzarbeit: Was tun?

Schon vor der Corona-Pandemie waren sieben Millionen Deutsche überschuldet, also fast jeder Zehnte. Die Tendenz ist steigend. Noch nie haben Schuldnerberater in Bayern so viel zu tun gehabt wie in diesem Jahr. Die Wartelisten werden immer länger.

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Von
  • Susanne Fiedler

Wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie sind viele Menschen in Kurzarbeit. Am Ende des Monats haben sie weniger Geld auf dem Konto. Wer ohnehin schon zu den Geringverdienern gehört, kommt nun mit dem noch geringeren Einkommen kaum mehr zurecht.

Hof im Nordosten von Bayern: Die Stadt und ihr Umland zählen zu den strukturschwachen Regionen im Freistaat. Mit rund sieben Prozent ist die Arbeitslosigkeit dort besonders hoch. Zudem arbeiten viele Menschen in der Region im Niedriglohnsektor. Gerade sie sind von der Corona-Krise stark betroffen. Kommen sie in Kurzarbeit oder verlieren gar ihren Job, geraten sie häufig in massive finanzielle Schieflage. Im Nachbarort Naila haben die Schuldnerberater der Diakonie alle Hände voll zu tun.

Fast jeder Dritte ging an das Ersparte

Schuldnerberaterin Sabine Prell hat kürzlich an einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung teilgenommen. Dabei wurde untersucht, wie sich die Pandemie auf die finanzielle Situation der Menschen auswirkt. Die Zahlen seien "erschreckend", berichtet die Schuldnerberaterin: 30 Prozent der Bürger griffen im vergangenen Jahr auf Ersparnisse zurück. Bei 13 Prozent seien die Ersparnisse schon im Oktober aufgebraucht gewesen.

"Das bedeutet, dass eine ganz große Gruppe von Menschen, die bisher nicht in der Überschuldung waren, vermutlich in die Überschuldung rutschen." Sabine Prell, Schuldnerberaterin

Auch Gerd Müller trifft die Corona-Krise hart. Der Schlosser ist in Kurzarbeit und hat deshalb mit 60 Prozent vom Netto noch weniger Geld zur Verfügung als sonst. Schon vor Corona hatte er Schulden aufnehmen müssen. Schuldnerberaterin Sabine Prell soll ihm helfen, Ratenzahlungen bei Gläubigern zu verringern. Gerd Müller war 2015 länger erkrankt und dann einige Zeit arbeitslos. Aus dieser Zeit hat er Schulden, die er monatlich abbezahlt. Seit Corona kann er diese Forderungen nur noch teilweise bedienen. Sogar die meisten Versicherungen hat der 59-Jährige eingefroren, um seine Fixkosten zu senken.

Niedrige Löhne als Grundproblem

Das Problem vieler Klienten – und so auch bei Gerd Müller – ist laut Schuldnerberaterin Sabine Prell der Niedriglohnarbeitsplatz.

"Wir haben ganz viele Menschen, die arbeiten in zwei Schichten oder in drei Schichten und verdienen zwischen 1.200 und 1.300 Euro. Die Arbeit im Schichtbetrieb, das weiß ja jeder, ist extrem anstrengend und kräftezehrend und trotzdem haben sie so ein niedriges Einkommen." Sabine Prell, Schuldnerberaterin

Durch den geringen Lohn reicht das Geld für viele oft nicht einmal mehr für Miete, Wohn-Nebenkosten oder Telefon. Wie bei Gerd Müller. Eines Tages konnte er einen Kredit nicht mehr zurückbezahlen und saß in der Schuldenfalle. Überschuldung trifft häufig Alleinstehende sowie Alleinerziehende.

"Es ist belastend, wenn man Schulden hat. Wenn man die anderen sieht, die können sich dies kaufen oder etwas anderes kaufen und Du selber - es wäre für dich auch etwas, aber das Geld ist nicht da. Das ist schon belastend." Gerd Müller

Beruflich hat Gerd Müller schon einige Krisen durchlitten. Als Maschinenschlosser verlor er wegen der schlechten Auftragslage seiner Firma die Arbeit, jobbte dann als Lkw-Fahrer. Erst sehr spät entschließt er sich zur Schuldnerberatung zu gehen: "Es war, als ich kein Geld mehr hatte. Das war der Schlusspunkt. Du liegst dem Staat auf der Tasche", erinnert sich Müller, "und jetzt ist Schluss, jetzt fängst Du wieder von Neuem an." Nicht jeder, der sich verschulde, blicke mit so viel Optimismus in die Zukunft, sagt Schuldnerberaterin Sabine Prell. Viele Menschen zerbrächen an den Schulden.

"Das impliziert unsere Gesellschaft schon ein bisschen, verschulden ist normal, überschulden ist dann das persönliche Scheitern und man ist schuldig, weil man es nicht geschafft hat. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das Wachstum in Deutschland auf Konsum beruht und auch unsere Volkswirtschaft davon ausgeht, dass wir alle Schulden machen und Ratenverträge abschließen." Sabine Prell, Schuldnerberaterin

Nur noch zwei Ratenzahlungen muss Gerd Müller abstottern. Wegen der Corona-Kurzarbeit wird er dafür länger brauchen als vereinbart. Er spart, wo er kann. Jede Ausgabe hält er in einem Haushaltsbuch fest. Gerd Müller hofft auf ein baldiges Ende der Kurzarbeit und auf eine Zukunft ohne Schulden: "Ich möchte irgendwann mal sagen: 'So, jetzt habe ich es geschafft!'"

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