Peter Müller und Carina Schneider bei der Kundenbetreuung im E-Werk.

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"Schichtwechsel" in Unternehmen – Aktionstag für mehr Inklusion

"Schichtwechsel" in Unternehmen – Aktionstag für mehr Inklusion

Wie ist es für Menschen mit Behinderung, in einem klassischen Betrieb zu arbeiten? Und was können Menschen ohne Behinderung lernen, wenn ein Gehörloser ihnen zeigt, wie ein Buch gebunden wird? Einiges - zeigt sich beim Aktionstag "Schichtwechsel".

Ob im Krankenhaus, im Freizeitpark oder im Supermarkt um die Ecke: Beim Aktionstag "Schichtwechsel" können Beschäftigte aus allen Bereichen den Arbeitsplatz tauschen. Schon das fünfte Jahr in Folge haben Menschen mit Behinderung für einen Tag Betriebe besucht, die bislang eher wenig mit Inklusion zu tun hatten – und andersherum. Bundesweit haben sich mehr als achtzig Werkstätten beteiligt, so viele, wie noch nie.

Zurück auf den "ersten Arbeitsmarkt"

Für Carina Schneider ist es der erste Schichtwechsel. Seit einem Autounfall vor drei Jahren ist die 26-Jährige halbseitig gelähmt. Die gelernte Industriekauffrau gehört zu den etwa 97 Prozent der Menschen mit Behinderung, bei denen die Beeinträchtigung erst im Laufe des Lebens aufgetreten ist. Carina Schneider kennt also das Leben und Wirken in einem klassischen Betrieb schon.

Auch deshalb möchte sie zurück auf den sogenannten "ersten Arbeitsmarkt". Sie wünscht sich, "dass die Behinderten keine Angst haben, sich rauszutrauen." Nach einigen Jahren voller Rehas ist Schneider inzwischen in einer Werkstatt der Stiftung Pfennigparade angekommen. Hier hat sie gelernt, handwerklich zu arbeiten und ist stolz darauf.

Während sie auf ihrem Handy Fotos von Bilderrahmen und anderen Eigenkreationen zeigt, die sie in der Werkstatt gebastelt hat, erzählt sie, dass ihr nächster Schritt ein Praktikum sein soll. Heute schaut sie sich aber erst mal einen Tag lang beim E-Werk in Haimhausen in Oberbayern um. Der familiengeführte Betrieb beschäftigt aktuell noch keine Menschen mit Behinderung, man denkt aber darüber nach, sagt Peter Müller, der in der Kundenbetreuung arbeitet.

Inklusion kann sich für Betriebe lohnen

Solche Anstrengungen wie beim E-Werk seien durch die Pandemie noch weniger selbstverständlich geworden als ohnehin schon. So beurteilt zumindest Jan Gerspach die Lage. Er ist beim Sozialverband Vdk Bayern für alles zuständig, was mit Inklusion zu tun hat. Die Unsicherheiten hätten zugenommen, berichtet er. Noch dazu die ökonomischen Zwänge. Dabei kann Inklusion sich für klassische Betriebe durchaus lohnen: "Bis zu 75 Prozent der Lohnkosten können Betriebe durch das Bundesprogramm 'Budget für Arbeit' zurückbekommen", erklärt er. Dieses Angebot werde aber von den Unternehmen noch sehr selten wahrgenommen.

Aber auch die Werkstätten hätten noch einiges an Aufholbedarf, findet wiederum Jochen Walter. Er ist nicht nur der Vorsitzende der Pfennigparade, sondern hat als stellvertretender Vorsitzender der "Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen" (BAGWfbM) auch den Schichtwechsel vor einigen Jahren in Bayern initiiert: "Wir haben über 700 Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Deutschland", rechnet er vor, "aber gerade mal etwas mehr als 80 nehmen daran teil." Da müssten die Werkstätten auch selbstkritisch sein, findet Walter: "Wir könnten noch so viel mehr machen".

Zusammenarbeit, obwohl einer nichts hört

Einige Kilometer vom Haimhausener E-Werk entfernt steht Christian Weindler staunend vor der riesigen Buchbindemaschine. Er ist heute Carina Schneiders Tauschpartner beim Schichtwechsel und schaut sich für einen Tag in der Hand-Buchbinderei der Pfennigparade im oberbayerischen Unterschleißheim um. Eigentlich ist Weindler gelernter Elektriker und obwohl sein eigener Sohn eine Behinderung hat, überrascht ihn die Fachkompetenz seines Betreuers für einen Tag, Klaus Jacobi.

Der nämlich ist gehörlos und statt zu hören, kann er an der Maschine spüren, ob das Einbinden des Buchrückens fehlerfrei funktioniert. "Bisher kannte ich nur meine taube Mutter", sagt er. "Dass man auch zusammen arbeiten kann, obwohl einer nichts hört, das hätte ich nicht erwartet", so Weindler. Der Trick: Herr Jacobi kann exzellent von den Lippen lesen.

"Welten gar nicht so unterschiedlich, wie gedacht"

Für Jana Niehaus ist so eine Überraschung genau der Sinn und Zweck des Aktionstags "Schichtwechsel". Sie koordiniert für die BAGWfbM jedes Jahr den Schichtwechsel und hört immer wieder ähnliche Geschichten: "Häufig stellen die Teilnehmenden fest, dass die Welten gar nicht so unterschiedlich sind, wie man vielleicht anfangs annimmt." Sofern es eine Anleitung gebe, der Austausch gut vorbereitet, betreut und nachbereitet werde, seien Menschen ohne Behinderung oft überrascht nach so einem Austauschtag. Insofern sei der Erkenntnisgewinn für die Schichtwechsel-Teilnehmenden ohne Behinderung oft noch größer, so Niehaus.

Tausende Menschen haben ihren Arbeitsplatz heute getauscht. Hintergrund ist die bundesweite Aktion mit dem Namen "Schichtwechsel".

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