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So einen Boom wie im vergangenen Jahr hat die Fahrradindustrie noch nicht erlebt. Zweistellige Wachstumsraten gab es auch bei den bayerischen Fahrradfirmen, von denen viele im Norden des Freistaats sitzen.

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Rund läuft's - Fahrradindustrie in Nordbayern boomt

Einen Boom wie im vergangenen Jahr hat die Fahrradindustrie noch nicht erlebt. Zweistellige Wachstumsraten gab es auch bei den bayerischen Fahrradfirmen, von denen viele im Norden des Freistaats sitzen.

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Von
  • Achim Winkelmann

Das Fahrrad war für viele gerade im vergangenen Jahr das Verkehrsmittel der Pandemie, um dem ÖPNV zu entkommen oder einfach frische Luft zu schnappen. Der Urlaub fiel flach, das Geld saß locker. Die Folge: Der Handel meldet Rekordzahlen, die Fahrradproduzenten kommen mit der Produktion gar nicht mehr hinterher. Gerade im Norden des Freistaats gibt es eine ganze Riege von Radherstellern. Einige haben eine lange Geschichte, andere haben sich erst in den vergangenen Jahren aus Garagen-Startups entwickelt.

Fünf Millionen verkaufte Räder 2020 und 60 Prozent mehr Umsatz

Einen Aufschwung wie im vergangenen Jahr hat die deutsche Fahrradbranche noch nicht erlebt. Mehr als fünf Millionen Fahrräder und E-Bikes wurden 2020 in Deutschland verkauft, fast 17 Prozent mehr als 2019. Der Umsatz wuchs um mehr als 60 Prozent auf fast sechseinhalb Milliarden Euro. Sowohl Händler als auch Produzenten seien zuversichtlich, dass dieser Trend anhält, sagt der Schweinfurter Ernst Brust. Er ist im Deutschen Zweirad-Industrie-Verband ZIV seit langem für die Technik verantwortlich. "Das Elektrofahrrad war ja sonst immer für Senioren gedacht, aber das hat sich jetzt ganz anders dargestellt, weil plötzlich auch die Jungen E-Bike fahren, etwa als Pendler zur Arbeit."

Rad-Tourismus als wichtiges Standbein

Fast 600 Kilometer lang erstreckt sich der Mainradweg von den beiden Quellen bei den oberfränkischen Orten Creußen und Bischofsgrün bis zur Mündung in den Rhein bei Mainz. Die Hotels entlang der Mainroute haben sich längst auf die Zweirad-Gäste eingestellt. Dazu gehört auch ein abschließbarer Fahrradraum, der sich mit der Zimmer-Chipkarte öffnen lässt. In den letzten fünf bis zehn Jahren habe der Radtourismus extrem zugenommen, sagt die Hotelchefin des Volkacher Hotels am Torturm Christiane Hutten. "Einige Radler bleiben nur für eine Nacht und lassen ihr Gepäck von Hotel zu Hotel transportieren, andere bleiben ein ganzes Wochenende. Es sind sehr angenehme Gäste und der Radtourismus ist definitiv ein wichtiges Standbein geworden."

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Die "gläserne Manufaktur" von Winora in Sennfeld bei Schweinfurt

Der Trend zum E-Bike ist unübersehbar, und daran haben eine ganze Reihe von Radschmieden mit Sitz in Nordbayern einen entscheidenden Anteil, allen voran die Traditionsfirma Winora. Mit ihrer sportlichen Marke Haibike haben sie als erste in der Branche aufs E-Mountainbike gesetzt. Mittlerweile ist der Anteil von E-Bikes am Umsatz schon höher als der nichtmotorisierter Räder, sagt Geschäftsführer Christoph Mannel. "Der Clou ist einfach, dass man die Person auf das Fahrrad draufsetzt. In dem Moment, in dem man das erste Mal mit einem E-Bike gefahren ist, sind alle Zweifel weg, weil man merkt, dass es trotzdem eine sportliche Betätigung bleibt."

Gründe für Konzentration in Nordbayern

Warum sich gerade im Norden Bayern so viele Fahrradfirmen angesiedelt haben, dafür gibt es verschiedene Ursachen. Zum einen die Historie: Denn immer wieder ließen sich vor allem im Großraum Schweinfurt radsportbegeisterte Tüftler nieder, angefangen mit Ernst Sachs. "An der Wende zum 20. Jahrhundert war die Schweinfurter Region noch sehr agrarisch geprägt, erst als die Großindustrie mit Fichtel und Sachs kam, hat sich das Ganze gewandelt", sagt etwa ZF-Firmenhistoriker Daniel Schmitz. Die von Ernst Sachs entwickelte Torpedo-Freilaufnabe war eine kleine Sensation und sicherte seiner Firma über Jahrzehnte gutes Wachstum. Schon Sachs war es wichtig, findige Ingenieure einzustellen und zu halten. Einige gründeten später ihre eigenen Unternehmen, auch die Nähe zu vielen Automobilzuliefern garantierte immer wieder einen Technologietransfer.

Neuer Schweinfurter Player PEXCO

Neben Winora hat sich in Schweinfurt mit der PEXCO GmbH seit gerade einmal vier Jahren aber noch eine weitere Fahrradfirma etabliert. Geschäftsführerin Susanne Puello ist die Urenkelin des Winora-Gründers Engelbert Wiener und saß jahrzehntelang an der Spitze des fränkischen Traditionsunternehmens. Nach mehreren Übernahmen von Winora hatte sie ihren Chefposten im einstigen Familienbetrieb 2017 aufgegeben und mit ihrem Mann Felix die neue Firma gegründet. Unter den Marken Husqvarna und Raymon produziert Pexco unterstützt vom österreichischen Mutterkonzern Pierer Mobility hochwertige Mountainbikes mit und ohne Motor – und ist seit Jahren auf Wachstumskurs.

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Das Elo-Bike, ein aus heutiger Sicht prähistorisches Ebike von Sachs aus den 90er Jahren, mit dem die Franken ihrer Zeit lange voraus waren.

Gerade Nordbayern hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zu einer Fahrrad-Boomregion entwickelt. Große Platzhirsche wie Winora, Pexco und der Komponentenhersteller SRAM in Schweinfurt, die Oberpfälzer Branchenriesen Cube und Ghost, aber auch kleine, feine Radschmieden wie Bike Ahead aus Veitshöchheim. Auch die Downhill-Spezialisten von YT mit Sitz in Hausen bei Forchheim haben im vergangenen Jahr rund 20 Prozent mehr Räder verkauft und sich wie viele Fahrradhersteller in der Corona-Krise neue Käuferschichten erschlossen.

Gleichzeitig habe die Krise auch bei den Oberfranken zu neuen Problemen geführt, sagt Marketingchef Sebastian Maag, Stichwort: Lange Lieferzeiten und höhere Kosten für die Logistik.

Leere Lager, höhere Preise

Viele Lager in ganz Deutschland sind schon jetzt zum Beginn der eigentlichen Saison fast leer, auch bei Werkstätten und Herstellern fehlen die meist in Asien produzierten Ersatzteile. Für die Kunden wiederum bedeuten die Engpässe eine geringere Auswahl und höhere Preise. So stieg der durchschnittliche Verkaufspreis pro Fahrrad von 929 auf 1.279, und für E-Bikes sogar auf durchschnittlich 2.600 Euro.

Gesellschaftliche Trends stärken den Boom weiter

Trotzdem ist der Markt für E-Bikes noch lange nicht gesättigt, glaubt Winora-Chef Christoph Mannel. Die Sennfelder planen deshalb schon jetzt drei Jahre im voraus für das Modelljahr 2024. Das liege weniger an Corona als an langfristigen gesellschaftlichen Trends wie Nachhaltigkeit, Urbanisierung und Gesundheit. Die Diskussion um den Umbau der Innenstädte, um zusätzliche Fahrradspuren und Radschnellwege hat gerade erst begonnen und wird weiter Fahrt aufnehmen.

Programmtipp: radioReportage: "Rund läuft´s - der Boom der nordbayerischen Fahrradindustrie" von Achim Winkelmann am Montag, den 21.06.2021 um 11 Uhr im B2 Notizbuch und als Podcast

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