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Retouren im Handel: Was tun gegen Neuware im Müll? | BR24

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Neuwertige Waren im Gesamtwert von mehreren Milliarden Euro werden jährlich in Deutschland weggeworfen, so Branchenkenner. Der Handel ist gegen das diskutierte Wegwerf-Verbot zurückgegebener Waren und macht Alternativvorschläge.

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Retouren im Handel: Was tun gegen Neuware im Müll?

Neuwertige Waren im Gesamtwert von mehreren Milliarden Euro werden jährlich in Deutschland weggeworfen, so Branchenkenner. Der Handel ist gegen das diskutierte Wegwerf-Verbot zurückgegebener Waren und macht Alternativvorschläge.

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Juliane Kronen hatte es satt: als Unternehmensberaterin bekam sie es immer wieder mit Firmen zu tun, die Neuware wegwerfen. Einmal sollten 200.000 Flaschen Shampoo eines Markenherstellers auf dem Müll landen, weil sie falsch etikettiert waren, erzählt sie. Für Kronen war das der Auslöser die gemeinnützige Plattform "Innatura" zu gründen. Seit dem Start 2013 sammelt "Innatura" neue und neuwertige Ware ein, die nicht verkauft werden kann. Zum Beispiel von Amazon, Beiersdorf oder DM. Gemeinnützige Organisationen zahlen eine Vermittlungsgebühr und den Versand. Kronen gibt an bislang Waren im Wert von rund 20 Millionen Euro vor der Vernichtung gerettet zu haben.

"Müll" im Wert von sieben Milliarden Euro

Das sei aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Kronen dem BR. Die Unternehmerin, die Mitglied der Jury für den alternativen Nobelpreis ist, schätzt, dass jährlich neuwertige Produkte im Wert von sieben Milliarden Euro auf den Müll wandern. Ein Drittel davon sei absolut einwandfrei, so Kronen. Viele Unternehmen wüssten gar nicht, was sich als Spende eigne, so die Unternehmerin. Sie verteilt hauptsächlich unbeschädigte Retouren aus dem Versandhandel, fehlerhaft etikettierte Produkte oder Produkte mit Farbabweichung, Rest- und Saisonware.

Jedes sechste Paket geht zurück

Eine aktuelle Studie der Universität Bamberg hat sich mit zurückgegebener Ware im Onlinehandel beschäftigt. Sie fand heraus: Jedes sechste Paket wird zurückgeschickt, jeder achte Onlineartikel zurückgegeben. Das sind 280 Millionen Pakete pro Jahr und etwa 490 Millionen Artikel. Die werden allerdings laut der Studie nicht massenhaft vernichtet. Nur etwa vier Prozent der Retouren werden entsorgt. Der größte Teil wird wiederverkauft. Die Studie berücksichtige jedoch nicht aussortierte oder fehlerhaft etikettierte Restware, die vernichtet wird, so Kronen. Für sie ist jeder vernichtete Artikel einer zu viel.

Mehr Retouren heißt weniger Rendite

Die große Zahl der Retouren – auch wenn nicht alles vernichtet wird - stellt für den Onlinehandel dennoch ein riesiges Problem dar. Davon hängt ab, wieviel von der Marge übrigbleibt.

"Jede Retoure drückt die Rendite nach unten. Gerade bei billigen Artikeln lohnt sich eine Aufarbeitung nach einer Rückgabe wenig, bei einem Prada-Kleid natürlich mehr." Axel Augustin, Sprecher des Handelsverbandes Textil BTE

Zahl der Retouren im Einzelhandel deutlich geringer

Auch im Einzelhandel sind Retouren ein Problem, allerdings seien die Zahlen laut dem Handelsverband Textil BTE hier deutlich geringer, als im Onlinehandel. Zum einen, weil die Kunden die Ware im Laden direkt aus- oder anprobieren können. Und, weil ein Kunde kein 14-tägiges Rückgaberecht bei Nichtgefallen hat wie im Onlinehandel. Viele Einzelhändler seien allerdings bei der Rückgabe äußerst kulant, räumen ein Rückgaberecht von bis zu acht Wochen ein, obwohl es keine gesetzliche Verpflichtung dazu gibt. Der Druck mit dem Onlinehandel mitzuhalten sei enorm, so der Branchenvertreter.

Wegwerf-Verbot ein Eingriff in die Eigentumsrechte?

Dem Handelsverband Deutschland BTE zufolge setze der Handel aus Kostengründen alles daran, die Retourenquote gering zu halten. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth lehnt das vom Bundesumweltministerium diskutierte Verbot nicht mehr verkäufliche Ware zu entsorgen ab. Dies wäre ein weitreichender Eingriff in die Eigentumsrechte der Unternehmen, so Genth. Sinnvoller sei es stattdessen, den Kunden per Gesetz die Rückgabe von mutwillig beschädigter oder verschmutzter Ware zu erschweren.

Spenden ist für Unternehmen teurer als vernichten

Auch Unternehmerin Juliane Kronen hält diesen Vorschlag für praktikabel. Die Sozialunternehmerin macht aber auch noch einen anderen Vorschlag, der es dem Handel erleichtern würde, unverkäufliche Ware an gemeinnützige Organisationen zu spenden und so etwas gegen die Vernichtung von Ware zu tun.

"Sachspenden von der Umsatzsteuer befreien!"

Bisher zahlen die Händler für Sachspenden Umsatzsteuer - ohne Geld für die Ware zu erhalten, erklärt sie. Für Unternehmen sei es daher teurer unverkäufliche Ware zu spenden als zu vernichten. Kronen fordert, dass in diesem Fall Sachspenden von der Umsatzsteuer befreit werden. Branchenvertreter fordern dies seit langem. Der Vorschlag soll nun auf einer Konferenz zu den Herausforderungen im Onlinehandel im Bundesumweltministerium diskutiert werden.