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Rentenkasse - extrem lange Wartezeiten bei Erwerbsminderung | BR24

© BR/Lisa Wurscher

Ein Unfall, eine schwere Krankheit: Der Weg zur Erwerbsminderungsrente - für die Betroffenen ist er oft richtig zermürbend.

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Rentenkasse - extrem lange Wartezeiten bei Erwerbsminderung

Bei schwerer Krankheit ist Arbeit in Vollzeit oft nicht mehr möglich. Erwerbsminderungsrenten sollen verhindern, dass Betroffene in finanzielle Not geraten. Doch Anträge hierfür sind für Betroffene oft sehr zermürbend. Ein Fallbericht.

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Mit der U-Bahn fährt Stefanie Buchinger nur ganz selten. Besonders schwer fällt es ihr, wenn sie keinen Sitzplatz bekommt. "Da muss ich mich dann irgendwo festkrallen", sagt sie. Vor drei Jahren wurde bei der Münchnerin Multiple Sklerose festgestellt. Eine Erkrankung des Zentralen Nervensystems, die unter anderem zu Lähmungserscheinungen führt. Zudem sind MS-Patienten schnell erschöpft und nicht mehr voll belastbar.

Vor der Krankheit war Stefanie eine erfolgreiche Lifestyle-Journalistin: mit Mitte 30 bereits Chefredakteurin einer Hochglanz-Zeitschrift für Einrichten und Wohnen. Wegen der Krankheit musste sie ihre Karrierepläne aufgeben. Heute schlägt sie sich als freie Autorin durch. So kann sie zuhause schreiben und sich die Zeit flexibel einteilen. Einen ganzen Arbeitstag kann sie allerdings nicht mehr bewältigen.

Antrag auf Erwerbsminderungsrente: Aus Wochen werden Monate

Multiple Sklerose ist nicht heilbar. Stefanie Buchner wird voraussichtlich nie wieder Vollzeit arbeiten können. Sie hat deshalb bei der Deutschen Rentenversicherung eine Erwerbsminderungsrente beantragt. Der Startschuss für einen nervenaufreibenden Papierkrieg.

"Ich habe vor ziemlich genau einem Jahr den Antrag gestellt, am 23. Oktober - und zwei Wochen später lag schon der Ablehnungsbescheid im Briefkasten", erzählt Stefanie Buchner. Nach ihrem Widerspruch erhielt sie erneut ein Schreiben mit der Aufforderung, sich medizinisch begutachten zu lassen: "Sie werden in den nächsten Wochen zur Untersuchung eingeladen", hieß es darin.

Der Brief stammt vom Januar 2019. Doch aus "Wochen" wurden Monate. Die Sachbearbeiter wechselten, manche Rückrufnummern existierten irgendwann gar nicht mehr.

"Sie schreiben ja in jedem Brief: Bitte warten Sie ab, bis wir uns mit Ihnen in Verbindung setzen - und dann wartet man und es passiert nichts. Natürlich fragt man dann mal nach. Einmal, zweimal, dreimal, dann wird man von A nach Z verbunden. Man hat das Gefühl, niemand kennt sich aus, niemand fühlt sich zuständig und niemand möchte sich mit dem Thema beschäftigen." Stefanie Buchinger, freie Autorin

Lange Wartezeiten wohl kein Einzelfall

Ein bereits vereinbartes Interview mit der Sendung mehr/wert lehnt die Deutsche Rentenversicherung München Süd aus Termingründen wieder ab. Schriftlich teilt sie mit:

"(…) Zu Verzögerungen kann es im Einzelfall kommen, wenn bestimmte fachärztliche Gutachten benötigt werden, die wir mit unserem ärztlichen Personal nicht erstellen können. Dann benötigen wir externe Gutachter. (…)" Stellungnahme Deutsche Rentenversicherung München Süd

Der Fall Stefanie Buchingers - nur ein bedauerlicher Einzelfall? Recherchen des BR weisen auf anderes hin. Ähnliche Erfahrungen machen offenbar viele Betroffene, berichtet Marian Indlekofer vom Sozialverband VdK Bayern.

"Aus unserer Beratungspraxis heraus müssen wir leider feststellen, dass es keine Ausnahme ist, sondern mittlerweile die Regel, dass man gerade bei neurologischen Erkrankungen zwischen einem halben Jahr und einem Jahr Wartezeit hat bei der Deutschen Rentenversicherung. Ich denke, das hat hauptsächlich damit zu tun, dass dort Personalengpässe vorherrschen." Marian Indlekofer, Sozialverband VdK Bayern

Gutachter-Termin nach Fernsehinterview

Massive Verzögerungen sind bei der Deutschen Rentenversicherung wohl keine Seltenheit. Die Kranken geraten dadurch schnell in finanzielle Bedrängnis. Während die Rente auf sich warten lässt, laufen die Kosten weiter. Miete, Lebensunterhalt - alles will bezahlt sein.

"Das ist einfach schwierig, vor allem in einer Stadt wie München, wenn man nicht mehr sein volles Gehalt zur Verfügung hat, das ich leider in dieser Situation nicht mehr erwirtschaften kann. Wenn das irgendwann einmal nachbezahlt wird von der Rentenkasse, dann ist das ganz nett und da hoffe ich auch drauf, aber die Zwischenzeit ist einfach schwierig." Stefanie Buchinger, freie Autorin

Inzwischen hat Stefanie Buchinger ihren Gutachter-Termin erhalten - ein Jahr nach Antragstellung und kurz nach ihrem Fernsehinterview für diesen Bericht. Jetzt muss sie wieder warten: auf eine Antwort, ob ihre Erwerbsminderungsrente überhaupt genehmigt wird.