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Ein Schild "Der Umwelt zuliebe" steht neben einer Plastikbox und einem Mehrweg-Kaffeebecher auf einem Tablett

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    Reine Utopie? Die Steigerung der Mehrwegquote

    Mehrweg statt Einweg - das Umwelt-Credo in vielen Bereichen. Ausgerechnet auf dem Getränkemarkt klappt das aber nicht, obwohl es ein funktionierendes Mehrweg-System gibt. Oder ist Einweg mit Pfand mittlerweile mindestens ebenbürtig?

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    Von
    • Alexander Dallmus

    Es war ein langer Weg, bis sich bei Getränken in Deutschland ein Pfand auf Einwegverpackungen durchsetzen konnte. Nach jahrelangen politischen und juristischen Scharmützeln kehrte beim sogenannten "Dosenpfand" erst 2006 Ruhe ein. Nämlich als der Einzelhandel verpflichtet wurde, endlich alle pfandpflichtigen Einwegverpackungen an Automaten zurückzunehmen und das Rücknahmechaos beendet war.

    Den Absturz der Mehrwegquote konnte das aber nicht verhindern. Nur noch 41 Prozent (Stand 2018) der pfandpflichtigen Getränke werden in Mehrwegflaschen abgefüllt. Immerhin: Seit der Pfandpflicht werden Einwegflaschen und Dosen nicht mehr einfach achtlos weggeworfen.

    Die Renaissance der Getränkedose

    15 Jahre nach der Reform des ursprünglichen Dosenpfands berichtet Stephan Rösgen, Geschäftsführer des Forum Getränkedose, freudestrahlend, dass in Deutschland mittlerweile wieder über vier Milliarden Getränkedosen (2019: 3,9 Mrd.) pro Jahr verkauft werden. 2005 waren es 100 Millionen Stück. Damals galt die Dose als Auslaufmodell. Die Wiedergeburt ist für Stephan Rösgen kein Wunder: "Sie ist leichter geworden, man braucht weniger Ressourcen. Wir brauchen weniger Wasser, wir brauchen weniger Lacke."

    Für viele Umweltverbände ist die Dose dagegen so etwas, wie der Teufel in Gestalt einer Getränkeverpackung. Aus Metall. Nur mit viel Energie herzustellen. Und all der Aufwand, um einmal ausgetrunken und weggeworfen zu werden. Andererseits lässt sich Aluminium, einmal im Kreislauf, fast beliebig oft wiederaufbereiten. "Ein permanentes Material ist eine Kreislaufverpackung", sagt Stephan Rösgen vom Forum Getränkedosen, "das haben viele mittlerweile wirklich kapiert. Über 99 Prozent Recyclingrate spricht eigentlich für sich selbst."

    Klare Fronten: Mehrweg versus Einweg

    Für Thomas Fischer, Kreislaufexperte der Deutschen Umwelthilfe (DUH), ist klar, welches System in Sachen Nachhaltigkeit die Nase vorn hat: "An Mehrweg führt eigentlich kein Weg vorbei. Das stärkt nicht nur regionale Wirtschaftskreisläufe, sondern tut eben der Umwelt auch etwas Gutes, indem Verpackung so oft wie möglich wiederverwendet werden. Und insofern sollte man auf Mehrweg setzen."

    Das ist natürlich vor allem an die Discounter wie ALDI und Lidl adressiert, die beispielsweise bei den Mineralwässern mit ihren Dumpingpreisen fast zwei Drittel des deutschen Marktes beherrschen, aber eben kein Mehrweg anbieten. Nur Einweg mit Pfand.

    Erbitterter Streit um Ökobilanzen

    Tatsächlich ist gut oder böse nicht mehr so eindeutig zu unterscheiden. Auch Einwegflaschen werden regional abgefüllt oder es wird Altplastik (Rezyklat) bei der Produktion eingesetzt, gibt Benedikt Kauertz vom Institut für Energie und Umweltforschung (IFEU) in Heidelberg zu bedenken: "Insbesondere die Discountmärkte haben wahnsinnig ausgebaut. Da gibt es welche, die mittlerweile mit der Regionalität ihrer Einwegflaschen werben können. Früher war es so: Einweg lange Distributions-Distanzen und Mehrweg regional verknüpft, dann kann ich auf Mehrweg setzen. Haben wir aber hier eine Mehrwegflasche, die ist regional und haben wir eine Einwegflasche, die ist auch regional, dann gilt so eine alte Glaubensweisheit nicht mehr unbedingt."

    Viele Studien und Untersuchungen, die von der einen oder anderen Seite herangezogen werden, sind bereits zehn Jahre alt. Transportwege, Abfüllungen oder technische Entwicklungen sind damit gar nicht mehr aktuell. Oder in Auftrag gegebene Erhebungen und Zahlen werden angezweifelt.

    Neue Studie soll Klarheit schaffen

    Ein Forschungsprojekt von Ökopol, dem Institut für Ökologie und Politik in Hamburg, im Auftrag des Umweltbundesamtes soll bis Ende 2022 branchenübergreifend unter anderem die Möglichkeiten erörtern wie der Mehrweganteil von Getränkeverpackungen gesteigert werden kann. Vielleicht auch, ob überhaupt noch mehr möglich ist. Aus der Studie dürften sich dann konkrete Handlungsempfehlungen ergeben. Erste Ergebnisse soll es bereits Ende 2021 geben.

    In einem sind sich fast alle einig: Mehrweg aus der Region ist gut für die Umwelt. Wichtig sind eben kurze Transportwege, meint auch Gerhard Kotschik vom Umweltbundesamt (UBA) in Berlin: "Mehrweg muss ja auch wieder zurücktransportiert werden zu den Abfüllern, Einweg nicht." Anders gesagt: Wer in Aschaffenburg wohnt und sein Wasser aus der Rhön in der Mehrwegflasche kauft, trinkt deutlich nachhaltiger, als mit französischem Mineralwasser aus der Einwegflasche.

    Abschied von hohen Mehrwegquoten

    Was seit Januar 2019 im Verpackungsgesetz (VerpackG) als Ziel festgeschrieben steht, wirkt angesichts der tatsächlichen Mehrwegquote mittlerweile unerreichbar: Mindestens 70 Prozent bei allen pfandpflichtigen Getränken! Verbindlich ist das allerdings nicht und Unternehmen, die keine Anstalten machen an diesem Ziel mitzuarbeiten, wie beispielsweise die Discounter, drohen auch keine Konsequenzen. Das kritisierte auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen.

    Entsprechend resigniert klingt auch Thomas Fischer von der DUH: "Discounter wie Aldi und Lidl und suchen sich aus, welche gesetzlichen Ziele sie umsetzen und welche nicht. Wedelt der Schwanz mit dem Hund oder der Hund mit dem Schwanz, das ist hier die Frage." Eine Einwegabgabe von 20 Cent auf die Plastikflasche oder Getränkedose, wie von der DUH gefordert, dürfte politisch kaum umsetzbar sein. Die Flasche Wasser vom Discounter wäre damit mehr als doppelt so teuer.

    2022 muss die Mehrwegquote im Verpackungsgesetz überprüft werden. "Allerdings wissen wir schon heute: Das gewünschte 70 Prozent-Ziel werden wir wohl verfehlen.", sagt Christopher Stolzenberg vom Bundesumweltministerium (BUM). Das hört sich nicht so an, als würde man – seitens der Politik – überhaupt noch daran festhalten wollen.

    Lücken schließen. Mehrweg ausdehnen

    Restaurants, Bistros und Cafés sollen ab 2023 gezwungen sein, neben Einwegbehältern auch Mehrwegmöglichkeiten anzubieten. Konkret: Der Verbraucher muss zwischen einem Kaffee "To Go" im Wegwerf- und einem Pfandbecher wählen können. Eine entsprechende Änderung des Verpackungsgesetzes wird gerade im Bundestag auf den Weg gebracht.

    Zudem sollen Pfandlücken geschlossen werden. Bislang sind zum Beispiel Fruchtsäfte ohne Kohlensäure nicht pfandpflichtig. Das soll sich ab 2022 ändern. Für Milch oder Milcherzeugnisse gilt die Pfandpflicht erst ab 2024. Außerdem muss laut Entwurf, ab 2025 in einer Getränkeplastikflasche mindestens 25 Prozent Altplastik verarbeitet sein. Ab 2030 dann mindestens 30 Prozent und zwar EU-weit. Allerdings gibt es schon wieder Ausnahmen und ein Viertel Rezyklateinsatz wäre jetzt schon locker möglich.

    Ein zusätzliches Problem: die alte, einheitliche "Halbe"-Bierflasche ist aus der Mode. In der Getränkewirtschaft steht individuelles Flaschen-Design hoch im Kurs. Das macht die Rückgabe schwierig. Im Bereich Bier, sagt Christopher Stolzenberg vom BUM, ist da ein entscheidender Schritt gelungen. "Denn vier große Brauereien in Deutschland haben sich zusammengeschlossen, um eine gemeinsame Einheitsflasche zu nutzen. So müssen weniger Flaschen sortiert und über lange Strecken transportiert werden."

    Neue Nischen für Mehrweg

    In bestimmten Bereichen ist gerade Glas-Mehrweg aber auch wieder im Kommen. Schwarzwaldmilch aus Freiburg oder auch die Bayerische Milchindustrie (BMI), u.a. mit der Marke "Frankenmilch", haben sich bewusst dafür entschieden nur regional begrenzt zu produzieren. Der Rohstoff für Milch, Sahne und auch Joghurt in Mehrwegflaschen und Mehrweggläsern, stammt aus dem umliegenden Einzugsgebiet. Gäbe es die Produkte beispielsweise an der Nordsee zu kaufen, würde das höhere Gewicht beim Transport die gute Ökobilanz der Mehrweg-Glasflaschen verwässern.

    Auf den Trend setzen auch viele Unverpackt- oder Alnatura-Läden, die es über ganz Deutschland verteilt gibt. Hier werden verschiedene Produkte bereits in Mehrweggläsern angeboten. Zum Beispiel passierte Tomaten im Joghurtglas oder Ketchup in der Sahneflasche oder auch Linsen und Reis.

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