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Psychisch am Ende - aber es gibt keinen Therapieplatz | BR24

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Herbstdepressionen können mal leichter ausfallen, mal schwerer. Professionelle Hilfe ist dringend geboten. In Deutschland fehlt es an Kassenzulassungen für Psychotherapeuten. Kranke müssen im Schnitt 140 Tage auf einen Termin warten.

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Psychisch am Ende - aber es gibt keinen Therapieplatz

Wenn Menschen mit psychischen Problem sich überwunden haben, einen Therapeuten aufzusuchen, brauchen sie schnelle Hilfe. Doch die Wartezeit für eine Therapie beträgt bis zu einem Jahr. Die Folgen sind fatal.

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Dominique de Marné hat Schweres hinter sich. Die Autorin und Bloggerin litt unter dem Borderline-Syndrom, einer psychischen Erkrankung. Zehn Jahre lang leidet sie, ohne genau zu wissen, was eigentlich mit ihr los ist. Sie ertränkt den Zustand in Alkohol, wird depressiv. Endlich rafft sie sich auf, will sich Hilfe bei einem Therapeuten holen und denkt, dass jetzt alles gut wird. Aber ihre Bemühungen laufen ins Leere. Ein ganzes Jahr lang muss sie auf einen Therapieplatz warten.

"Das war ganz, ganz schlimm. Ich war sehr froh, dass ich einen guten Freund an meiner Seite hatte, der mir durch diese Zeit geholfen hat. Man entscheidet sich ja: Okay, ich wende mich jetzt diesem Problem zu, ich möchte mir Hilfe suchen - und dann bekommt man aber keine Hilfe. Dann muss man Telefonate führen, Erstgespräche, immer wieder seine Geschichte erzählen. Es wird einem zusätzlich so schwer gemacht." Dominique de Marné, Autorin

Jeder dritte von psychischen Problemen betroffen

Jeder dritte erkrankt irgendwann im Laufe seines Lebens an einer psychischen Störung. Depressionen haben im Laufe der vergangenen 20 Jahre um 150 Prozent zugenommen. Gleichzeitig ist die Zahl der von den Kassen zugelassenen Therapeuten nur leicht gestiegen. Die Folge: Rund 20 Wochen dauert es durchschnittlich, bis ein Patient einen Therapieplatz bekommt. Für die Betroffenen ist das fatal.

"Wir wissen, dass sich Krankheitsbilder auch dadurch verschlimmern können, dass lange Wartezeiten entstehen. Patienten brauchen meistens sehr lange, um diese Hürde auch zu überwinden, den ersten Anruf bei einem Psychotherapeuten zu machen - und das ist sehr bedauerlich, dass wir da oftmals dann doch nicht so schnell helfen können." Dr. Anke Pielsticker, Psychotherapeutin

Letzter Ausweg stationärer Aufenthalt in einer Klinik

Auch Patricia Kaupte ist in ihrem Leben in eine so schwere Krise geraten, dass sie Hilfe braucht. Seit acht Monaten versucht die 22-Jährige einen Therapieplatz zu bekommen. Bei mehr als 20 Therapeuten hat sie angefragt.

"Mit jedem Anruf ist es noch mal schwerer, weil man sich vorher eigentlich schon denkt: Das wird sowieso wieder nichts, die haben sowieso keinen freien Platz. Und irgendwann denkt man sich dann auch: Warum mache ich das eigentlich noch." Patricia Kaupte, Betroffene

Irgendwann kann Patricia Kaupte nicht mehr. Ihr Zustand verschlechtert sich so sehr, dass sie stationär in einer Klinik behandelt werden muss.

Genug Therapeuten, zu wenig Kassenzulassungen

Dabei gäbe es genügend ausgebildete Therapeuten. Es hapert an der Kassenzulassung. Der gemeinsame Bundesausschuss von Krankenkassen und Ärzten hat die Zahl der Zulassungen im Sommer nur leicht erhöht, obwohl immer mehr Menschen Hilfe brauchen.

Hilfsprojekt "Mental Health Café" soll Betroffene auffangen

Nachdem Dominique de Marné endlich einen Therapieplatz bekommen hatte, gelang es ihr, die psychischen Probleme zu überwinden. Jetzt will sie anderen Betroffenen helfen und noch dieses Jahr das Mental Health Café "Berg & Mental" in München eröffnen. Ein Ort, an dem sich Menschen zum Thema seelische Gesundheit austauschen können und eine permanente Anlaufstelle haben, die auch verhindern soll, dass Betroffene, die auf einen Therapieplatz warten, so sehr abstürzen, dass sie in eine Klinik müssen.

"Weil das Thema seelische Gesundheit endlich einen festen, einen schönen Raum braucht, wo man leicht, leichten Herzens, hingehen kann, ohne gleich zu denken: Oh, jetzt gehe ich in eine Klinik." Dominique de Marné, Autorin

Laut Weltgesundheitsorganisation werden Depressionen Diabetes bald als Volkskrankheit Nummer eins ablösen. Das Problem der fehlenden Therapieplätze dürfte sich also weiter verschärfen.