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Verkehrsminister Scheuer im September 2020

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Private E-Ladestationen: Wie gut ist Scheuers Zuschuss?

Das Programm von Verkehrsminister Scheuer startet: Wer eine private Ladestation für sein E-Auto einbauen will, kann nun Zuschuss beantragen. Autoexperte Stefan Bratzel hält das für gut. Im BR kritisiert er aber die Ökostrom-Verpflichtung als zu hoch.

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Von
  • Florian Haas

Elektroautos und Plug-In-Hybride boomen: Im Oktober kamen gut 48.000 neu auf die deutschen Straßen - ihr Marktanteil stieg bei den Neuzulassungen auf über 17 Prozent, ein neuer Rekord. Nun will die Bundesregierung bei der Lade-Infrastruktur das Tempo erhöhen. Besitzer oder potenzielle Käufer eines Elektroautos können ab dem heutigen Tag einen Zuschuss für eine private Ladestation zuhause beantragen. Wer bestimmte Bedingungen erfüllt, bekommt bei der bundeseigenen Förderbank KfW für den Kauf und Installation einer eigenen Wandladestation (meist Wallbox genannt) 900 Euro. Sinnvoll oder nicht? Und wie gut ist generell die E-Lade-Strategie der Bundesregierung? Der Autoexperte Stefan Bratzel gibt im Gespräch mit B5 aktuell Antworten.

B5 aktuell: Herr Professor Bratzel, wie sehr bremst die mangelnde Lade-Infrastruktur derzeit den E-Auto-Boom aus?

Stefan Bratzel, Professor am Automotive Center in Bergisch Gladbach: Das Thema Lade-Infrastruktur ist das zentrale Moment des Hochlaufs der Elektrofahrzeuge. Und wir sind im Moment tatsächlich in einer Situation, wo die künftige Neuzulassung im Elektrofahrzeug-Markt gehemmt werden könnte. Weil der Markthochlauf der Lade-Infrastruktur nicht schnell genug vorankommt.

Gut 30.000 Ladepunkte gibt es in Deutschland. 50.000 Ladepunkte sollen es in gut einem Jahr sein. Reich das, um mit dem Boom der E-Auto-Zahlen mitzuhalten?

Ich glaube, da sind wir schon sehr an der Grenze dessen, was reichen kann. Es ist ja so, dass die Lade-Infrastruktur dem Markthochlauf für Elektrofahrzeuge vorausgehen muss. Man muss die Sicherheit haben, wenn man ein Elektrofahrzeug erwägt zu kaufen, dass man auch wirklich laden kann. Und es ist insbesondere für die, die im öffentlichen Straßenraum laden müssen und nicht Zuhause laden können oder bei der Arbeit, eine ganz wichtige Voraussetzung, dass dort genug Ladepunkte vorhanden sind. Daran mangelt es insbesondere im städtischen Bereich. Wir sehen ja im Moment, dass die Situation auf dem Lande in suburbanen Gebieten nicht so dramatisch ist. Dort haben wir ja in der Regel Garagen mit Stromanschlüssen. Das ist in hochverdichteten Städten deutlich weniger der Fall.

Aber sie würden jetzt nicht so weit gehen, dass sie sagen: Die private Förderung, die jetzt kommt, macht keinen Sinn?

So weit würde ich nicht gehen. Das ist ein zusätzlicher Anreiz. Der kann in den ersten Jahren tatsächlich noch einmal einen kleinen Schub verleihen. Der verbessert auch die Wettbewerbsposition von Elektrofahrzeugen gegenüber Verbrennern. Denn man muss eigentlich die Wallbox, die man installieren muss, zu den Gesamtkosten des Fahrzeugs hinzuzählen. Und das sind dann je nach Model 1.500 Euro, die man "on top" hinlegen muss.

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Autoexperte Stefan Bratzel

Da soll es jetzt 900 Euro geben, Fördermittel vom Staat pro Station. Ist das eine Förderung, von der sie sagen ja: "Das passt!" Oder könnte es auch ein bisschen mehr sein?

Ich glaube, das passt schon. Das ist eine Größenordnung, mit der man einen Großteil der Kosten tatsächlich decken kann. (Anmerkung der Redaktion: Der ADAC taxiert die Kosten für eine Wallbox ja nach Ladeleistung und Ausstattung bei 500 bis 2.000 Euro; hinzu kommen in der Regel noch die Kosten für Anschluss und Einbau, die natürlich auch variieren können.)

Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, es so zu machen wie die Regierung, nämlich: die Förderung an Bedingungen zu koppeln? Es gibt ja nur Geld, wenn 100 Prozent grüner Strom verwendet wird...

Das ist tatsächlich ein Thema. Das nur an grünen Strom zu koppeln, ist schon eine relativ hohe Bedingung. Das schränkt viele Energieversorger ein, die man eben nicht als Energieversorger nehmen kann. Hier ist die Hürde doch recht hoch, hier wäre ich an Stelle der Regierung ein bisschen vorsichtiger herangegangen. Gegebenenfalls zumindest die Hälfte an Förderung hätte man auch bekommen können, wenn es jetzt nicht 100 Prozent Grün-Strom ist, den man durch die Wallbox in Anspruch nimmt.

Da sind wir schon bei der Frage: Werden unsere Stromnetze das alles leisten können, was in Zukunft an Strom auch für E-Autos und Plug-Ins gebraucht wird?

Ja, ich glaube, dass wir in den nächsten Jahren Probleme bekommen können. Insbesondere was die Verteilnetze anbetrifft. Man muss also gucken, dass man diese Verteilnetze für diesen viel höheren Bedarf ertüchtigt. Die Voraussetzungen, unter denen diese Netze gebaut wurden, war ja nicht, dass so hohe Ströme in den jeweiligen Haushalten fließen. Wenn Sie jetzt eine Wallbox in der Straße haben, ihr Nachbar auch, und dann will noch der Nachbar des Nachbarn eine Wallbox mit elf Kilowattstunden bauen - dann sagt irgendwann der Stromversorger: Nein, das geht nicht, weil das die Verteilnetze nicht aushalten. Dann muss ein stärkeres Kabel verlegt werden oder ein Transformatorhäuschen irgendwohin gestellt werden. Mit dieser Situation gehen wir in die nächsten Jahre hinein. Und das ist tatsächlich eine Begrenzung das Markthochlaufs - wenn man keine Wallboxen mehr dann installieren kann ohne mit relativ teuren Maßnahmen die Verteilnetze zu ertüchtigen.

Minister Scheuer will ja, dass man eben nur noch maximal zehn Fahrminuten bis zur nächsten Ladesäule braucht. Ist das gut, wenn man das als Obergrenze ansetzt oder ist das fernab der Realität?

Zehn Minuten vom Wohnort weg ist relativ viel, das ist schon eine enorme Komforteinbuße. Ich glaube, dass wir im städtischen Bereich viel mehr Schnellladeparks brauchen. Das ist also so ähnlich, wie wir das jetzt von Tankstellen kennen. Dass man eben zum Nachtanken - oder in dem Fall: Nachladen - zur Schnellladestation um die Ecke fährt. Dort kann man dann eben innerhalb von einer Viertelstunde 100, 200 Kilometer an Reichweite nachladen. Das ist gerade im städtischen Bereich sehr wichtig. Hier gibt es noch enormen Nachholbedarf. Es gibt die ersten Schnellladeparks, zum Beispiel in Stuttgart, wo jüngst einer eröffnete, der direkt in der Stadt ist. Das muss noch deutlich stärker um sich greifen.

Glauben Sie, wir werden eine Zweiteilung beim Laden erleben? Dass also die Leute, die im ländlichen Raum wohnen, zu Hause laden werden, während diejenigen, die in der Stadt wohnen, auf solche Schnellladeparks und Schnellladestationen zurückgreifen werden?

Ja, das wird genau die Entwicklung sein. Es ist ein relativ hoher Komfortgewinn, wenn man zu Hause eine Ladestation hat. Es wird, wenn man so will, dann sogar einfacher als mit dem Verbrennungsmotor, wo man an die Tankstelle fahren muss. In dem Fall geht man nach Hause, und alle paar Tage hängt man das Kabel ans Fahrzeug. In der Stadt allerdings wird es schwieriger, weil wir eine hohe Dichte haben. Und da kommt es tatsächlich darauf an, dass überall entsprechende Normalladestationen, aber eben auch einige Schnellladestationen schon um die Ecke sind. Damit das überhaupt funktionieren kann.

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Zuschüsse für private E-Ladestationen können beantragt werden

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