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Prekäres Wohnen - Betroffene geben Hoffnung nicht auf | BR24

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Schön, wenn man sich etwas leisten kann an Weihnachten. Nicht jeder kann das. Viele müssen ihre Wohnung aufgeben - und haben es dann schwer, eine Alternative zu finden. Über Menschen, die die Hoffnung auf ein richtiges Zuhause nicht aufgeben.

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Prekäres Wohnen - Betroffene geben Hoffnung nicht auf

Schön, wenn man sich etwas leisten kann an Weihnachten. Aber nicht jeder kann das. Viele müssen gar ihre Wohnung räumen - und haben es dann schwer, eine Alternative zu finden. Über Menschen, die die Hoffnung auf ein richtiges Zuhause nicht aufgeben.

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Happurg, ein beschauliches Dorf im Nürnberger Land. Schmucke Häuser säumen die Straßen. Alles ist ordentlich. Nur ein Haus passt so gar nicht in diese Idylle: die Notunterkunft der Gemeinde. Sie gleicht eher eine Baracke.

Hier wohnen Monika Brandl und ihr Sohn Gerd. Schon zum achten Mal werden sie hier Weihnachten feiern. Und jedes Jahr hoffen sie, dass alles wieder besser wird. Doch es ist nicht so leicht, eine Wohnung zu finden. Die Brandls sind fest verwurzelt in Happurg und wollen nicht weg aus der Gemeinde.

"Wir sind ja schon ewig hier im Happburger Raum. Ich habe nie gedacht oder wir haben nie gedacht, dass wir wirklich so lange hier ausharren müssen unter diesen Umständen. Wir haben gesagt: Da haben wir schnell wieder eine Wohnung, müssen wir halt abwarten. Jetzt haben wir wieder was in Aussicht, eventuell. Aber manche sagen dann: Ja, Hund kommt nicht in Frage, aber bevor wir unseren Hund hergeben, würden wir lieber unter der Brücke schlafen. Weil das ist das Einzige, was uns noch geblieben ist von unserem früheren Leben." Monika Brandl, Bewohnerin einer Notunterkunft, Happurg, Nürnberger Land

Notunterbringung nach sozialem Abstieg

Früher besaß die Familie Brandl ein großes Haus mit Garten. Der Ehemann hatte eine eigene Firma, doch die ging pleite. Dann folgte der soziale Abstieg. Das Haus wurde zwangsversteigert, die Familie landete in der Notunterkunft. Monika Brandls Mann hat das nicht verkraftet, im vergangenen Jahr ist er gestorben. Alles, was Mutter und Sohn noch geblieben ist: ein paar Erinnerungsstücke.

"Das sind die beiden Schränke, die übriggeblieben sind. Alles andere von unseren Möbeln ist alles verschimmelt und vergammelt. Und ich hatte ja einen super Haushalt, aber was willst machen. Wir wissen nicht, was eine Küche ist, mittlerweile. Wir wissen nicht, was ein Wohnzimmer ist. Wir wissen nicht, was ein Schlafzimmer ist. Ja, unsere Truhen, das ist auch noch übrig geblieben von dem Ganzen." Monika Brandl, Bewohnerin einer Notunterkunft, Happurg, Nürnberger Land

Jetzt schlafen Monika und Gerd Brandl neben verschimmelten Wänden. Richtig heizen können sie nur die Küche. Noch schlimmer sieht es in den oberen Stockwerken aus, da gibt es nicht mal fließend Wasser. Trotzdem hat man hier immer wieder übergangsweise Leute untergebracht, zuletzt im vergangenen Sommer.

Zahl der Wohnungslosen in Bayern steigend

Jede Gemeinde ist verpflichtet, Wohnungslose in einer Notunterkunft unterzubringen: einfach, aber menschenwürdig. Was sagt man bei der Gemeinde Happurg über den heruntergekommenen Zustand des Hauses, in dem die Brandls leben? Auf Anfrage des BR heißt es per Mail: Man sei daran interessiert, eine Unterbringung in einer Obdachlosenunterkunft ganz zu vermeiden.

Doch bezahlbarer Wohnraum ist mittlerweile auch auf dem Land knapp. Die Zahl der Wohnungslosen in Bayern steigt - in den letzten fünf Jahren um fast ein Drittel auf mindestens 16.000. Die Dunkelziffer dürfte aber weit höher liegen. Die Folge: Immer mehr Wohnungssuchende drängen in die Städte, wie etwa nach Nürnberg. Dort spitzt sich die Situation zu, nicht selten landen die Menschen in Notunterkünften.

Hilfsprojekt für alleinerziehende Mütter

Alleinerziehende haben es auf dem umkämpften Wohnungsmarkt besonders schwer. Ein Patenschaftsprojekt der Rummelsberger Diakonie im Nürnberger Land versucht, betroffene Frauen bei der Wohnungssuche zu unterstützen, mit vorübergehender Unterkunft. Doch für manche wird aus der Übergangslösung im Mutter-Kind-Haus ein Daueraufenthalt. Projektkoordinatorin Annette Roß blickt skeptisch in die Zukunft:

"Die Wohnsituation wird im nächsten Jahr nicht viel besser ausschauen als jetzt. Natürlich tut die Stadt was. Sie versuchen neuen Sozialraum zu schaffen. Aber wenn man weiß, dass in den nächsten Jahren auch sehr viele Sozialwohnungen aus der Bindung herausfallen, wird dieses Problem uns mit Sicherheit noch länger beschäftigen." Annette Roß, Patenschaftsprojekt Rummelsberger Diakonie

Veronika Horyna ist eine der Frauen, die im Mutter-Kind-Haus der Rummelsberger Diakonie eine Bleibe gefunden haben. In acht Jahren hat sich die fünffache Mutter mehrmals um eine Wohnung beworben, doch bislang ohne Erfolg. Eine Dauerbelastung. Zwei Herzinfarkte hat die 45-jährige Friseurin in der Zeit erlitten.

"Telefonieren, im Internet, das ist eigentlich so fast täglich. Natürlich gibt es Zeiten, wo es einfach gar nicht mehr geht, weil man es gar nicht mehr aufnehmen kann. (…) Wenn ich irgendwo anrufe und sag' schon, fünf Kinder, da ist mir schon passiert, dass einfach aufgelegt worden ist." Veronika Horyna, Bewohnerin Mutter-Kind-Haus der Rummelsberger Diakonie, Nürnberger Land

Trotz düsterer Aussichten bleibt die Hoffnung

Ihre einstige Wohnung musste Veronika Horyna aufgeben. "Die war letztendlich so verschimmelt, dass die Kinder gesundheitlich sehr angeschlagen waren. Das Blut ist aus der Nase gelaufen, und der Vermieter hat sich halt auch überhaupt gar nicht gekümmert", so schildert sie.

Weiterhin wünscht sich die Mutter ein neues Zuhause: "wo wir uns wohlfühlen und wo wir endlich angekommen sind." Monika Brandl und ihr Sohn können schon in wenigen Tagen wieder eine Wohnung besichtigen. Vielleicht geht dann für sie ihr größter Weihnachtswunsch in Erfüllung. Auch sie haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben.