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Plug-in-Hybride: Mogelpackung oder gut für die Umwelt? | BR24

© Gabriel Wirth/BR

Verkaufsboom bei Plug-in-Hybrid-Autos: Fluch oder Segen ?

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Plug-in-Hybride: Mogelpackung oder gut für die Umwelt?

Während die Verkäufe normaler Verbrenner in der Corona-Krise eingebrochen sind, steigt die Nachfrage nach Plug-in-Hybriden rasant an. Sie werden als Beitrag zum Klimaschutz gefördert. Doch bringt das dem Klima wirklich etwas?

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Hierzulande werden Plug-in-Hybride für Autofahrer offensichtlich immer beliebter. Während die Neuzulassungen im Juni gegenüber dem Vorjahresmonat insgesamt um rund ein Drittel einbrachen, schnellten die Verkäufe von Plug-in-Hybriden geradezu nach oben. Das zeigen Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes KBA.

Mit knapp 11.000 Fahrzeugen lag ihr Gesamtanteil an den Neuzulassungen im Juni zwar gerade einmal bei fünf Prozent, doch der Anteil dürfte in den kommenden Monaten weiter schnell zulegen, meint der Autoexperte Professor Stefan Bratzel:

"Die deutschen Hersteller, die einen hohen Marktanteil hierzulande haben, sind hinsichtlich ihrer Produktportfolios bei reinen Elektroautos eben noch nicht so weit. Bei Plug-in-Hybriden gibt es hingegen großes Potenzial." Stefan Bratzel, Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach

💡 Was ist ein Plug-in-Hybrid?

Ein Plug-in Hybrid ist ein Fahrzeug, dass sowohl über einen Elektroantrieb als auch einen klassischen Verbrennermotor verfügt. Das hat den Vorteil, dass man auf kleineren Strecken zwischen 30 und 40 Kilometer elektrisch fahren kann. Wenn man weitere Strecken unterwegs ist und die Reichweite des E-Antriebs die Grenzen erreicht, schaltet sich der Verbrennermotor ein. Der Nachteil allerdings ist, dass man ständig mit zwei Antriebssysteme unterwegs ist und dadurch mehr Gewicht durch die Gegend fährt. Vor allem die schweren Akkus erhöhen das Gewicht des Fahrzeugs deutlich. Das ist so, als ob ständig drei Erwachsene auf der Rückbank sitzen, hört man gelegentlich von Experten. (Erklärt von Gabriel Wirth, BR24-Wirtschaft)

Breites Angebot an Plug-in-Hybriden

So bieten VW, Audi, Mercedes und BMW mittlerweile Dutzende Modelle in den verschiedenen Baureihen an, von VW Passat, über Audi A6 Avant, die Mercedes E-Klasse bis hin zum BMW 3erTouring. So spricht man bei Audi von einem aktuell sehr hohen Interesse. Der Bestelleingang bei diesen Fahrzeugen mache je nach Modellreihe zwischen 35 und 50 Prozent am Gesamtvolumen einer Modellreihe aus. Allerdings brauchen Kunden häufig Geduld, mehrere Monate Lieferzeit sind nichts Ungewöhnliches.

Viele dieser Autos werden als Geschäftswagen geschätzt, und das dürfte in erster Linie an den steuerlichen Vorteilen liegen. Zur Begründung der Förderung teilte das Bundesfinanzministerium auf BR-Anfrage mit:

"Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, zur Mobilitätswende umweltfreundlichen Individualverkehr zeitlich begrenzt bis zum 31. Dezember 2030 zu fördern. Es sollen bis 2030 sieben bis zehn Millionen Elektrofahrzeuge in Deutschland zugelassen sein. Hierfür wurde ein Bündel an steuerlichen Maßnahmen umgesetzt." Stellungnahme des Bundesfinanzministeriums

Sind Plug-in-Hybride die besseren Autos?

Während bei normalen Verbrennern die private Nutzung von Geschäftsautos pauschal mit monatlich einem Prozent des Bruttolistenpreises versteuert werden muss, sind es bei einem Plug-in-Hybriden nur 0,5 Prozent, also glatt die Hälfte - allerdings nur, wenn das Auto maximal 50 Gramm CO2 pro Kilometer ausstößt.

Doch wie realistisch ist so ein Ausstoß? Das kommt auf die Fahrweise an, sagt Matthias Vogt. Er ist Referent für Fahrzeugtechnik beim ADAC. Vogt zufolge kann man nicht pauschal sagen, dass Plug-in-Hybride eine Mogelpackung sind oder gut für die Umwelt. Heißt: Wenn man viel elektrisch fährt, sind sie abhängig vom Strommix besser für die Umwelt. Wenn sie allerdings rein mit dem Verbrennungsantrieb gefahren werden, rechnet sich das umweltmäßig nie, allein schon wegen des Akku-Gewichts.

Geschäftsleute: Kaum Anreize, E-Motoren zu nutzen

In der Branche ist immer wieder zu hören, dass es vorkommt, dass bei jungen Gebrauchtwagen die Ladekabel noch original verpackt und ungenutzt im Auto liegen. Die Nutzer waren also demnach nie mit dem Elektroantrieb unterwegs. Eigentlich auch nachvollziehbar: Wer zum Beispiel als Außendienstmitarbeiter eine Tankkarte besitzt und kaum Möglichkeiten hat, das Auto an ein Stromladekabel zu hängen, dem fehlen einfach die Anreize.

Im Gegenteil: Elektrisch zu laden kostet viel mehr Zeit als Sprit zu tanken. Vor dem Mikrofon will sich allerdings keiner der befragten Händler äußern. Bei Daimler immerhin räumt man ein, dass so etwas vorkommt, wenn auch nur in geringem Umfang: Die Zahl der Leasing-Rückläufer, die nicht oder kaum elektrisch genutzt worden seien, sei verschwindend klein. Doch Automobilexperte Stefan Bratzel ist dennoch gegen eine steuerliche Förderung.

"Wir haben bei den Plug-in-Hybriden einen klassischen Regulierungsfehler, der muss angepasst werden. Man muss Plug-in-Hybride nach Realverbrauch besteuern, und das findet im Moment nicht statt. Dadurch werden die Fahrzeuge nicht artgerecht benutzt. Das ist ein Riesenfehler, das bringt der Umwelt nichts und kostet den Steuerzahler ziemlich viel." Stefan Bratzel, Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach

Finanzministerium will an Förderung der Plug-in-Hybride festhalten

Beim Bundesfinanzministerium will man trotzdem an der steuerlichen Förderung festhalten. Hybridelektrofahrzeuge würden als Brückentechnologie bei der Mobilitätswende eine entscheidende Rolle spielen, heißt es. Sie würden vor allem im Innenstadtbereich helfen, die lokalen Emissionen deutlich zu verringern.

Den Herstellern wird es gefallen, denn die staatliche Absatzhilfe bei den alternativen Antrieben hilft den Autobauern auch, die strengeren CO2-Vorgaben zu erreichen. Ab diesem Jahr gilt in der EU ein Flottengrenzwert bei den Neuwagen von 95 Gramm pro Kilometer. BMW hat bereits versprochen, trotz Corona-Krise an dieser Grenze festhalten zu wollen. Noch sind die Hersteller zum Teil noch weit von diesem Ziel entfernt.

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