BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Pflegeheime am Limit: Angehörige in Sorge | BR24

© BR
Bildrechte: BR

Eine menschenwürdige Pflege - das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. In der Corona-Krise ist die Lage eskaliert: Jetzt treten Missstände und Schwachstellen offen zu Tage, die über Jahrzehnte gewachsen sind.

2
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Pflegeheime am Limit: Angehörige in Sorge

Laut Grundgesetz ist die Würde des Menschen unantastbar. Doch wie sieht es aktuell in den Pflegeheimen aus? Ist würdevolle Pflege noch möglich? Besuche gibt es kaum, Pflegekräfte fehlen und auch viele Heimbewohner stehen unter Quarantäne.

2
Per Mail sharen
Von
  • Antonia Böhm

Matthäus Stein ist beunruhigt. Seine ehemalige Lebensgefährtin, um die er sich sorgsam kümmert, lebt seit zwölf Jahren in einem Pflegeheim bei München. Früher hat er sie jeden Tag besucht. Während der Pandemie war das lange nicht möglich. Der 79-Jährige will sich vor Ort ein Bild vom Zustand seiner Freundin machen. Danach berichtet er: "Ich bin mit einem schlechten Gefühl rausgegangen. Das Asthma hat sich verschlechtert. Ich konnte in der kurzen Zeit keinen Überblick über den gesamten Zustand erhalten."

Kontrollen nur schwer möglich

Wer kontrolliert, inwieweit die Versorgung der Bewohner noch adäquat aufrechterhalten wird? Die Kontrollen von Medizinischem Dienst und Heimaufsicht fallen während der Pandemie weitgehend aus. Und die Angehörigen? Viele dürfen ihre Verwandten im Pflegeheim nur selten oder wie Matthäus Stein zeitweise gar nicht besuchen. Er ist beunruhigt. Er berichtet, seine Freundin habe deutlich abgebaut, seit er sie das letzte Mal gesehen habe.

Unsicherheit bei Angehörigen

Auch seine Nachbarin Saskia Hein hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Ihre Großmutter war im gleichen Pflegeheim untergebracht. Vor zwei Wochen ist sie gestorben. Wie ernst der Zustand ihrer Oma wirklich war, erfuhr Saskia Hein erst kurz vor deren Tod. Davor sei sie vom Pflegepersonal immer wieder abgewimmelt worden, erzählt sie. "Mitte Dezember ging gar nichts mehr. Wir durften sie nicht mehr besuchen. Wir wussten nicht, wie es ihr geht. Wenn wir angerufen haben, hieß es, es geht ihr gut. Aber bei Nachfragen, ob wir vielleicht mal skypen könnten oder telefonieren – das war nicht möglich. Die waren dann überlastet, oder hatten keine Zeit."

Ausnahmesituation auch für die Pflegenden

In Wasserburg am Inn sitzt Joachim Smasal beim Frühstück. Heute dauert das keine 15 Minuten. Vor neun Monaten war das ganz anders. Der freiberufliche Gesundheits- und Krankenpfleger hatte sich in der Osterzeit mit Corona infiziert. Wochenlang ging es ihm sehr schlecht. "Für einen Joghurt und ein bisschen Apfelmus, das ich essen konnte, habe ich anderthalb Stunden gebraucht. Du bist überhaupt nicht mehr leistungsfähig. Du liegst da wie ein Schluck Wasser in der Kurve."

"Nach zehn Tagen dann war ich psychisch und physisch so kaputt, so am Ende, dass ich einen Krankenwagen gerufen habe. Ich sagte: 'Bitte, Leute, holt mich ab, ich halte das nicht mehr aus, ich kann nimmer, ich kann einfach nicht mehr.'" Joachim Smasal, freiberuflicher Pfleger

Ein BR-Team der Sendung "mehr/wert" begleitet Joachim Smasal an seinen früheren Arbeitsplatz, das Pflegeheim Priental in Aschau am Chiemsee. Vor Betreten des Heims machen alle einen Corona-Schnelltest und messen Fieber. Das Pflegeheim ist jetzt Corona-frei. Doch während des ersten Lockdowns im Frühjahr war das Haus stark betroffen. Mehr als die Hälfte der Bewohner wurde positiv getestet. Auch Joachim Smasal. Das Heim stand kurz vor dem Kollaps.

"Am schlimmsten Tag der Krise waren von circa 60 Pflegekräften noch zehn einsatzfähig. Alle anderen waren in Quarantäne, hatten Symptome, waren positiv getestet, hatten Angst. Eine ganze Reihe von Mitarbeitern, auch die Älteren vor allem, sind zu Hause geblieben, weil sie Sorgen hatten, sich zu infizieren." Wolfgang Rohrmüller, Leiter Pflegeheim Priental

Für die Mitarbeiter waren die Erlebnisse im April vergangenen Jahres traumatisierend. Fast ein Viertel der 70 Bewohner starb innerhalb von sechs Wochen. Der emotionale Druck, der auf den Pflegekräften lastet, ist extrem. "Wenn Sie in ein Corona-Haus im Akutfall reinkommen, dann wissen Sie vom ersten Tag, von der ersten Sekunde an, es geht jetzt nichts mehr, es geht nur noch im Laufschritt", berichtet Joachim Smasal.

"Ich hab viele Infektionswellen über dieses Land hinwegziehen sehen, aber es war noch nie so schlimm wie jetzt. Wenn Sie Kollegen weinend am Fenster stehen sehen, dann wissen Sie, jetzt ist nix mehr normal, nix mehr." Joachim Smasal, freiberuflicher Pfleger

Auch Heimbewohnerin Eva-Maria Aerzbäck erinnert sich an die Zeit des ersten Lockdowns: ein Gefühl wie im Gefängnis. "Neun Wochen war ich in Quarantäne hier drin. Das war ein bisschen viel."

Pflegepersonal dringend gesucht

Würdevolle Pflege, so wie sie sich die meisten wünschen, ist nicht mehr möglich, wenn sich in einem Heim Corona ausbreitet. In ganz Bayern werden händeringend Pflegekräfte gesucht – weil Mitarbeiter coronabedingt krank oder in Quarantäne sind.

"Branche kaputtgespart"

Pflegeexperte Claus Fussek kritisiert schon lange, dass die Pflege durch jahrelange Sparmaßnahmen am Ende sei. Durch die Pandemie werde das nun schonungslos offengelegt. Er fordert ein Umdenken. Die Pflegekräfte seien gefordert, ehrlich zu sagen, was sie leisten könnten. Sie sollten nicht die Situation beschönigen und ehrlich sagen, wie die Arbeitsbedingungen seien.

"Der medizinische Dienst ist Partner und Anwalt und nicht Gegner oder Feind. Diesen Perspektivenwechsel brauchen wir jetzt endlich in der Pflege." Claus Fussek, Pflegeexperte

Matthäus Stein hat jahrelang für eine bessere, würdige Pflege seiner Freundin gekämpft. Immer wieder wies er Heimleitung und Aufsicht auf Mängel hin. "Da ich jeden Tag stundenlang da war, hab ich viel erlebt und gesehen. Das dürfte ein Außenstehender gar nicht erleben", berichtet Matthäus Stein. Trotzdem gibt er nun die Betreuung ab. Altersbedingt.

Würdevolle Pflege – auch während der Pandemie

Auch Saskia Hein will sich bei der Heimaufsicht beschweren. Sie sagt, das sei sie ihrer Großmutter schuldig und den anderen alten Menschen, die auf eine würdevolle Pflege angewiesen sind – gerade in Zeiten von Corona.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!