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Eine Pflegefachkraft geht mit einer Bewohnerin durch das Seniorenheim

Vor allem in bayerischen Ballungsräumen wird sich die Pflegesituation nach Berechnungen von Experten bald verschlechtern.

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Sina Schuldt
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    Pflege-Studie: Große Unterschiede in bayerischen Regionen

    Immer mehr Ältere, ein leer gefegter Personalmarkt, zu wenige Pflegeschüler: Wissenschaftler haben eine umfassende Studie zur Pflege in Bayern vorgelegt. Kritisch dürfte es vor allem im Großraum München werden.

    Von
    Elsbeth BräuerElsbeth BräuerBR24  RedaktionBR24 Redaktion
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    Es rollt ein Problem auf uns zu. Diesen Eindruck bekommt man, wenn man die neue Monitoring-Studie zum bayerischen Bedarf an Pflegepersonal liest. Dass es einen Pflegenotstand gibt, ist zwar nichts Neues. Allerdings fehlten bislang für Bayern umfassende Zahlen, um die Versorgung einzuschätzen.

    Im Auftrag der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB) haben Wissenschaftler nun Daten zusammengetragen und beunruhigende Schlüsse gezogen. "Bayern steht nicht gut da", sagt Prof. Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung in Köln. Wird nichts unternommen, könne eine Versorgung mit Fachkräften nicht gewährleistet werden. "Das heißt nicht, dass überall Menschen unterversorgt werden. Aber wir werden häufiger Qualitätseinbußen erleben." Isfort rechnet zum Beispiel damit, dass Pflegeheime Plätze wegen Personalmangel abbauen müssen und sich so die Auswahl verringert.

    Große Unterschiede je nach Region

    Die Studie zeigt: Die Pflege-Versorgung in Bayern ist je nach Gegend sehr unterschiedlich. Denn in manchen Gegenden wohnen mehr ältere Menschen als anderswo, in manchen gibt es mehr Personal, nicht überall werden gleich viele Pflegekräfte ausgebildet. Wie viel Personal gebraucht wird, hängt auch davon ab, ob Menschen in einer Region vor allem zuhause von ihren Angehörigen, von Pflegediensten oder im Heim gepflegt werden.

    Im Landkreis Freyung-Grafenau werden zum Beispiel nur rund 16 Prozent der Pflegebedürftigen im Heim versorgt, in der Stadt Landshut sind es fast 40 Prozent. All diese Informationen haben die Wissenschaftler zusammengerechnet und für 18 Regionen einen "Versorgungsindex" ermittelt. Je höher der Wert, desto größer wird voraussichtlich das Problem.

    Wie sicher ist die Versorgung in den bayerischen Regionen? Je höher der Wert, desto größer voraussichtlich das Problem.

    Bildrechte: BR/Quelle: Monitoring Pflegepersonalbedarf Bayern 2020

    Problemregion München: Mehr Ausbildung gefordert

    Sechs Regionen liegen teils deutlich über dem Durchschnitt. Dem Großraum München droht offenbar der vergleichsweise größte Engpass. Durch die demografische Entwicklung wird die Bevölkerung vor allem in den umliegenden Landkreisen immer älter. Derzeit gibt es zwar noch ausreichend Pflegekräfte, aber es kommen zu wenig neue nach. Man müsste also rasch ausbilden, sagt Isfort – und zwar vor Ort. Der Pflege-Markt sei regional, lange Anreisen könnten sich Pflegekräfte nicht leisten.

    Außerdem müsste der Beruf für alle Schulabschlüsse attraktiver werden, zum Beispiel durch bessere Arbeitsbedingungen und Aufstiegschancen.

    Regional auf den Pflegenotstand reagieren

    Die Vereinigung der Pflegenden hofft, dass die Politik dank der Monitoring-Studie besser regional gegensteuern kann. "Die Studie soll eine Grundlage für ganz wichtige Entscheidungen der Kommunen sein", sagt VdPB-Präsident Georg Sigl-Lehner. In unterversorgten Regionen sollte es etwa mehr Ausbildungsplätze geben.

    Das Monitoring will auch in Zukunft regelmäßig Zahlen liefern. Sigl-Lehner fordert, dass Pflegekräfte in Bayern sich künftig verpflichtend registrieren müssen, um eine bessere Datengrundlage zu schaffen.

    Holetschek will rasche Pflegereform des Bundes

    Bayerns Gesundheits- und Pflegeminister Klaus Holetschek bewertet die VdPB-Studie als Bestätigung seines Pflege-Kurses. Er betont, das Ziel sei, die pflegerische Versorgung in Bayern langfristig zu sichern und mehr Fachkräfte für die Pflege zu begeistern. "Deshalb setze ich mich auch intensiv dafür ein, dass die künftige Bundesregierung rasch eine umfassende Pflegereform auf den Weg bringt."

    Holetschek verwies auf ein Pflege-Gutachten seines Ministeriums von Anfang März, demzufolge die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Bayern bis zum Jahr 2050 auf bis zu 1.000.000 steigen wird. Derzeit gibt es in Bayern rund 500.000 Pflegebedürftige (Stand Dezember 2019). Entsprechend erhöht sich bis 2050 auch der Bedarf an Pflegepersonal: Gebraucht würden zusätzlich bis zu rund 157.000 Vollzeit-Pflegekräfte, davon bis zu beinahe 84.000 Pflegefachkräfte.

    "Wir brauchen eine echte Reform, kein Reförmchen"

    Gegen die drohenden Versorgungsengpässe helfe nur eine grundlegende Reform, sagt Pflegewissenschaftler Isfort. Doch die Politik habe in den letzten zwanzig Jahren nur an ein paar Stellschrauben gedreht. "Das ist ein bisschen, wie an einem alten Benziner zu schrauben, wenn man weiß, dass die Elektromobilität kommt."

    Einige Lösungsansätze der Politik laufen offenbar ins Leere, zeigt die Studie. Dass der Staat bei der Bewältigung von Pflege zu einem großen Teil auf die Hilfe der Familie setzt, könnte in Zukunft nicht mehr funktionieren. Dieses "informelle Pflegepotenzial" werde in allen Regionen Bayerns in den kommenden zwanzig Jahren zurückgehen, schätzen die Forscher – auch, weil sich Beruf und Pflege schwer vereinbaren lassen. Und auch ausländische Pflegekräfte mildern das Problem laut den Wissenschaftlern nicht ausreichend ab: Sie gingen bevorzugt in Metropolen wie München – für den ländlichen Raum seien sie keine Lösung.

    Pflege-WGs und neue Wege in der "24-Stunden-Pflege"

    Helfen könnten neue Wohnformen wie Pflege-WGs oder Angebote zur Prävention. Kommunen könnten zum Beispiel Programme etablieren, bei denen ältere Menschen regelmäßig von "Community Nurses" daheim besucht werden – so könnten sie auf Wunsch möglichst lange zuhause bleiben.

    Außerdem brauche es Rechtssicherheit und Transparenz im Bereich der sogenannten "24-Stunden-Pflege". Bisher werden diese Haushalts- und Betreuungskräfte nicht systematisch erfasst und arbeiteten häufig im rechtlichen Graubereich.

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