BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Pflege-Streik trotz Corona: fair oder verantwortungslos? | BR24

© Peter Steffen / Picture Alliance, verdi, BR / Bildcollage: Johannes Lenz, BR

Die Gesichter hinter der Pflege: Junge Menschen wie Alexander Jorde, Bettina Rödig und Julia Niedermeier arbeiten als Pflegekräfte.

6
Per Mail sharen

    Pflege-Streik trotz Corona: fair oder verantwortungslos?

    Pflegekräfte leisten wichtige Arbeit - besonders in der Corona-Krise. "Warum bekommen wir so wenig Lohn und Respekt?", fragen sich viele und streiken. Drei junge Pflegekräfte erzählen, was sie bewegt und was für Patienten auf dem Spiel steht.

    6
    Per Mail sharen

    Als die Corona-Pandemie in Bayern angekommen ist, war Bettina Rödig mittendrin. Die Kinderkrankenpflegerin arbeitet im städtischen Klinikum München Schwabing. Dort landeten zu Beginn der Corona-Krise mit die meisten Covid-19-Fälle. Die Pflegestation, auf der sie bis dahin gearbeitet hatte, wurde Anfang April geschlossen.

    Bettina Rödig wurde versetzt, um Personalmangel auszugleichen. Sie dachte schon vor der Corona-Krise, dass die Belastung sehr hoch sei. Doch dann ging es erst richtig los.

    Lob, Klatschen, schöne Worte. Reicht das? Was die Betroffenen fordern und was Arbeitgeber und Politik tun – Am Mittwoch (21.10.) in der Münchner Runde um 20:15 Uhr im BR Fernsehen und hier bei uns im Livestream.

    "Zu viel Verantwortung für zu wenig Geld"

    Bettina Rödig ist mit der Schutzausrüstung zufrieden und mittlerweile gibt es auch genug Masken, "nachdem uns die Masken über Ostern ausgegangen waren". Doch immer öfter komme es in der Pandemie vor, dass sie und ihre Kolleginnen und Kollegen am Limit arbeiten. Ein Grund dafür: Zu wenig Personal auf der Intensivstation.

    "Wir stehen unter enormen Druck in der Pflege und mir ist in der Corona-Krise einmal mehr klargeworden: Wir haben viel zu viel Verantwortung für Menschen und bekommen dafür zu wenig Geld." Bettina Rödig, Vorstand Ver.di Jugend Bayern, Gesundheits- und Krankenpflegerin

    Arbeit auf Abruf: "Situation auf Station aktuell wie im April"

    Vor allem die Bereitschaftsdienste machen vielen Pflegekräften zu schaffen. So wie Julia Niedermeier aus Deggendorf. Die angehende Gesundheits- und Krankenpflegerin hat im BR24-Interview Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml mit den schwierigen Arbeitsbedingungen konfrontiert. Geändert hat sich aber nichts.

    Stattdessen hat Corona die schlechten Arbeitsbedingungen wie "Arbeit auf Abruf" und zu viele Patienten pro Pflegekraft noch verschärft. "Zwischendurch wurde es besser, aber die aktuelle Situation ist wieder mit der im April vergleichbar." Die Arbeitgeber und die Politik sollten ihrer Meinung nach "aufhören mit den Spielchen".

    "Der Job muss attraktiver werden und da spielen höhere Löhne eine wichtige Rolle." Julia Niedermeier, angehende Gesundheits- und Krankenpflegerin

    Bis zu zwanzig Patienten pro Pflegekraft

    Alexander Jorde vertritt eine ähnliche Meinung. Er arbeitet auf einer internistischen Intensivstation in Hannover und wurde bundesweit mit seinem Engagement für die Pflegebranche bekannt. Im September 2017 trat er in der ARD-Wahlarena in Lübeck auf und stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Rede. Das Video dazu ging viral. Damals war er noch in der Ausbildung.

    Doch schon hier machte er die Erfahrung: Es gibt Pflegekräfte in Deutschland, die in Schichten arbeiten, in denen sie für zwanzig Patienten gleichzeitig verantwortlich sind. Mittlerweile hat er seine Ausbildung abgeschlossen und erzählt aus seinem Arbeitsalltag.

    "Man fängt manchmal um 6 Uhr an zu arbeiten und kann sich um 14 Uhr das erste Mal hinsetzen. Man muss parallel viele Dinge erledigen und man trägt eine große Verantwortung." Alexander Jorde, Gesundheits- und Krankenpfleger

    An seiner Forderung hat sich seit dem Tag im September 2017 nichts geändert: Mit einer Personaluntergrenze in einigen wenigen Bereichen der Pflege gibt er sich nicht zufrieden. "Wir brauchen gesetzliche Personaluntergrenzen in allen Bereichen der Pflege. Es geht um die Frage: Wie können wir die Pflege in den nächsten Jahren gewährleisten? Wir sollten vorschreiben, dass eine Pflegekraft immer nur zwei Menschen gleichzeitig betreuen darf." Dabei bezieht sich Alexander Jorde auf den Bereich der Intensivstationen. Gerade dort sollten Arbeitgeber mit besseren Arbeitsbedingungen um das Pflegepersonal werben.

    Streik in der Corona-Krise: Ist das wirklich nötig?

    Für Forderungen wie diese macht sich Krankenpflegerin Bettina Rödig mittlerweile auch auf der Straße stark. Bettina Rödig ist im Vorstand der Ver.di Jugend in Bayern und klärt ihre Kolleginnen und Kollegen über ihre Rechte auf. Etliche Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger aus ihrer Klinik legen ihre Arbeit nieder.

    Sie demonstrieren nicht nur für 4,8 Prozent mehr Lohn, wie die Gewerkschaft für alle Beschäftigten im Öffentlichen Dienst fordert, sondern für spezielle Verbesserungen im Gesundheitswesen: Wegen der besonderen Ansprüche an die Arbeit sollen kleine Einkommen mindesten um 150 Euro ansteigen. Ausbildungs- und Praktikumsentgelte sollen um 100 Euro monatlich erhöht werden.

    Doch Stimmen werden laut: Muss man deswegen in der Corona-Krise streiken? Auf Kosten der Patienten?

    Pflegekräfte und Arbeitgeber – beide tragen Schuld am Streik

    Bettina Rödig kennt dieses Argument. Die Arbeitgeberseite würde es oft öffentlichkeitswirksam benutzen. Sie hat Verständnis für Patienten, die von den Streiks betroffen sind, weil zum Beispiel Operationen verschoben werden müssen. "Aber uns vorzuwerfen, wir alleine wären verantwortungslos – das ist nicht fair! Wir haben den Arbeitgebern angeboten, den Beschäftigten Einmalzahlungen zu gewähren und dann die Tarifverhandlung zu verschieben. Darauf sind sie nicht eingegangen."

    Die ersten beiden Verhandlungsrunden blieben ohne Einigung. Dann folgte, um Druck vor der nächsten Runde Ende Oktober aufzubauen, der Warnstreik. Und die Streikbeteiligung ist hoch: Am Klinikum München, wo Bettina Rödig arbeitet, mussten ganze Pflegestationen schließen.

    "Realitätsfern!" - Arbeitgeber kommen nur in kleinen Schritten entgegen

    Stellvertretend für alle bundesweiten Arbeitgeber im Tarifstreit spricht Ulrich Mädge. Er ist Präsident der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) und Verhandlungsführer in der diesjährigen Tarifrunde. Sein Argument: Leere Kassen in der Coronakrise. Die geforderten Einmalzahlungen von 1.500 Euro für jeden im öffentlichen Dienst seien utopisch gewesen. Angesichts bundesweit eingebrochener Finanzen in den Kommunen und bei den kommunalen Arbeitgebern seien die Gewerkschaftsforderungen insgesamt viel zu hoch. Stattdessen hat er einen anderen Vorschlag.

    "Wir kommen den Beschäftigten im Gesundheitswesen, speziell in der Pflege, aber auch den Beschäftigten in den Gesundheitsämtern, die in der Corona-Krise besonders belastet waren, mit enormen Verbesserungen entgegen." Ulrich Mädge, Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA)

    Ulrich Mädge bringt als Beispiel höhere Zulagen für Intensiv-Pflegekräfte. Diese würden gleich von drei Zulagen profitieren: Die neu geschaffene monatliche Pflegezulage von 50 Euro, die Zulage für den regelmäßigen Einsatz in Wechselschichten, die von 105 Euro auf 155 Euro erhöht wird und die Intensivzulage, die von 46,02 Euro auf 96 Euro angehoben und damit mehr als verdoppelt werde.

    Die Arbeitgeberseite verurteilt die flächendeckenden Streiks scharf. Sie würden nur auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen.

    Sollten die Infektionszahlen dramatisch zunehmen, will Ver.di die Streiks unterbrechen. Außerdem haben Klinikleiterinnen und Klinikleiter meistens Notdienstvereinbarungen unterschrieben. Darin ist zum Beispiel festgehalten, dass im Streikfall zumindest so viele Pflegekräfte im Einsatz sind wie an Wochenenden.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!