BR24 Logo
BR24 Logo
Wirtschaft

Papierflut und Chemie: Macht die Bonpflicht wirklich Sinn? | BR24

© dpa/picture-alliance/Uwe Zucchi

Kehrseite der neuen Bonpflicht: Viele Läden haben inzwischen Körbe aufgestellt für die nicht-gebrauchten Kassenbons

Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Papierflut und Chemie: Macht die Bonpflicht wirklich Sinn?

Die Bonpflicht bei Handel und Dienstleistungen seit 1. Januar sorgt vielfach für Verwirrung und Verdruss. Braucht es sie wirklich, um die Steuermoral bei Einnahmen zu heben – trotz gigantischer Müllmengen und zum Teil belasteten Thermopapiers?

Per Mail sharen

Rechtfertigt der Kampf gegen schätzungsweise fünf bis zehn Milliarden Euro an Steuerausfällen, dass nach einer Prognose pro Jahr zwei Millionen Kilometer mehr an Kassenbon-Rollen bedruckt werden müssen?

Einig sind sich so gut wie alle Beteiligten, dass Manipulationen von Kassen künftig ein Riegel vorgeschoben wird. Dazu müssen noch in diesem Jahr bis Herbst alle nachrüstfähigen Kassen in Handel und Dienstleistungen mit einer vom Bund zertifizierten "Technischen Sicherheitseinrichtung" (TSE) ausgestattet werden. Ältere Kassen, die sich dafür nicht eignen, müssen spätestens in zwei Jahren durch neue ersetzt werden.

Kunde überprüft als Erster die Kasseneingabe

Damit sind die Kassen also "fälschungssicher" und können vom Finanzamt geprüft werden. Warum dann aber noch die Bonpflicht?

"Erst wenn der Kunde den Beleg angeboten bekommt, ist sicher, dass der Händler nicht an der Kasse vorbei gewirtschaftet hat". Eine Sprecherin des Bundesfinanzministeriums

Sonst könnte der Händler oder Dienstleister ja auch einfach nur so tun, als tippe er den Geldbetrag in die Kasse ein. Der Kassenbon zeigt dem Kunden, dass der Bezahlvorgang auch vom System erfasst wurde. Das ist laut Bundesfinanzministerium auch wichtig, wenn Steuerprüfer bei unangemeldeter Kassenprüfung vor Ort feststellen wollen, ob die aktuellen Zahlungen auch in der Kasse verbucht wurden.

Papierverbrauch und Umweltbelastung steigen

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) mahnt, dass die Bonpflicht "gerade für kleine Händler erhebliche Mehrkosten für Papier, Druck und Entsorgung der liegengebliebenen Bons" bedeute. Inzwischen haben viele Kleinbetriebe wie zum Beispiel Bäcker extra Körbchen für zurückgelassene Kassenbons aufgestellt. Denn anders als beispielsweise in Italien muss der Kunde den Kassenzettel nicht mitnehmen.

Handelsexperten des EHI-Retail-Institus in Köln haben errechnet, dass mit der neuen Kassenbonpflicht ein zusätzlicher Bedarf von bundesweit zwei Millionen Kilometern Papierrollen im Jahr anfällt. Dafür müsse laut Institut pro Stunde eine Fichte gefällt werden. Zudem werden viele Bons noch auf Chemikalien-belastetem Thermopapier gedruckt.

Apps oder Email als Alternative zum gedruckten Bon

Doch der Ausdruck auf Papier muss nicht sein:

"Dabei haben wir die Belegausgabepflicht bewusst technologieoffen ausgestaltet, um es den Kasseninhabern zu ermöglichen, den Bon auf digitalem Wege und damit auf umweltfreundliche Art auszugeben." Eine Sprecherin des Bundesfinanzministeriums

Einige App-Entwickler stellen bereits Lösungen für das Handy vor, um dem Kunden eine nachhaltige Alternative zu den Kassenzetteln zu bieten. Die Würzburger Marktapotheke nutzt zum Beispiel ein eigens für Apotheken entwickeltes System: "Damit können sich die Kunden den Kassenbon digital aufs Handy laden", erklärt Apothekerin Simone Böckenkrüger dem BR.

Was laut Ministerium nicht geht: Den Bon nur einfach auf einem Bildschirm des Kassensystems anzuzeigen. Der Beleg müsse schon elektronisch beim Kunden ankommen, sagte eine Ministeriumssprecherin dem BR.

Keine Bonpflicht für Marktstände

Wer bisher die Genehmigung hatte, eine sogenannte "offene Ladenkasse" zu führen (z.B. bei Marktständen), der ist vom neuen Gesetz nicht betroffen: Er könne nicht verpflichtet werden, auf elektronische Kassensysteme und entsprechende Bons umzusteigen, so das Handwerksblatt. Doch auch Marktstände mit offener Kasse müssen ein Kassenbuch führen und mit Kontrollen rechnen.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

Video: Aktion gegen Bons: Flecklas-Hexn-Kostüm aus Kassenzetteln

© BR

Für jede Breze einen Kassenbon - um auf die Umweltprobleme dieser Gesetzesänderung aufmerksam zu machen, hat sich eine Gruppe Lebensmittelretter etwas Besonderes überlegt: ein Flecklashexn-Kostüm aus Kassenzetteln.