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Opfer des SED-Regimes: Neue Regelungen, bessere Aufarbeitung? | BR24

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Opfer der Stasi und staatlicher Willkür haben es auch 30 Jahre nach dem Mauerfall schwer, Entschädigungsansprüche für staatliche Repressalien in der DDR durchzusetzen. Bisherige neue Regelungen helfen teils nur bedingt. Zwei Betroffene berichten.

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Opfer des SED-Regimes: Neue Regelungen, bessere Aufarbeitung?

Opfer der Stasi und staatlicher Willkür haben es auch 30 Jahre nach dem Mauerfall schwer, Entschädigungsansprüche für staatliche Repressalien in der DDR durchzusetzen. Bisherige neue Regelungen helfen teils nur bedingt. Zwei Betroffene berichten.

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Kaum jemand von ihren Freunden kennt Sabines (Name von der Redaktion geändert) Geschichte. Erst nach mehreren Anläufen stimmt sie einem Interview zu. Sie möchte anonym bleiben. Seit 30 Jahren lebt sie in Bayern. Ihre Kindheit in der DDR liegt weit zurück - und ist immer noch von Scham besetzt.

Gedemütigt und misshandelt in "Spezialkinderheim"

Sabine wächst in Ost-Berlin auf. Ihre Mutter schlägt sie täglich. Als sie zwölf ist, läuft sie von zuhause weg, wird von der Polizei aufgegriffen - und kommt nach Sachsen. Sie ist eines der etwa 135.000 Kinder, die in der DDR in sogenannten "Spezialkinderheimen" untergebracht wurden.

Es sind Orte der Gewalt, ohne Kontakt nach außen: Die Kinder werden dort geschlagen, in Arrestzellen gesteckt, 12-jährige Mädchen gynäkologisch zwangsuntersucht. Wer ohne zusätzliche Demütigungen und erniedrigende Strafen durchkommen will, darf nicht auffallen, berichtet Sabine.

"Dann habe ich einen Tadel bekommen, und der bedeutet 10 Arbeitsstunden. In meinem Fall hat das bedeutet, dass ich gefrosteten Boden umschaufeln musste. Nicht einmal sinnvolle Arbeit. Das machst du jetzt 10 Stunden und fertig." Sabine (Name von der Redaktion geändert), lebte in der DDR in "Spezialkinderheim"

Als Sabine 18 ist, fällt die Mauer. Sie zieht nach Bayern. Sie baut sich ein eigenes Leben auf, macht eine Lehre, gründet eine Familie. Aber mit der Geburt ihres ersten Kindes holt sie die Vergangenheit wieder ein:

"Ich hatte diffuse Ängste, wo ich nicht wusste, wo kommt das her. Ich habe jahrelang unter Panikattacken gelitten, ich habe Schlafstörungen gehabt. Es ist im Grunde genommen unfassbar, was Menschen Menschen angetan haben, Kindern, in diesem Fall." Sabine (Name von der Redaktion geändert)

Neue gesetzliche Regelungen

Etwa 2.000 ehemalige DDR-Bürger werden in Bayern derzeit aufgrund ihrer früheren Gewalterfahrungen finanziell unterstützt. Nun könnten es deutlich mehr werden, denn seit einem Monat gelten neue Regelungen: So haben jetzt auch Opfer von sogenannten "Zersetzungsmaßnahmen" der Stasi einen einmaligen Anspruch auf 1.500 Euro Entschädigung - sofern sie die Gewalt nachweisen können.

Ein bürokratischer Marathonlauf: Stefan, der auch nicht mit seinem wirklichen Namen genannt werden möchte, kennt seine Stasi-Akte. Als er 1983 einen Ausreiseantrag stellt, droht ihm die Staatssicherheit, dass ihm etwas zustoßen könnte.

Stefan flieht in die Ständige Vertretung der BRD. Dort wird ihm zugesichert, dass er innerhalb von drei Monaten ausreisen darf. Doch als er die Ständige Vertretung verlässt, will ihm die Stasi eine Straftat anhängen.

"Die drei Monate waren die Hölle, habe nur Todesangst gehabt, dass mir etwas passiert. Dann kamen ab und zu Hausdurchsuchungen. Dann habe ich gemerkt, dass Sachen verstellt waren. Und auch die Tür, die war dann so halb offen gewesen, nicht so eingeschnappt, im Schloss. Immer so, dass ich es sehe, dass ich beschattet werde." Stefan (Name von der Redaktion geändert), kämpft um offizielle Anerkennung als Stasi-Opfer

"Zersetzungsmaßnahmen" durch Stasi - Beweislast liegt bei den Betroffenen

In seiner Akte finden sich die Beschattungsmaßnahmen, sind aber darin nicht einzeln dokumentiert. Für seine Rehabilitierung hat das bisher nicht gereicht, die Ämter fordern weitere Belege.

Wir müssen das denen beweisen, und da liegt die Schwierigkeit: Wie soll ich da die Zersetzungsmaßnahme beweisen, kann ich gar nicht beweisen. Man hat mir Unrecht getan und ich möchte, dass die das eingestehen, dass sie mir Unrecht getan haben. So fühl' ich mich irgendwie als Mensch zweiter Klasse, und ich will das nicht hinnehmen." Stefan (Name von der Redaktion geändert)

Termin bei seiner Therapeutin. Noch Jahrzehnte später holen Stefan die Erlebnisse von damals wieder ein: Panik-Attacken aus heiterem Himmel, eine klassische posttraumatische Belastungsstörung. Doch auch ein Fachgutachten hat bislang zu keiner offiziellen Rehabilitierung geführt. Psychiaterin Angelika Erhardt weiß um die medizinische Wichtigkeit einer solchen Anerkennung:

"Es ist wichtig, weil die Anerkennung und das Aufarbeiten der Situation, das macht auch etwas mit dem Gefühl, das verändert eben das Gefühl. Dass es nicht einfach irgendwas Ausgedachtes war, sondern dass es wirklich stattgefunden hat. Und da können die Betroffen auch viel besser damit weiterarbeiten." Angelika Erhardt, Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Neuer Lebensabschnitt nach klaren Gerichtsurteil

In Sabines Fall unterstellte der Staatsanwalt, sie habe sich als 12-Jährige selbst in die Anstalt eingewiesen. Im letzten Jahr hat jedoch ein Gericht entschieden: Ihr Aufenthalt im Spezialkinderheim war Freiheitsentzug. Sie bekommt nun eine Entschädigung.

"Es steht schwarz auf weiß: Mir ist Unrecht widerfahren. Das war der letzte Punkt, wo ich gedacht hab: So, und jetzt kann man in die nächste Lebenshälfte starten." Sabine (Name von der Redaktion geändert)

Dennoch: In ihrem Umfeld will Sabine ihre Kindheitserlebnisse weiterhin lieber für sich behalten.