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Oktoberfest-Attentat: das jahrzehntelange Leid der Opfer | BR24

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Vor 39 Jahren erschütterte die Wiesn das schwerste rechtsextreme Attentat Nachkriegsdeutschlands. Für Überlebende folgten Jahrzehnte der traumatischen Erinnerung, der mangelnden Aufklärung - und des Kampfes gegen die Mühlen der Bürokratie.

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Oktoberfest-Attentat: das jahrzehntelange Leid der Opfer

Am Haupteingang zur Wiesn ist die Bombe explodiert. Binnen Sekunden hat sie seine Familie zerstört: Damals, vor 39 Jahren, war Robert Höckmayr zwölf Jahre alt. Er überlebte den schwersten rechtsextremen Anschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte.

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Die beiden jüngeren Geschwister Höckmayrs, Ignaz und Ilona, haben den Anschlag nicht überlebt. Seine Eltern, zwei weitere Geschwister und er wurden beim Attentat schwer verletzt. Auch nach fast 40 Jahren sitzt der Schmerz tief. "Unangenehm und sehr schwummrig. Ich stehe hier sehr ungern." Sagt Robert Höckmayr, er will wieder fort von dem Schauplatz, der für ihn mit schlimmsten Erinnerungen verbunden ist: "Das ist kein Ort für mich."

Traumatische Erinnerungen

Das Oktoberfest ist für Robert Höckmayr die schwierigste Zeit im ganzen Jahr. Er hat versucht, während dieser zwei Wochen aus München zu fliehen. Geholfen hat es nicht. Also bleibt er mittlerweile während der Festtage in der Stadt - und hält es irgendwie aus.

"Da gehe ich zur Gedenkveranstaltung und schaue zu, wie die Veranstaltung verläuft - und danach fahre ich nachhause und versuche, abzuschalten und für mich selber Ruhe zu finden, weil die Bilder laufen immer wieder ab. Jedes Jahr dasselbe und immer wieder extrem." Robert Höckmayr, Opfer des Attentats von 1980

Die Bilder, die Höckmayr vor Augen hat, stammen vom 26. September 1980, einen Freitag, den er nie vergessen wird. Um 22:19 Uhr explodiert in einem Papierkorb am Wiesn-Haupteingang eine Bombe. Mittendrin: Robert mit seiner Familie. Sie sind gerade auf dem Weg nachhause.

"Da war ein Mann am Abfalleimer, mit beiden Armen drin. Der war in einer Position, als wenn er etwas rausheben will. Und in dem Moment, in dem wir näher dran waren - ich schätze mal einen, eineinhalb Meter weg -, hat es einen dumpfen Schlag getan und dann ging die Stichflamme in die Höhe. Und dann war alles totenstill." Robert Höckmayr, Attentats-Opfer

Durch die Metallsplitter der Bombe kamen 13 Menschen ums Leben, mit den Wiesn-Besuchern auch der Attentäter. Mehr als 200 Menschen wurden verletzt, teils schwer.

Neue Ermittlungen laufen weiterhin

Rechtsanwalt Werner Dietrich vertritt bis heute zahlreiche Opfer. Er bezweifelt, dass der rechtsextreme Student Gundolf Köhler ein Einzeltäter war. Mehrfach hatte sich der Anwalt um eine Wiederaufnahme des Falls bemüht, der dann 2014 neu aufgerollt wurde. Das Verfahren ist nicht beendet. Anwalt Werner Dietrich zieht dennoch eine erste Bilanz:

"Die Ermittlungen waren diesmal - im Gegensatz zum ersten Mal - sehr seriös, sehr gründlich, gingen in die Breite und in die Tiefe. Diesmal ist alles versucht worden, um rauszukriegen, was damals passiert ist. Es gibt keinen Täter zurzeit, den man verhaften oder den man anklagen könnte. Es bleiben aber weiterhin Verdachtsmomente bestehen im Hinblick darauf, dass Köhler nicht allein gewesen ist. Aber diese Täter oder möglichen Mittäter hat man bisher nicht." Werner Dietrich, Opferanwalt

Bei der Gedenkveranstaltung zum Attentat am 26. September widersprach Opferanwalt Dietrich einzelnen Gerüchten, wonach Ermittlungen bald eingestellt würden. Für den langjährigen BR-Journalisten Ulrich Chaussy, der beim Gedenken ebenfalls eine Ansprache hielt, könne von einer hinreichenden Ermittlungsarbeit bislang nicht ausgegangen werden.

Viele Opfer fühlen sich von Behörden im Stich gelassen

Auch Renate Martinez gehört zu den überlebenden Opfern des rechtsextremen Terrorakts. Sie schwebte damals lange in Lebensgefahr: mit Verbrennungen, Splittern in der Lunge, zertrümmerten Knochen. Ohne Rollstuhl und die Hilfe ihres Mannes kann sie keine längeren Strecken laufen. "Allein schon durch die Verletzungen und die Schmerzen, die man bis heute noch hat", sagt sie, sei sie auch heute weiterhin tagtäglich mit dem Anschlag konfrontiert.

Für ihre Opferentschädigungsrente von monatlichen 150 Euro musste Martinez erst einmal kämpfen. Von den Behörden fühlt sie sich im Stich gelassen - wie viele der Opfer.

"Mit Sicherheit wurde 35 Jahre gar nichts getan. Im Gegenteil. Die meisten von uns haben riesige Probleme mit dem Versorgungsamt, haben Probleme mit den Krankenkassen. Da werden Rehas nicht genehmigt, die dringend nötig wären, immer wieder. Man kann nicht vier Jahre warten, wenn man ohnehin in so einem desolaten Zustand ist." Renate Martinez, Attentats-Opfer

Münchens OB Dieter Reiter: fehlende Hilfe für Überlebende durch Freistaat und Bund

Nach fast vier Jahrzehnten kümmert sich bislang nur die Stadt München um das Schicksal der Überlebenden und Hinterbliebenen. Letztes Jahr hat sie einen Hilfsfonds in Höhe von 50.000 Euro aufgelegt, der jetzt nochmals um die gleiche Summe aufgestockt werden soll. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter sieht die Landeshauptstadt bei der Unterstützung der Opfer vom Freistaat wie auch vom Bund allein gelassen:

"Ich halte das für die vorderste und auch banalste Pflicht der öffentlichen Hand, wenn so ein schreckliches Attentat stattfindet, dann wenigstens für die finanziellen Folgen aufzukommen. Da fühle ich mich schon sehr allein gelassen als Stadt. Da hat weder der Freistaat noch der Bund in irgendeiner Weise bisher dazu beigetragen, das finanzielle Leid zu mindern. Und das geht ja bis dahin, dass die Menschen langsam in der Nähe des Rentenalters sind und sich niemand dafür verantwortlich fühlt, dass die jahrelang gar nicht arbeiten konnten wegen der körperlichen und der psychischen Schäden." Dieter Reiter, Oberbürgermeister Stadt München

Attentats-Opfer Robert Höckmayr: Eltern und Geschwister verloren

Robert Höckmayr hat sich irgendwie durchgekämpft. Er musste 41 Operationen ertragen, geht regelmäßig zum Friedhof, um seinen Angehörigen nahe zu sein. Hier sind nicht nur Ignaz und Ilona begraben, die von der Bombe getötet wurden. Zwei weitere Geschwister leben auch nicht mehr. Sie haben die Folgen der Tat psychisch nicht ertragen und Jahre später Selbstmord begangen.

"Alles, was von meinem Elternhaus war, liegt halt hier", sagt Robert Höckmayr. Seine Frau und seine Kinder geben ihm heute die Kraft weiterzuleben.