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Nichts los in der Manege: Das harte Zirkusleben in Coronazeiten | BR24

© dpa

Zirkuszelte, darum herum die Wohnwagen der Artisten. Kleine Wanderzirkusse mit ihren Tieren sind Gestrandete in Corona-Zeiten. Wir haben Zirkus-Familien besucht und erfahren, wie schwer das Virus die Kleinen trifft - genau wie die Großen.

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Nichts los in der Manege: Das harte Zirkusleben in Coronazeiten

Keine Vorführungen, keine Zuschauer, keine Einnahmen: Zirkus-Familien sind von der Corona-Pandemie schwer betroffen. Es trifft die kleinen Zirkusse mit ihren Artisten und Tieren - und auch die ganz Großen der Branche.

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Sie wirken ziemlich entspannt: Auf den ersten Blick scheint den Löwen und Tigern vom Circus Krone der Covid-19-Trubel ziemlich schnuppe zu sein. Das tägliche Training am Stammsitz in München findet statt wie immer. Und doch: Auch die Raubkatzen merken: Irgend etwas ist anders. Das Publikum fehle ihnen, meint ihr Trainer Martin Lacey jr.

Coronavirus: Alles Wissenswerte finden Sie hier.

Circus Krone ist Unternehmen mit über 200 Mitarbeitern

Die Vorstellungen sind bereits seit dem 12. März gestrichen und auch die Deutschlandtournee wurde kurz nach der Premiere gestoppt. Außer ihrem Trainer Martin Lacey und einigen Zirkusangestellten bekommen die Tiere niemanden zu sehen. Die Scheinwerfer bleiben schon seit sechs Wochen aus - mit Folgen für alle Beteiligten:

"Wir leiten auch ein Unternehmen mit über 200 Mitarbeitern, und es ist für uns eine Katastrophe." Martin Lacey jr.

Kosten laufen weiter

Seine Frau, Zirkus-Chefin Jana Mandana Lacey-Krone, ist besorgt. Das Gastspielzelt und die Tourneewagen stehen auf dem Heimatgelände. Vor den Kassen herrscht gähnende Leere. Solche Zeiten kennt man in der Familiengeschichte nicht. Selbst während des Krieges sind die Menschen in den Zirkus gegangen. Keine Vorstellungen und dazu auch keine Einnahmen durch die Konzerte im Münchner Krone-Bau. Es geht an die Existenz:

"Also, wir verlieren jetzt am Tag an die 30.000 Euro, die wir sonst auch benötigen, wir haben natürlich Rücklagen und auch eine Basis, die das Fundament unseres Unternehmens ausmacht. Aber es ist natürlich rechnerisch eine Katastrophe, was zur Zeit ja bei vielen Unternehmen ansteht." Jana Mandana Lacey-Krone, Circus Krone

Besonderes Problem Großveranstaltung

Zur Ausgangsbeschränkung kommt ein weiteres Problem:

"Wir haben jetzt Angst voreinander, und bis man da auch den Mut fasst, wieder eine Großveranstaltung zu besuchen, ist für uns natürlich ganz fatal." Jana Mandana-Lacey-Krone

Rücklagen bei kleinen Zirkussen schnell weg

Ebenfalls schwierig ist die Situation für fahrende Truppen wie den Circus Alberti. Dieser ist im mittelfränkischen Feuchtwangen gestrandet und nun unfreiwillig in Corona-Quarantäne. Die beiden ersten Vorstellungen nach der langen Winterpause fanden vor gerade einmal fünf Besuchern statt. Dann, am 12. März, der sogenannte Shutdown.

Seit sechs Wochen sitzt die 30-köpfige Artistenfamilie mitsamt ihren 30 Tieren hier fest. Die Familie versucht das Beste daraus zu machen. Doch die Sorgen sind erheblich:

"Corona bedeutet für uns ein Knock-out. Also, wir sind ja erst aus der Winterpause gekommen. Und natürlich hat man ja dann doch noch Rücklagen, aber über die ganze Zeit jetzt, das sind ja jetzt fast drei Monate, wo wir keine Einnahmen haben. Es sind sehr gemischte Gefühle. Zirkus ist ja unser Leben, wir leben ja davon." Nadja Frank, Circus Alberti

Seit 1812 sind die Albertis als Artisten unterwegs. Mittlerweile in neunter Generation. Im Frühling läuft das Hauptgeschäft. 1.000 Euro pro Vorstellung, davon leben sie. Jetzt bleiben nur die Ausgaben: Hufschmied, Tierfutter, Zeltversicherung. Lange halten die Albertis das finanziell nicht mehr durch.

Angestellte in Kurzarbeit

Beim größten Zirkus der Welt ist statt quirliger Betriebsamkeit Ruhe eingekehrt. Rund 200 fest angestellte Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Auch Frank Keller. Nur einmal die Woche kommt der Tournee-Planer momentan zum Stammsitz. Seit 30 Jahren ist er bei Krone, jetzt ist er zum ersten Mal beunruhigt. Keine Shows – zumindest nicht vor September.

"Ich habe meine Frau, ich habe meine 16-jährige Tochter, die geht hier zur Schule in München. Wir haben hier ein Haus gekauft in München, das muss jetzt natürlich noch abbezahlt werden und das ist natürlich schon ein bedrohliche Situation. Man weiß eben nicht, wann es weitergeht." Frank Keller, Circus Krone

Nicht alle Artisten schafften es nach Hause

Frank Keller war es auch, der den internationalen Artisten geholfen hat, rechtzeitig in ihre Heimatländer zurückzureisen - solange die Flüge noch gingen. Nur die Mongolen können derzeit nicht nach Hause. Die 14 Artisten verbringen die Corona-Zeit in den Wohnwagen auf dem Zirkusgelände. Hier bekommen sie Verpflegung und Unterkunft und können sich als Tierpfleger etwas Geld verdienen. Doch die Artisten und ihre Verwandten in der Ferne sorgen sich um die Gesundheit:

"Unsere Eltern, Großvater und Großmutter meines Sohnes, ängstigen sich sehr um uns, weil die Corona-Situation hier in Europa und auch in Deutschland immer schlimmer wird. Und auch wir selber sind sehr beunruhigt." Khasbaatar Khatanbaatar, Circus Krone

Auch Überlebenskünstler brauchen Hilfe

Immerhin hat der Circus Krone ein Stammquartier. Mit Platz für Menschen, Tiere und Wohnwägen. Die meisten der 365 deutschen Zirkusunternehmen sind hingegen auf das Wohlwollen der Kommunen angewiesen. Dass sie bleiben dürfen, am besten ohne Pacht zahlen zu müssen.

Die Albertis haben beim Bund einen Antrag auf Soforthilfe gestellt. Maximal 15.000 Euro könnten sie bekommen. Nadja muss wohl auch Arbeitslosengeld beantragen. Doch selbst für Überlebenskünstler wird das alles bis zum Ende der Veranstaltungsverbote kaum reichen. Befürchtet Nadja Frank, dass die Tiere ihnen die Haare vom Kopf fressen?

"Ja, eigentlich schon. Wenn wir die Bevölkerung nicht hätten, die uns da unterstützt. Mit Futterspenden für die Tiere und auch die Bauern aus der Umgebung haben uns Heu und Stroh zukommen lassen. Da sind wir sehr dankbar drüber, denn die fressen eine ganze Menge." Nadja Frank, Circus Alberti

Mit Mut und Hoffnung durch die Krise

Für Jana Mandana Lacey-Krone steht fest: Die Tiere dürfen unter der Krise nicht leiden. Eine halbe Million Euro Kosten im Monat, ohne Einnahmen. Familie Lacey-Krone verliert dennoch nicht den Mut:

"Wir machen unseren Plan so wie normal, wir machen unseren Tourplan für nächstes Jahr, für das Ende dieses Jahres und wir bleiben positiv, in diesem Sinn." Martin Lacey jr., Circus Krone
"Ja, und wir hoffen jetzt schon realistisch auf die Winterspielzeit, auf die hoffen wir jetzt, im realistischen Sinne und natürlich hofft man jeden Morgen, wenn man aufwacht, dass es alles nur ein Traum war." Jana Mandana Lacey-Krone

Derzeit steht allerdings noch in den Sternen, wann sich die Zirkuszelte wieder füllen werden.

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