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Neue Seidenstraße: viel Getöse, kaum Gewinn | BR24

© picture alliance/Roland Weihrauch/dpa

Nordrhein-Westfalen, Duisburg: Container stehen im Container-Terminal im Duisburger Hafen neben einem Zug aus China. (Symbolbild)

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    Neue Seidenstraße: viel Getöse, kaum Gewinn

    Das weltweit größte Infrastrukturprojekt und neue Perspektiven für den Welthandel – mit der Initiative Neue Seidenstraße hat China viel versprochen: Investitionen und Entwicklung. Die Ergebnisse sind bislang ernüchternd.

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    Im April, zum Höhepunkt der Corona-Pandemie in Deutschland, startet in Wuhan ein Güterzug nach Duisburg, beladen mit 35 Containern voll mit Masken und Schutzkleidung. Es hatte etwas Symbolisches: Dort, wo die Corona-Pandemie ausgebrochen war, in Chinas 12-Millionen-Metropole Wuhan, startet ein Zug mit Hilfslieferungen nach Europa. Und das noch über eine Route der Neuen Seidenstraße, Endstation Duisburg.

    Prestigeprojekt des Parteichefs Xi: Die Neue Seidenstraße

    Chinas Staatsmedien frohlockten über die Neue Seidenstraße in der Corona-Krise. Die "Route des Lebens und der Möglichkeiten", so die Überschrift der Global Times. Die Neue Seidenstraße gilt als das Lieblingsprojekt von Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping: ein neues Handelsnetzwerk zwischen Asien, Afrika und Europa. China finanziert dabei in anderen Ländern Häfen, Zugstrecken, Straßen und andere Infrastrukturprojekte. 2013 erwähnt Präsident Xi den Plan zum ersten Mal, zweimal hat er seitdem zu einem Seidenstraßen-Gipfel eingeladen, um die Welt für sein Projekt zu begeistern.

    "Mit der Neuen Seidenstraße wollen wir den wirtschaftlichen Austausch weltweit verbessern und den Wohlstand aller Länder erhöhen. Es ist eine Straße für einen gemeinsamen, globalen Aufschwung. Die Fakten zeigen, dass die gemeinsamen Projekte nicht nur die Entwicklung vieler Ländern in der Welt fördern, sondern auch für China eine weitere Öffnung bedeuten." Xi Jinping, Staats- und Parteichef

    Seidenstraße als verkehrsberuhigte Zone

    Ob das die Fakten wirklich zeigen, ist umstritten. China preist die Neue Seidenstraße gerne als Win-Win-Situation. Guckt man genauer hin, tritt zumindest für Europa die große Ernüchterung ein. "Die wenig befahrene Straße", so lautete Anfang des Jahres der Titel einer Studie der Europäischen Handelskammer in China. Das Ergebnis war niederschmetternd, sagt Kammer-Präsident Jörg Wuttke.

    "Die Hauptthese, die die EU-Kammer im Januar festgestellt hat, war, dass das eher ein politisches Modell ist und keine wirtschaftliche Dimension hat. Das zweite war, dass alles auf China zuläuft. Also keine multilaterale Angelegenheit, sondern ich, China, habe ein bilaterales Verhältnis mit meinen Handelspartnern und die müssen sich dementsprechend dann an meine Größe und meine Stärke gewöhnen. Und das dritte war, dass das de facto ein Projekt war, in dem chinesische Firmen global rausgegangen sind und 90 Prozent der Wertschöpfung blieb dann aber auch bei chinesischen Firmen." Jörg Wuttke, Präsident Europäische Handelskammer in China

    Corona hat die Neue Seidenstraße in der Mangel

    Profiteure sind danach vor allem chinesische Bau-, Stahl- und Transportunternehmen, die die Infrastrukturprojekte umsetzen. Ob in Pakistan, Griechenland oder Serbien: China selbst zählt rund 140 Länder, die in die Neue Seidenstraße mit eingebunden sind. Das Projekt gilt als Kern der chinesischen Außenpolitik.

    Für die Neue Seidenstraße bedeutet die Corona-Krise nun einen enormen Rückschlag. Exporte und Importe sind eingebrochen, Grenzen wurden geschlossen, die weltweite Logistik hat über Wochen und Monate nicht funktioniert. Und noch längst herrscht keine Normalität. Wang Yiwei ist Politologe an der Renmin-Universität in Peking. Er ist einer der renommiertesten Forscher zum Thema Neue Seidenstraße.

    "Der Einfluss der Corona-Krise auf die Neue Seidenstraße ist immens. Bei der Initiative geht es ja gerade um die gegenseitige Verbundenheit der Länder. Genau das ist jetzt aber das Problem. Zum Frühlingsfest im Januar sind viele chinesische Arbeiter nach Hause gekommen und konnten danach nicht wieder nach Afrika oder Europa zurückkehren. Und das größte Problem: das Geld. Chinas Volkswirtschaft ist vielleicht die einzige der großen Volkswirtschaften, die dieses Jahr wachsen wird." Wang Yiwei, Politologe an der Renmin-Universität Peking

    Osteuropäer sind enttäuscht von China

    Für Europa war die Neue Seidenstraße aber schon vor Corona weitgehend ein Luftschloss. In der Studie der EU-Handelskammer gaben die europäischen Unternehmen im Januar an, dass sich nur 15 Prozent überhaupt auf ein Seidenstraßen-Projekt beworben haben. Und selbst in Osteuropa hat die Begeisterung nachgelassen, sagt Kammer-Präsident Wuttke.

    "Das ist auch stiller geworden, weil die Versprechungen, die man damit geknüpft hatte, dass die Chinesen sich jetzt mehr engagieren für Osteuropa, flach ausfielen, weil die de facto nicht mehr gekauft haben von Osteuropa. Investieren ist eine Frage, aber mehr Äpfel oder mehr Gemüse oder mehr Produkte aus den osteuropäischen Ländern zu kaufen – das war nicht Teil des Deals." Jörg Wuttke, Präsident Europäische Handelskammer in China

    Kritiker warnen davor, dass China gerade ärmere Länder in die Schuldenfalle locken könnte. Projekte werden über chinesische Staatsbanken finanziert, und die betroffenen Staaten laufen dann Gefahr, ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen zu können. Die Gefahr nicht nur wirtschaftlicher sondern auch politischer Abhängigkeit von China bleibt.

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