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Nachbarschaftshilfe: Projekt auf dem Land hilft Senioren | BR24

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Nachbarschaftshilfe in Dinkelsbühl

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Nachbarschaftshilfe: Projekt auf dem Land hilft Senioren

Ländliche Gegenden bluten aus, weil viele Junge für Ausbildung und Arbeit wegziehen. Die Generationen helfen sich nicht mehr gegenseitig. Einsamkeit und Hilfsbedürftigkeit nehmen zu. In Mittelfranken kämpft ein Nachbarschaftsprojekt dagegen an.

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9 Uhr morgens im Dinkelsbühler Ortsteil Segringen. Lena Göhring betreibt mit ihrem Mann und dessen Eltern einen Biobauernhof. Heute macht die 32-Jährige mit ihrer Tochter Greta einen ganz besonderen Ausflug. Dabei wartet auf dem Hof jede Menge Arbeit.

"Ich habe natürlich daheim auch keine Langeweile, aber ich richte mir die Zeit einfach so ein, dass eben eine Stunde oder zwei drin sind, dass ich für "Hand in Hand" einen Dienst tun kann." Lena Göhring, Biobäuerin

Landflucht junger Leute: Senioren fehlt Hilfe

"Hand in Hand" – das ist eine Nachbarschaftshilfe, bei der sich Lena Göhring seit über einem Jahr engagiert. Heute geht es in die mittelalterliche Altstadt von Dinkelsbühl, wo sie eine 85 Jahre alte Dame im Alltag unterstützt.

Zur Wohnung von Rosemarie Schlötzer-Herbst führt eine steile Treppe hinauf. Hier hat die gelernte Schreinerin fünf Kinder alleine großgezogen, mit drei Jobs gleichzeitig. Drei der Kinder sind nach München gezogen, fast 200 Kilometer weg. Spontane Besuche sind da nicht möglich. Und damit auch nicht die Hilfe, die sie nach einer Fußoperation dringend braucht. Seit ihrem letzten Sturz hat sie kaum das Haus verlassen.

Immer weniger junge Menschen in Dinkelsbühl

Dinkelsbühl ist ein Touristenmagnet. Und Heimat von zunehmend betagten Menschen. Das Durchschnittsalter liegt bei 45 Jahren – ein Jahr höher als in ganz Bayern. Die Jungen gehen fort, um anderswo zu studieren oder zu arbeiten, die Älteren bleiben zurück. Und mit ihnen die Einsamkeit.

Sabine Hammerl unternimmt etwas dagegen. Sie ist Projektkoordinatorin von "Hand in Hand". Bei ihr melden sich immer mehr Menschen, die Hilfe brauchen.

"Dann schauen wir, wer würde denn menschlich passen, wer wohnt in der Nähe. Wir versuchen auch, Wege zu vermeiden. Und ja, dann fragen wir an – telefonisch oder persönlich und sagen: die und die Situation, das oder das Zeitfenster ist von Nöten, haben Sie Zeit und Lust? Und das klappt eigentlich sehr, sehr oft." Sabine Hammerl, Hand in Hand - Dinkelsbühl Stadt und Land

"Hand in Hand" bietet Hilfe und sozialen Austausch

Auch Waltraud Bachthaler hat sich bei „Hand in Hand“ gemeldet. Die 83-Jährige ist schwerbehindert. Und viel alleine – die Kinder und Enkel leben weit weg. Dazu kommt ein Schicksalsschlag, der sie schwer getroffen hat.

"Ich hab' so Tage dabei... Ich bin natürlich auch noch nicht über den Verlust meines Sohnes hinweg. Mein Mann ist jetzt sechs Jahre tot und mein Sohn vier Jahre, drum hab' sein Bild immer hier hängen, weil er hier immer sehr gerne gesessen ist, im Wintergarten. Das macht mir schon sehr zu schaffen, der Verlust." Waltraud Bachthaler

Lena Göhring und Tochter Greta sind inzwischen mit Rosemarie Schlötzer-Herbst in der Altstadt. Das unebene Pflaster macht ihr zu schaffen. Lena Göhring und Greta geben der Seniorin Sicherheit – und den Mut, nicht aufzugeben und weiterzugehen. "Ein sonntägliches Gefühl. Doch das ist schon einmal schön, wenn man nicht allein gehen muss", sagt Rosemarie Schlötzer-Herbst.

Projekt durch ehrenamtliche Mitarbeit

Der Einkauf auf dem Wochenmarkt ist für Rosemarie Schlötzer-Herbst seit Jahrzehnten ein liebgewonnenes Ritual. Für die Zeit, die Lena Göhring mit ihr verbringt, zahlt sie ihr eine Aufwandsentschädigung von acht Euro in der Stunde. Davon gehen zwei Euro an den Nachbarschaftshilfe-Verein.

Das Geld ist für die engagierten Ehrenamtlichen aber nicht entscheidend. Oft wird aus der organisierten Hilfe Freundschaft – auch, weil Helfer und Hilfesuchende viel verbindet. Der Funke spring über in Dinkelsbühl. Inzwischen sind es rund 50 Menschen, die bei "Hand in Hand" mithelfen.

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Immer mehr Menschen leben allein, sind einsam oder brauchen Pflege, auch auf dem Land. Seit 2014 gibt es die Bürgergemeinschaft "Hand in Hand" in Dinkelsbühl, die hilfsbedürftigen Menschen in der Gegend das Leben erleichtern will.