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Mit Wumms in die Armut - Solo-Selbständige in der Corona-Krise | BR24

© BR/Lisa Wurscher

Schuldlos in der Krise: Fitnesstrainer, Gastronomen, Fremdenführer. Corona hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Plötzlich arm - eine bittere Erkenntnis. Wie fühlt sich das an - auf einmal auf Freunde angewiesen zu sein?

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Mit Wumms in die Armut - Solo-Selbständige in der Corona-Krise

Einer Touristenführerin droht die Altersarmut, der Gründer einer Musikkneipe steht kurz vor der Insolvenz und eine Fitnesstrainerin rutscht komplett durch das soziale Netz. Solo-Selbständige trifft die Corona-Krise besonders hart.

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Die ehemalige Leistungssportlerin Daniela Ullrich hat mit ihrem Job - Personaltrainerin - seit Mitte März nichts mehr verdient. Deshalb arbeitet sie als Erntehelferin. "Paprika ernten", erklärt sie, "gibt mir wenigstens die Möglichkeit, ein paar Stunden irgendetwas zu verdienen."

Das Geld reicht nicht einmal für die Miete

Rund 400 Euro bringt der Ernte-Job im Monat ein. Das reicht nicht für die Miete ihres Appartements. Auch die Krankenkassen-Beiträge kann sie nicht bezahlen. Selbst für Lebensmittel ist manchmal kein Geld mehr da. Seit Wochen hat sie keine warme Mahlzeit mehr gegessen. Manchmal bringen ihr Freunde eine Kleinigkeit vorbei: ein Stück Käse, Milch oder einen Salat.

Obwohl sie gleich nach dem Lockdown auf Online-Fitnesskurse umgestellt hat, wird ihre Dienstleistung nicht mehr nachgefragt.

"Es ist einfach so, dass der Großteil meiner Kunden einfach selbst nicht mehr zahlungsfähig ist. Sie sind insolvent, weil es Solo-Selbständige waren, oder sie bekommen Kurzarbeitergeld. Die können sich mich schlicht und einfach nicht mehr leisten." Daniela Ullrich, Fitnesstrainerin

Leben von der Altersvorsorge

Touristenführerin Elvira Bittner spricht vier Sprachen und ist auf Gruppenreisen ausländischer Gäste spezialisiert. Sie rechnet nicht damit, dass ihr Geschäft in diesem Jahr noch mal anlaufen wird. Für Essen und Mietkosten verweist die Politik coronageschädigte Selbständige auf die Grundsicherung, also Hartz IV. Die Bedingungen für einen Antrag wurden gelockert, zum Beispiel spielt die Größe der Wohnung keine Rolle und Ersparnisse bis 60.000 Euro sind erlaubt.

Trotzdem haben im Mai bundesweit gerade einmal 27.000 Selbständige Grundsicherung erhalten. Für viele sind die Hürden immer noch zu hoch. Auch bei Elvira Bittner ist das der Fall. Die 55-Jährige hat für ihre Rente mehr als 60.000 Euro angespart und deshalb keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung.

"Das heißt, ich muss jetzt anfangen, meine Altersvorsorge aufzubrauchen. Das tue ich seit drei Monaten schon und das kann es ja irgendwie nicht sein. Ich finde das total furchtbar. Was ist meine Perspektive? Die Altersarmut ist vorprogrammiert." Elvira Bittner, Touristenführerin

"Die Lage ist desaströs"

Auch Gunther Gross ist in einer finanziellen Notlage. Früher war er Angestellter, vor fünf Jahren hat er sich dann seinen Traum erfüllt und eine Musikkneipe eröffnet. Er veranstaltet normalerweise Live-Konzerte von Klassik, über Jazz bis hin zu Rock'n'Roll. Manchmal treten auf seiner Bühne auch Kabarettisten auf und eine Oldie-Disco gibt es ebenfalls.

Nur gut 1.000 Euro Gewinn wirft der Betrieb normalerweise im Monat ab. Rücklagen bilden ist da nicht drin. Obwohl seine Musikkneipe noch immer geschlossen ist, fallen monatlich rund 5.000 Euro Kosten an. Die Corona-Soforthilfe ist inzwischen aufgebraucht. Seine Lebenspartnerin und er stehen vor dem Ruin.

"Die Lage ist desaströs. Wir halten jetzt noch ein bisschen durch, müssen im Juli eigentlich nach Insolvenzrecht Insolvenz anmelden, weil wir im August zahlungsunfähig sind. Jetzt ist die Meldepflicht für Insolvenzen verschoben auf September, das hilft uns ein bisschen. Aber wie es danach weitergeht, wissen wir nicht." Gunther Gross, Inhaber einer Musikkneipe

Einzelunternehmer haften mit Privatvermögen

Die Angst vor dem Aus lässt das Paar nicht los. Einzelunternehmer trifft eine Insolvenz besonders hart, denn die Gläubiger dürfen auch auf das Privatvermögen zugreifen. Vier Jahre läuft der Pachtvertrag für die Musikkneipe noch. Kommt das Geschäft nicht bald wieder in Gang, endet das in einem finanziellen Fiasko.

"Da laufen unendliche Schulden auf, für die man dann mit dem Privatvermögen haftet. Dazu gehört alles, was über der Grundsicherung ist: die Altersvorsorge, sofern sie nicht gesetzlich ist, das Auto, die Vorsorge für die Kinder, alle Rücklagen, Wohneigentum, wenn man das hat. Es ist alles weg. Das verfolgt einen über Jahre. Die Existenz ist quasi komplett zerstört." Gunther Gross, Inhaber einer Musikkneipe

Das soziale Netz fängt nicht jeden

Fitnesstrainerin Daniela Ullrich hat zu Beginn ihrer Selbständigkeit eine freiwillige Arbeitslosenversicherung abgeschlossen. Arbeitslosengeld bekommt sie trotzdem nicht, weil sie Corona-Soforthilfe erhalten hat – und Grundsicherung kann sie nicht in Anspruch nehmen, weil sie eine Arbeitslosenversicherung hat. Paradox.

Sie fängt das soziale Netz an keiner Stelle auf: "Man hat ja gesagt, man lässt niemanden fallen, man hilft allen und keiner fällt durch – und jetzt stelle ich eben fest, dass ich – obwohl ich an allen Ecken und Enden so viel mache – trotzdem überall durchfalle."

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