Zurück zur Startseite
Wirtschaft
Zurück zur Startseite
Wirtschaft

Wohnungsmarkt: Immer mehr Scheingenossenschaften prellen Anleger | BR24

© BR

Die Mieten explodieren in den Städten. Gefragt sind Wohnungsgenossenschaften. Ihren guten Ruf haben Trittbrettfahrer ausgenutzt - die es einzig aufs Geld ihrer Anleger absehen. Verbraucherschützer stoßen auf immer mehr verdächtige Fälle.

2
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Wohnungsmarkt: Immer mehr Scheingenossenschaften prellen Anleger

Die Mieten explodieren in den Städten. Gefragt sind Wohnungsgenossenschaften. Ihren guten Ruf haben Trittbrettfahrer ausgenutzt - die es einzig aufs Geld ihrer Anleger absehen. Verbraucherschützer stoßen auf immer mehr verdächtige Fälle.

2
Per Mail sharen
Teilen

Matthias Köhn, 40, aus Neustadt an der Waldnaab, geriet vor einigen Jahren in die Wohnungsgenossenschaft "Grundwerte eG" in München. Ihm wurde eine Art Bausparvertrag vermittelt, über den er zugleich Mitglied in der Genossenschaft wurde. Mit monatlichen Raten zu 50 Euro sollte er insgesamt 7200 Euro ansparen.

Wegen unerlaubter Geschäfte: "Grundwerte eG" mittlerweile dicht gemacht

Der aktuelle Stand: Das Geld ist weg. Matthias Köhn fühlt sich verprellt, wie viele Anleger.

"Es ärgert mich so richtig, dass man einfach die kleinen Leute ausnimmt wie eine Weihnachtsgans und nichts passiert." Matthias Köhn, Grundwerte eG-Geschädigter

Was war passiert? Köhn brauchte das Geld und kündigte den Vertrag. Doch er kam aus der Genossenschaft nicht raus – er hatte fünf Jahre Kündigungsfrist und die Verpflichtung weiter einzuzahlen. "Die Chance, dass ich mein Geld wieder bekomme, ist eher gegen Null", schätzt Köhn heute.

Denn: Die Genossenschaft, die ihren Sitz und einige Wohnungen in einer Münchner Trabantenstadt hatte, gibt es gar nicht mehr. Sie wurde wegen unerlaubter Geschäfte zwangsweise geschlossen - von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Der Genossenschaftszweck war offenbar missbraucht worden, viele Millionen Euro Verlust angehäuft. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt gegen die Verantwortlichen wegen Betrugs.

Millionenverluste: Getäuschte Anleger müssen selbst aktiv werden

Zu Besuch bei der Verbraucherzentrale Frankfurt: Schwarze Schafe unter den Wohnungsgenossenschaften sind dem Marktwächter Wolf Brandes schon länger ein Dorn im Auge. Die Beschwerden häufen sich. Fehlt eine Aufsicht?

"Wohnungsgenossenschaften werden wie alle Genossenschaften von Prüfverbänden kontrolliert, und diese Prüfverbände sind wiederum Zusammenschlüsse: Vereine, die nicht staatlich sind, sondern privatwirtschaftlich. Und die können sehr unterschiedlich groß sein, und die kleinen Prüfverbände sind vielleicht auch nicht so professionell wie eine staatliche Aufsicht." Wolf Brandes, Marktwächter grauer Kapitalmarkt, Verbraucherzentrale Hessen

Geprellte Anleger vertritt Katja Fohrer, Fachanwältin für Bankrecht. Sie macht wegen der hohen Millionenverluste der "Grundwerte eG" den Mitgliedern wenig Hoffnung.

"Die Anleger werden aus der Genossenschaft selbst, aus der "Grundwerte eG", keine Gelder mehr rausbekommen. Sie müssen also selbst aktiv werden und Schadensersatzansprüche geltend machen. Solche kommen in Betracht gegen die Hintermänner, gegen den Vorstand, aber auch gegen den Prüfverband. Der Prüfverband hat Missstände festgestellt, ist dann aber viel zu spät aktiv geworden und hat erst viel zu spät die Reißleine gezogen." Katja Fohrer, Kanzlei Mattil und Kollegen, München

Verbraucherzentrale Frankfurt - Klage gegen weitere Wohnungsgenossenschaft

Die Verbraucherzentrale Frankfurt hat unterdessen eine weitere Wohnungsgenossenschaft im Visier, die "Nova Sedes Wohnungsbau eG" aus Nordbayern. Wolf Brandes hält deren allgemeine Geschäftsbedingungen für unzulässig, seine Verbraucherzentrale hat Klage eingereicht.

"Bei der Wohnungsbaugenossenschaft beanstanden wir, dass die Vertragsbedingungen verwendet haben, die die Verbraucher benachteiligen. Und zwar war geregelt, dass zuerst die ganzen Gebühren, Eintrittsgelder bezahlt werden müssen, ehe überhaupt Genossenschaftsanteile gekauft werden. Und in der Sache ist uns jetzt vor Gericht Recht gegeben worden." Wolf Brandes, Marktwächter grauer Kapitalmarkt, Verbraucherzentrale Hessen

Das Urteil aber ist noch nicht rechtskräftig. "Nova Sedes Wohnungsbau eG" teilte auf Anfrage mit: "Wir vertreten in einzelnen Punkten durchaus eine andere Rechtsauffassung." In Neustadt an der Waldnaab soll der Sitz der Genossenschaft sein. Seit 2002 vertreibt sie Mitgliedschaften und sammelt Gelder ein. Zweck sei die Förderung der Mitglieder mit Wohnraum.

Allerdings findet man auf der Internetseite der "Nova Sedes Wohnungsbau eG" lediglich Bauvorhaben. Eines zum Beispiel in der Pfeifferstraße in Weiden. Baubeginn laut Internetauftritt: im Juni. Was man auf der Suche nach dem Grundstück antrifft, macht eher den Eindruck einer Abstellfläche, auf der Schutt gelagert wird. Die "Nova Sedes Wohnungsbau eG" räumt ein, dass noch kein Baurecht besteht und somit kein Baubeginn datiert werden kann. Komisch nur - auf der Internetseite wird damit geworben.

Gesetzesantrag aus Brandenburg - kein Handeln der Bundesregierung

Gibt es also nach 17 Jahren Geldeinsammeln noch keine Wohnungen? Auf Anfrage heißt es: es sei "falsch", dass die Genossenschaft keine Wohnungen besäße. Am Sitz der "Nova Sedes Wohnungsbau eG" findet man ein ganzes Firmengeflecht, alle im selben Haus. Darunter gleich noch eine weitere Wohnungsgenossenschaft, die "Fides Wohnungsbau eG". Das Geschäftsmodell wirkt im Internet weitgehend gleich, sogar die selben Fotos werden verwendet. Warum zwei Genossenschaften? Dazu gab es auf Anfrage keine Antwort.

Ein gesetzliches Vorhaben zum besseren Schutz vor Missbrauch kommt aus Brandenburg. Das Bundesland hat erkannt, dass die gute Idee der Wohnungsgenossenschaft vor den zahlreichen unseriösen Trittbrettfahrern geschützt werden muss. Doch ein entsprechender Gesetzesantrag liegt auf Eis, die Bundesregierung bleibt untätig. Solange sich nichts bewegt, versuchen die Verbraucherzentralen weiterzukämpfen - damit Anleger nicht länger auf schwarze Schafe der Branche hereinfallen.