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Mehrwertsteuersenkung stellt Wirtschaft vor massive Probleme | BR24

© Tobias Brunner, BR

Die geplante Mehrwertsteuersenkung könnte Firmen ins Mehrwertsteuer-Chaos stürzen. Immer mehr Kritik aus unterschiedlichen Branchen wird laut.

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Mehrwertsteuersenkung stellt Wirtschaft vor massive Probleme

Sie war die große Überraschung im Konjunkturpaket: Die geplante Senkung der Mehrwertsteuer. Doch anstatt die Wirtschaft großzügig zu unterstützen, könnte die Politik damit viele Firmen ins Chaos stürzen.

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Um die durch die Corona-Pandemie schwer angeschlagene Konjunktur anzukurbeln, hat die Bundesregierung beschlossen, den Mehrwertsteuersatz von 19 auf 16 Prozent zu senken und den reduzierten Mehrwertsteuersatz von sieben auf fünf Prozent. Die Regelung soll von Juli an für sechs Monate befristet gelten.

Mehrwertsteuer-Chaos und Bürokratie drohen

Doch die Senkung der Mehrwertsteuer stößt in der Wirtschaft zunehmend auf Kritik. Die Unternehmen müssen Kassen- und IT-Systeme anpassen, Verträge ändern und Rechnungen umschreiben. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer fürchten einen gigantischen Mehraufwand. So auch Gerhard Hardrath, Handwerksmeister für Sanitär-Heizung-Klima im oberbayerischen Bruckmühl. Für ihn ist das ein bürokratischer Irrsinn.

"Wir haben im Juni alle Aufträge verschieben müssen, weil alle Kunden nur noch zum ersten Juli beginnen wollen. Dann müssen alle Rechnungen neu geschrieben werden. Und den gleichen Zirkus haben wir dann zum Jahresende noch einmal." Gerhard Hardrath, Handwerksmeister für Sanitär-Heizung-Klima

Auch in der Bauwirtschaft müssen alle Verträge mit längeren Laufzeiten überprüft werden: Wann wurde welche Leistung erbracht? Denn für die Umsatzsteuer ist der Zeitpunkt der Leistungserbringung ausschlaggebend. Sprich: Wird ein Rohr im ersten Halbjahr verlegt, dann muss die Rechnung 19 Prozent Mehrwertsteuer ausweisen, wird nach dem ersten Juli etwas gefertigt, darf die Rechnung dann nur noch 16 Prozent betragen.

Kassenumstellungen könnten bis September dauern

Auch Werner Geil, Geschäftsführer von "Geil Kassensysteme" in München ist besorgt. Er betreut mit sieben Mitarbeitern mehrere tausend Kunden im südbayerischen Raum, in der Gastronomie und im Einzelhandel. Alle diese Kassensysteme sollen jetzt möglichst zeitgleich in der Nacht auf den ersten Juli umgestellt werden, kein Kunde will lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

"Das ist für uns ein riesiger Kraftakt. Wir werden das nicht schaffen zum ersten Juli." Werner Geil, Geschäftsführer von "Gei Kassensysteme"

Seiner Einschätzung nach könnte die Kassenumstellung seiner Kunden bis September dauern.

Handel erwartet hohe Kosten durch Umstellung

Längst ist nicht ausgemacht, ob der Einzelhandel die Steuersenkung an seine Kunden weitergeben wird. Die Händler weisen auf die hohe Belastung durch die Umstellung hin. Laut dem Handelsverband Deutschland könnten sich die Kosten durch den Umstellungsaufwand auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag summieren.

Probleme auch bei Finanzämtern und Steuerberatungen

Auch die Steuerberater beklagen einen massiven Mehraufwand. Die Steuersenkung erfordere umfangreiche IT-Anpassungen, die innerhalb weniger Wochen kaum zu bewältigen seien.

"Alle Warenwirtschafts- und Buchhaltungssysteme müssen umgestellt und alle Verträge angepasst werden. Das ist angesichts des Starttermins zum ersten Juli kaum zu schaffen." Hartmut Schwab, Präsident der Bundessteuerberaterkammer.

Auch die Finanzämter seien mit der kurzfristigen Änderung überfordert. Eine Verschiebung der Mehrwertsteuersenkung auf den ersten September lehnt Hartmut Schwab, Präsident der Bundesteuerberaterkammer, im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk aber ab. Dann würden die Verbraucher ihre Konsumentscheidungen nur noch weiter nach hinten verschieben, was die Konjunktur weiter abwürgen würde.

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