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Mauerfall 1989: So kam die West-Mark zu den Ostdeutschen | BR24

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In vielen Städten Bayerns gab es lange Schlangen vor den Auszahlungsstellen. Besonders viele DDR-Bürger wollten nach München. Kein Wunder: In der bayerischen Landeshauptstadt gab es mehr Geld als woanders.

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Mauerfall 1989: So kam die West-Mark zu den Ostdeutschen

Vor 30 Jahren fuhren viele DDR-Bürger das erste Mal im Leben in den Westen - auch um das sogenannte Begrüßungsgeld abzuholen. Später rollte die West-Mark Richtung Osten.

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November 89: Menschenmassen am Münchener Hauptbahnhof. Tausende DDR-Bürger drängen aus den Zügen in die Stadt. Ein Grund: Nach der Maueröffnung wollen viele das Begrüßungsgeld in München abholen.

In München standen kilometerlange Schlangen

Vier Ausgabestellen gab es damals in der Stadt: und überall kilometerlange Schlangen. München war bei den DDR-Bürgern besonders beliebt, erinnert sich Leo Beck noch ganz genau. Er ist heute Geschäftsleiter des Münchener Kreisverwaltungsreferats. Damals war er noch ein ganz junger Beamter – und live dabei.

"Die Schlangen gingen vorne zum Eingang. Gingen hier vorbei. Standen dann hier die Lindwurmstraße weiter oder da auf die Anhöhe Richtung Theresienwiese bis zur Alten Messe. Und wenn sie sich vorstellen wie lang der Weg zur Bavaria oder zur Theresenwiese ist. Jeder, der mal auf die Wiesn gegangen ist, weiß wie weit das von hier aus, von der U-Bahnstation aus, ist. Da sind Hunderte von Metern, wo die Menschen damals gestanden sind." Leo Beck, Geschäftsleiter Kreisverwaltungsreferat München

Kein Wunder, dass so viele DDR-Bürger ausgerechnet nach München wollten. Denn hier bekamen sie außer den 100 D-Mark Begrüßungsgeld vom Bund und den 40 D-Mark vom Freistaat noch zusätzlich 50 Mark von der Stadt. Insgesamt also 190 D-Mark. Die Folge: 100 000 DDR-Bürger standen allein in einer Woche vor dem Kreisverwaltungsreferat Schlange.

140.000 Mark in einer Plastiktüte

Und schließlich kam es, wie es kommen musste: Das Bargeld ging zur Neige. Die Lösung: Leo Beck sollte von der Stadtkasse frisches Geld holen.

"Ja, wie soll ich es transportieren? Möglichst unverfänglich in Plastiktüten. Und dann kam ich dorthin, ging in die Stadtkasse. Und dann hat man mir 140.000 D-Mark ausgehändigt. Ich habe mein Leben lang noch nicht so viel Geld gesehen – wie im Film, bei einem Bankraub. Das Geld wurde dann in die Plastiktüte verfrachtet. ich ging dann wieder ins Taxi und habe dem Fahrer gesagt: schnellst möglichst wieder ins KVR. Es war extrem aufregend und wie in einem Film. Man kann nicht sagen wie im Gangsterfilm, denn ich habe ja nichts geklaut, aber es war schon spannend." Leo Beck, Geschäftsleiter Kreisverwaltungsreferat München

Ausgereister DDR-Bürger: "Hätte mir Ärger ersparen können"

Gleiche Stadt – völlig andere Geschichte. Und die spielt in der damaligen Landeszentralbank in der Ludwigstraße. Dort arbeitet der ehemalige DDR-Bürger Ulf Beckert. Als die Mauer fiel, war er bereits seit 2 Monaten in München. 4 Jahre zuvor hatte er in der DDR einen offiziellen Ausreiseantrag gestellt.

"Natürlich gab es Ärger. Das fing an bei den unterschwelligen Reaktionen in der Arbeit. Man wurde als aussätziger behandelt. Man wurde gemieden und musste alle 14 Tage aufs Amt, wo man seinen eigenen Betreuer von der Staatssicherheit hatte. Und der natürlich immer Psychodruck ausgeübt hat." Ulf Beckert, Bundesbank-Mitarbeiter

Bis er im Sommer 1989 plötzlich doch die DDR verlassen durfte und schließlich nach Bayern kam. Nur wenige Wochen später dann: Die Maueröffnung.

"Und da saßen wir den ganzen Abend vor dem Fernsehen bis tief in die Nacht hinein. Völlig wechselhafte Gefühle. Einmal natürlich zwischen Freude, aber auf der anderen Seite hat man sich gesagt: Hätte ich das gewusst, hätte ich mir vier Jahre Ärger mit den damaligen Staatssicherheitsbehörden ersparen können." Ulf Beckert, Bundesbank-Mitarbeiter

Für die Währungsunion werden Milliarden Bargeld in den Osten gebracht

Ironie der Geschichte: Als 1990 die Währungsunion kam, war er bald als Fahrer dabei. Milliarden D-Mark in bar mussten in den Osten gebracht werden. Und so führten ihn die Geldtransporte wieder in seine ehemalige Heimat.

"So sah das ungefähr aus. Dieser Verladehof mit diesem Wellblech quasi als Sichtschutz. Das war alles ziemlich abenteuerlich. Die ganzen Gebäude waren so etwas von marode." Ulf Beckert, Bundesbank-Mitarbeiter

Ein Privatvideo eines Bundesbank-Mitarbeiters macht deutlich, unter welchen Bedingungen damals zum Beispiel in Dresden gearbeitet wurde: Selbst die Büro-Einrichtung musste aus dem Westen mitgebracht werden. Telefon und Computer waren kaum vorhanden. Alles musste schnell gehen – schließlich sollte bereits im Juli 1990 die D-Mark in der DDR eingeführt werden.

Ein Bundesbankdirektor verlegte Estrich

Die Bilder aus dieser aufregenden Zeit hat Franz Josef Benedikt noch deutlich vor Augen. Er ist heute Präsident der Bundesbank-Hauptverwaltung in Bayern. Damals war er für den Aufbau der Bundesbank-Strukturen in Dresden und Chemnitz zuständig.

"Da sind schon 60, 70 Stunden die Woche zusammengekommen. Und ich habe nie mehr so viele Bundesbänker im Blaumann gesehen. Man musste auch handwerklich tätig werden. Ich habe in Dresden den zweiten Direktor gesehen, wie er auf dem Boden kniete und einen Estrich verlegte. Also es war schon etwas ganz Besonderes: ein Bundesbankdirektor auf Knien! Unsere Leute haben da wirklich ganz etwas Besonderes geleistet." Franz Josef Benedikt, Präsident Bundesbank Hauptverwaltung Bayern

Kiosk-Besitzer machte Geschäft seines Lebens

Wieder bei Leo Beck vom Münchener Kreisverwaltungsreferat. Er erzählt uns, dass einer besonders vom Begrüßungsgeld der DDR-Bürger profitiert hat: der Kiosk-Besitzer im nahe gelegenen U-Bahnhof.

"Dann sind sie zu uns, haben das DDR-Begrüßungsgeld abgeholt, sind dann wieder runter zur U-Bahn und haben gesehen, da gibt es Bananen. Der Kioskbesitzer hat später nie mehr so viele Bananen verkauft wie in dieser Woche. Er hatte oben einen Lastwagen stehen, der immer wieder in die Großmarkthalle gefahren ist, um Bananen nachzuordern. Denn so schnell hatte man gar nicht schauen können wie die Bananen wieder aus waren." Leo Beck, Geschäftsleiter Kreisverwaltungsreferat München

Dass Deutschland bereits elf Monate später vereint sein würde, konnte sich damals noch keiner vorstellen. Nach dem Fall der Mauer im November 89 stand der Freudentaumel im Vordergrund - und natürlich auch das Begrüßungsgeld.