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Lohngefälle: Warum auch in Tschechien Pflegekräfte fehlen | BR24

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Der Fachkräftemangel macht sich in Deutschland besonders im Pflegebereich bemerkbar. Wegen der besseren Bezahlung kommen ausgebildete Pflegerinnen auch aus Tschechien. Die Folge: Im Nachbarland fehlt es ebenfalls am Fachpersonal.

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Lohngefälle: Warum auch in Tschechien Pflegekräfte fehlen

Der Fachkräftemangel macht sich in Deutschland besonders im Pflegebereich bemerkbar. Wegen der besseren Bezahlung kommen Pflegerinnen auch aus Tschechien. Das Lohngefälle zieht sie gen Westen - das könnte schwere Folgen in ihrer Heimat haben.

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Besuch einer Seniorenresidenz im tschechischen Strážný, fünf Kilometer hinter der Grenze. 24 Senioren werden hier betreut. Und fast alle kommen aus Deutschland. Vor drei Jahren hat Marie Sporková das ehemalige Skihotel gepachtet und in ein Altenheim verwandelt. Der Andrang aus dem Nachbarland war von Anfang an groß:

"Unsere Klienten kommen zu uns, weil es hier natürlich viel günstiger ist als in deutschen Heimen. Ich glaube, die Angehörigen sehen, dass die Art und Weise, wie wir mit den Menschen hier umgehen, sehr familiär ist und nicht so wie in einem Krankenhaus. Sie finden die Atmosphäre einfach sehr nett." Marie Sporková, Leiterin Seniorenresidenz Strážný

Familiärer und günstiger: Tschechisches Pflegeheim als Alternative

Nicht ganz 1600 Euro im Monat kostet das Einzelzimmer - Extraleistungen wie Friseur, Hand- und Fußpflege oder Windeln inklusive. Für den Heimplatz ihrer Mutter in Niederbayern hat Gabi Seppenhauser vor drei Jahren mehr als das Doppelte hingelegt. Mindestens 600 Euro habe sie draufzahlen müssen. Die Rente habe dafür bei weitem nicht gereicht. Irgendwann seien die Ersparnisse ausgereizt gewesen.

Hinzu kommt, dass sich die Mutter in dem deutschen Heim nicht wohl gefühlt und kaum Essen zu sich genommen habe. Eine Freundin habe Gaby Seppenhauser dann empfohlen, es in Tschechien zu versuchen.

"Irgendwie meint man da, man schiebt jemanden ab. Dann hab' ich das meinem Mann erzählt und er hat gesagt: Du, das ist doch nicht schlecht, wenn's ihr dort nicht schlechter geht als da, und die dort vielleicht ein bisschen mehr Zeit haben für sie, da fahren wir hin, das schauen wir uns an." Gaby Seppenhauser, Rentnerin

Seit gut zweieinhalb Jahren fährt Gabi Seppenhauser nun regelmäßig rund 110 Kilometer, um die Mutter in Tschechien zu besuchen.

Starkes Lohngefälle zwischen Deutschland und Tschechien

In entgegengesetzter Richtung passiert Jana Slačíková die offene Grenze nach Deutschland. Seit einem Jahr pendelt die 40-jährige Krankenschwester von Böhmen zu ihrem Arbeitgeber, einem Altenheim in Waidhaus in der Oberpfalz. 50 Kilometer einfache Fahrt.

Derzeit arbeitet sie als Pfegehelferin. In deutschen Heimen steht ihr so der Pflegemindestlohn von 11,50 Euro die Stunde zu. In Tschechien liegt der allgemeine Mindestlohn dagegen bei nur 3,11 Euro. Das bedeutet: Sogar als Pflegehelferin verdient sie in Deutschland mehr als in ihrem Heimatland, wo sie als Fachkraft in einem Krankenhaus gearbeitet hat.

Viele Pflegeheime buhlen um wenige Fachkräfte

In Tschechien hat Jana Slačíková eine vierjährige Fachausbildung gemacht. Solche Abschlüsse werden grundsätzlich EU-weit als gleichwertig anerkannt. Doch die deutschen Behörden akzeptieren sie erst dann, wenn auch die sprachlichen Fähigkeiten nachgewiesen sind. Einmal die Woche besucht Jana daher einen hausinternen Deutschkurs. Das Heim bietet ihn seinen tschechischen Mitarbeitern seit kurzem an - auch um sie fit für den Sprachtest zu machen.

Nach bestandener Prüfung könnte Jana endlich als Fachkraft arbeiten. Dann bekäme sie in Vollzeit etwa 2800 Euro brutto im Monat - rund 800 Euro mehr als jetzt. Gut auch für ihren Arbeitgeber, der ohne qualifizierte Verstärkung unter die erforderliche Fachkräftequote sinken würde. Mit schwerwiegenden Folgen, betont Heimleiterin Martina Kiendl: "Das bedeutet auch einen Belegungsstopp. Das bedeutet auch, dass wir keine Bewohner aufnehmen können, dass Zimmer frei bleiben." Martina Kiendl kenne Heime in Grenznähe, die deshalb bereits mit Leerstand zu kämpfen haben.

Tschechien verliert qualifiziertes Personal

Auch im tschechischen Strážný sucht Heimleiterin Marie Sporková händeringend nach Fachpersonal. Rund 1000 Euro verdienen Pflegefachkräfte hier. Und natürlich sollten sie sich mit den deutschen Bewohnern gut verständigen können.

Doch zu gut kann auch ein Nachteil sein. "Die, die wirklich gut Deutsch sprechen, bemühen sich, eine Arbeitsstelle in Deutschland zu finden", so Sporková. Sie versuche, Mitarbeitern für gute Arbeit finanziell entgegenzukommen. Solange aber das starke Lohngefälle zwischen Deutschland und Tschechien bleibt, werden viele Fachkräfte weiter nach Westen abwandern.