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Die Logistikbranche sucht händeringend nach Personal. Die langfristigen Auswirkungen sind noch nicht absehbar. Drohen am Ende gar Situationen wie in Großbritannien?

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Lkw-Fahrer: Dringend gebraucht, wenig anerkannt

In England kommt es seit September zu Lieferengpässen bei der Kraftstoff- und Lebensmittelversorgung, weil es zu wenige Lastwagenfahrer gibt. Experten warnen: Auch in Bayern drohen solche Engpässe. Warum gibt es bei uns nicht genügend Lkw-Fahrer?

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Von
  • Uli Scherr

Experten sind sich einig: Auch in Bayern könnte der Mangel an ausgebildeten Berufskraftfahren über kurz oder lang zu Versorgungsproblemen führen, wie sie jetzt in Großbritannien zu erleben sind.

Nachdenken über Hamsterkäufe in der Grenzregion

Während der Corona-Pandemie war die Grenzlandregion zwischen Hof und Passau den englischen Verhältnissen mit leeren Supermarkt-Regalen schon viel näher, als wir zu denken wagen, sagt Manuel Lorenz, Logistik-Experte bei der IHK Regensburg. Die Speditionen hier rekrutieren bis zu 60 Prozent ihres Personals aus dem Nachbarland Tschechien. In der Pandemie, als die tschechische Regierung die Grenze schloss, fürchtete Lorenz, dass die Fahrer ausbleiben.

"Und wenn man dann die Logistik-Ketten kennt und weiß, welche Spedition für welchen Einzelhändler arbeitet: Da habe ich auch schon an Hamsterkäufe gedacht, um das ganz offen zu sagen." Manuel Lorenz, IHK Regensburg

Vor zwei Jahren haben die Industrie- und Handelskammern in Bayern eine Umfrage unter 500 Logistik-Unternehmen aus dem Freistaat durchgeführt. Ergebnis: Praktisch alle Firmen suchen händeringend nach Fahrern. Und der Mangel wird immer größer. Nach Angaben des Spitzenverbandes der deutschen Transportlogistiker BGL gehen bundesweit jedes Jahr rund 30.000 Kraftfahrer in Rente, gleichzeitig werden aber nur rund 17.000 neue Leute ausgebildet.

Es fehlen bis zu 80.000 Lkw-Fahrer

Mittlerweile fehlen zehntausende Arbeitskräfte in diesem Beruf. Der Bedarf schwankt nach Einschätzung der unterschiedlichen Berufsverbände, Gewerkschaften und Kammern zwischen 45.000 und 80.000. Woher kommt der Nachwuchsmangel?

Häufig wird angeführt, dass die Bundeswehr nach dem Wegfall der Wehrpflicht als wichtigster Ausbilder von Kraftfahrer-Nachwuchs weggefallen ist. Auf dem freien Markt muss man für den Erwerb der Fahrerlaubnis für Güter- und Personenverkehr nach Branchenangaben derzeit mehr als 15.000 Euro bezahlen. Allerdings bieten viele Speditionen an, die Ausbildungskosten zu übernehmen.

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Udo Lautenbacher. Der 60-Jährige nennt sich selber einen "Kraftfahrer aus Leidenschaft" und liebt seinen Beruf - trotz aller Widrigkeiten.

Bei der Ursachenforschung, warum sich so wenige Menschen auf den Beruf des Kraftfahrers einlassen wollen, sind sich Gewerkschaft und Kammern weitgehend einig. Die Löhne sind je nach Einsatzart unterdurchschnittlich, dafür gibt es unregelmäßige Arbeitszeiten und die Arbeitsbedingungen gelten allgemein als schwierig. Dazu kommt ein Imageproblem: viele Kraftfahrer beklagen die ihrer Meinung nach geringe Wertschätzung ihres Berufsstandes in der Gesellschaft.

"Wir sind der Störfaktor Nr. 1. Wir werden die Bösen auf der Straße bleiben, wir werden die Stinker bleiben, die Umweltverpester. Da müsste sich schon schwerwiegend was ändern in unserer Gesellschaft, damit wir den Respekt kriegen, den wir verdienen." Udo Lautenbacher (60), Lkw-Fahrer aus Wörth a. d. Donau

Mehr als dreiviertel aller Kraftfahrer in Deutschland arbeiten im Niedriglohnbereich, kritisiert Verdi. Der durchschnittliche Einstiegslohn liegt der Gewerkschaft zufolge unter 1.900 Euro monatlich. Lohnerhöhungen sind schwer zu realisieren, weil in der Logistik-Branche ein massiver Preiskampf stattfindet.

Dazu kommt, dass viele Fahrer unter Zeitdruck stehen. Die engen Terminpläne können die Fahrer mit legalen Mitteln oft nicht bewältigen. Also werden immer wieder Ruhezeiten missachtet oder sogar Fahrtenschreiber manipuliert.

Fahrer zeigen sich selber an - aus Verzweiflung

Polizeihauptkommissar Harald Beigel kennt viele solche Fälle aus der täglichen Praxis. Er ist Schwerverkehr- und Gefahrgut-Experte beim Polizeipräsidium Oberpfalz. Es passiert gar nicht selten, dass sich Lastwagenfahrer selber anzeigen. Aus Verzweiflung.

"Es kommt immer wieder vor, dass Lkw-Fahrer zu uns kommen und um eine Kontrolle bitten, weil sie von ihrem Unternehmer angewiesen sind, länger zu fahren als erlaubt. Weil sie dann diesen Weg wählen, um irgendwo eine Hilfestellung zu erhalten." Harald Beigel, Verkehrspolizeiinspektion Amberg

Dass die Kraftfahrer in naher Zukunft durch autonome Fahrassistenten abgelöst werden, glauben die Branchenkenner nicht. Und eine stärkere Verlagerung des Frachtverkehrs von der Straße auf die Schiene scheitert am Kapazitätsdefizit bei der Bahn. Ohne Berufskraftfahrer wird es also auch in Zukunft nicht gehen.

Gesundheitsrisiko für gestresste Lkw-Fahrer

Umso wichtiger wird es deshalb, sich gut um die vorhandenen Lkw-Fahrer zu kümmern. Denn Berufskraftfahrer haben Stress. Und Stress macht krank, sagt der Psychologe Martin Simmel. Er ist Fachmann für Gesundheitsmanagement in der Arbeitswelt und hat schon mehrfach mit Spediteuren und ihren Fahrern gearbeitet.

Dass viele von ihnen Rückenprobleme wegen des vielen Sitzens hätten, war dabei wenig überraschend. Neu war für den Psychologen, dass viele Lkw-Fahrer an Stress und Stressfolgeerkrankungen leiden. Viele Männer hätten über Blasen- und Prostata-Erkrankungen geklagt. Sie werden krank, weil sie keine Zeit haben, ausreichend zu trinken und auf die Toilette zu gehen.

Kochkurse und Konzentrationsübungen für Fernfahrer

Der Psychologe sieht die Logistik-Unternehmer in der Pflicht, sich besser um die Gesundheit der Lkw-Fahrer zu kümmern. Simmel selbst hat bereits Kochkurse für Fernfahrer abgehalten, um ihnen gesunde Ernährung nahezubringen. Und er hat ein Trainingsprogramm entwickelt, das den Fahrern helfen soll, ihre Konzentrationsfähigkeit zu verbessern.

Den strukturellen Mangel an Berufskraftfahrern werden solche Maßnahmen kaum beseitigen helfen. Die Gewerkschaft Verdi glaubt, dass die Lösung des Fahrermangels vor allem an der der Frage der Bezahlung hängt. Sowohl die Ausbildung als auch die Tätigkeit des Kraftfahrers müsse finanziell aufgewertet werden.

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Ohne LKW-Fahrer kommen die Probleme, wie sie gerade Großbritannien erlebt. Wegen des Brexits sind Tausende vor allem osteuropäische Fachkräfte abgewandert. Den Mangel an ausgebildeten Berufskraftfahrern kennt man auch in Bayern.

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