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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Andreas Arnold

Der Industriegasekonzern Linde profitiert von der Corona-Krise und ist auch bei Zukunftsthemen gut aufgestellt.

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Linde profitiert von Nachfrage nach "Gesundheitsgasen"

Der ehemals Münchner Industriegasehersteller Linde hat im erstem Quartal deutlich mehr umgesetzt. Unter anderem stieg in der europäischen Gesundheitssparte der Umsatz um zehn Prozent. Dazu gehört auch von Corona-Patienten benötigter Sauerstoff.

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Von
  • Ralf Schmidberger
  • Victor Gojdka
  • Dirk Vilsmeier

Der weltweit größte Industriegashersteller Linde hat seine Bilanzzahlen für das erste Quartal vorgelegt. Der Umsatz stieg dabei im Vergleich zum Vorjahr deutlich – um sieben Prozent auf 7,2 Milliarden Dollar. Vor allem aus der Medizin- und Elektronik-Branche stieg die Nachfrage nach Gasen. Fürs Gesamtjahr geht Linde jetzt von einem um fast 20 Prozent höheren Gewinn pro Aktie aus. Der Industriegasekonzern profitiert von der Corona-Krise und ist auch bei Zukunftsthemen gut aufgestellt.

Sauerstoff gehört bei Linde zu den wichtigen Umsatzbringern

Denn Linde gehört zu den weltweit größten Produzenten von Wasserstoff – und auch von Sauerstoff, das Gas, mit dem die Krankenhäuser weltweit die vielen Corona-Patienten beatmen. Er wird aber auch bei vielen industriellen Verfahren benötigt. Etwa ein Fünftel seines Umsatzes macht der Konzern mit Herstellung, Verkauf und Lieferung von Sauerstoff.

Und Wasserstoff gilt als Energieträger, der enorm zum Klimaschutz beitragen kann. Insbesondere wenn er mithilfe von Wind- und Sonnenkraft gewonnen wird – also klimaneutral.

Weil die Menschen von zuhause aus arbeiten, erlebte zuletzt außerdem die Elektronikbranche einen Boom. Zur Produktion von Halbleitern und Bildschirmen liefert Linde die notwendigen hochreinen Gase.

Linde gehört zu den wertvollsten Konzernen

Insgesamt laufen die Geschäfte immer besser seit der Fusion der Münchner Linde AG mit dem US-Konkurrenten Praxair vor gut zwei Jahren. Die Aktien gehören zu den Favoriten im Deutschen Aktienindex. Linde ist nach SAP das wertvollste Unternehmen im DAX.

Dabei hat der Konzern rechtlich gesehen mit Deutschland nur noch wenig zu tun: Linde hat den offiziellen Sitz in Irland, die Aufsichts-Zentrale in England und wird operativ von den USA aus geleitet. Weil aber immer noch sehr viele Linde-Aktien in Deutschland gehandelt werden, sind diese weiterhin im DAX.

Außerdem ist die Anlagensparte, die in Pullach bei München angesiedelt ist, eine Ertragsperle. Insgesamt hat der Konzern nach eigenen Angaben derzeit rund 4.500 Beschäftige in Bayern.

Lebenselixier Sauerstoff

© HR/Victor Gojdka
Bildrechte: dpa-Bildfunk

Sauerstoff rettet Leben: Indien leidet dramatisch unter der Corona-Pandemie, auch weil es am Wichtigsten fehlt, an Sauerstoff. Einer der größten Produzenten von medizinischem Sauerstoff ist der Industriegase-Konzern Linde.

Neben Börsenkursen und Goldpreisen drucken indische Zeitungen jetzt auch die Lieferstatistiken für Sauerstoff: Mehrere Hundert Dollar zahlen manche Landsleute für größere Sauerstoff-Flaschen. Zehnmal so viel wie in normalen Zeiten. Und doch reicht es oft immer noch nicht.

Es wirkt fast perfide, dass Sauerstoff – frei verfügbar in der Luft – zur kostbaren Ware geworden ist. Manche sagen: Da wird aus Luft Geld gemacht. Aber in Wirklichkeit ist es komplizierter.

Riesige Anlagen für die Produktion von Sauerstoff

Man braucht dafür riesige und teure Produktionsanlagen, sagt Industriegasexperte Stephen B. Harrison von der Beratungsgesellschaft SBH4: "Man nutzt Elektrizität, um die Luft flüssig zu machen. Und dann kann die Luft in ihre Bestandteile wie Stickstoff und Sauerstoff geteilt werden. Und die werden dann gelagert oder verteilt – wie man es eben braucht."

Am Ende landet der fertig getrennte Sauerstoff längst nicht nur auf den Intensivstationen zur Beatmung. Auch die Schwerindustrie braucht das geruchslose Gas: Keine Stahlproduktion kommt ohne aus. Durch Nordrhein-Westfalen ziehen sich sogar ganze Sauerstoff-Pipelines für die Industrie. Einer der größten Spieler ist dabei Linde, sagt Gase-Experte Stephen B. Harrison. Das Sauerstoffgeschäft bei großen Industriegase-Konzernen wie Linde oder Air Liquide stehe etwa für 20 Prozent des Umsatzes oder des Gewinns.

Medizin- und Industriesauerstoff sind nicht das Gleiche

Eins zu eins dasselbe sind Gesundheits-Sauerstoff und die Industrievariante aber nicht. Chemisch ist die Formel zwar gleich, aber beim Sauerstoff für die Beatmung kommt es auf die Feinheiten an, sagt Werner Marcisch, der Geschäftsführer des Industriegase-Verbands, auch wenn in beiden Fällen der Sauerstoff aus der Luft komme. "Aber Sie müssen bestimmte Qualitätskriterien einhalten, die das Arzneimittelgesetzt vorschreibt. Was keiner weiß: Das ist ein Arzneimittel!" Da dürften nur ganz wenige Fremdstoffe enthalten sein.

Eigentlich reicht weltweite Sauerstoffproduktion - eigentlich!

57 große Produktionsanlagen für Sauerstoff gibt es allein in Deutschland. Knapp ist der wichtige Stoff hierzulande also nicht. Und selbst in Indien reicht die Sauerstoffproduktion eigentlich aus. Was fehlt, sind eher Spezial-Lastwagen und Sauerstoff-Flaschen für den Transport. Der Geschäftsführer des Industriegase-Verbands deutet mit dem Zeigefinger auf die indische Politik. Dort haben man schon vor vier Monaten gesagt: Sie hätten alles im Griff.

"Sie haben gar nichts im Griff gehabt! Das wurde einfach ignoriert, dass das kommen könnte! Die holen sich ja sogar Flaschen vom Schwarzmarkt." Werner Marcisch, Geschäftsführer des Industriegase-Verbands

Linde habe Indien unterstützt und Container geschickt. Doch das reiche nicht aus, weil dort die Lage stark unterschätzt worden sei, so Marcisch weiter.

Über die aktuell hohe Nachfrage nach Sauerstoff will sich in der Industrie allerdings niemand freuen. Eigentlich, sagen die Sauerstoffexperten, hofften sie alle, dass im kommenden Jahr weniger Sauerstoff gebraucht werde.

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