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Lieferando: Profit in der Corona-Krise, Kritik von Mitarbeitern | BR24

© Johannes Lenz, BR

Torpedierte Betriebswahlen? Unreguliertes Datensammeln? Während der Recherche stoßen wir auf schwere Vorwürfe von Lieferando-Mitarbeitern gegen ihren Arbeitgeber und machen uns auf die Suche nach Antworten.

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Lieferando: Profit in der Corona-Krise, Kritik von Mitarbeitern

Durch die Corona-Krise boomt das Geschäft von Lieferando, dem Lieferdienst-Marktführer in Deutschland. Doch es gibt Kritik aus den Reihen der Mitarbeiter: Fahrer fühlen sich überwacht, Betriebsräte in ihrer Arbeit eingeschränkt.

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Von
  • Rebecca Ciesielski
  • Sammy Khamis
  • Johannes Lenz
  • Verena Schälter

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie, fängt die Rushhour für Elmar Ewaldt bereits um 12 Uhr mittags an. Ewaldt ist Fahrer bei Lieferando. Das Unternehmen ist in Deutschland Marktführer unter den Essenslieferdiensten und seit 2019 quasi Monopolist. Die erste Fahrt an diesem Novembertag in Nürnberg führt ihn zu einer Fast-Food-Kette. Am Ende seiner Schicht hat er 33 Kilometer zurückgelegt, zehn Aufträge ausgefahren und sechs Stunden auf dem Fahrrad verbracht.

Wie Ewaldt fahren weitere, rund 5.000 Fahrerinnen und Fahrer in orangefarbenen Uniformen durch deutsche Städte. Tendenz steigend. Lieferando suche aktuell 1.000 weitere Rider, so der Konzern. Nach Angaben des Unternehmens sind alle Fahrerinnen und Fahrer sozialversicherungspflichtig angestellt und verdienen mindestens 10,50€ pro Stunde. Zu diesem Stundenlohn kämen Bonuszahlungen. Gewerkschaften kritisieren jedoch, dass viele von ihnen nur befristete Einjahresverträge erhielten oder Minijobber seien. 

"Weiterhin vollends auf Expansion ausgerichtet"

Gerade sei für "alle eine schwierige Zeit", so Lieferando-Gründer Jörg Gerbig im Interview mit BR und Plusminus, vor allem die "Restaurantpartner" gelte es "tatkräftig zu unterstützen". Dies mache Lieferando indem es Preisnachlässe für die Nutzung der Plattform oder den Lieferservice durch Lieferando-Fahrer anbiete. Die Firma selbst verzeichne große Zuwächse, so Gerbig: "Wir sind weiterhin vollends auf Expansion ausgerichtet."

Wie stark Lieferando in den letzten Monaten wuchs, verrät ein Blick in den Unternehmensbericht: Die Anzahl der bestellten Speisen stieg im ersten Halbjahr auf Rund 49 Millionen, ein Zuwachs von 34 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der Umsatz verdoppelte sich von 80 Millionen Euro auf 161 Millionen Euro. 

Geschäftsmodell Plattform und Lieferservice

Für jede über Lieferando abgewickelte Bestellung bezahlen Restaurants einen bestimmten Anteil des Bestellwerts: Holt der Kunde sein Essen selbst ab oder liefert das Restaurant eigenständig aus, verlangt die Firma 13 Prozent Provision. Wird das Essen mit Fahrern wie Elmar Ewaldt ausgeliefert, behält Lieferando 30 Prozent des Warenwertes für sich. Während des derzeitigen teilweisen Lockdowns gewährt Lieferando 25 Prozent Rabatt darauf.

Michael Lidl, Unternehmensberater mit Schwerpunkt Gastronomie, spricht von einer "Hassliebe" zwischen Restaurants und Lieferando. Für viele Restaurants, so der Branchenkenner, sei Lieferando die einzige Hoffnung, um während des zweiten teilweisen Lockdowns überhaupt Umsätze zu erzielen. Deswegen nähmen Restaurantbesitzer die Provisionen in Kauf.

Lieferando: Markführer seit 2019

Seit "Just Eat Takeaway", der holländische Mutterkonzern von Lieferando, 2019 das Deutschlandgeschäft von Delivery Hero übernommen hat, dominiert Lieferando den deutschen Markt. Seither wuchs aber auch die Kritik an der Firma. Die Gründung von Betriebsräten würde erschwert, wie Lieferando-Mitarbeiter bemängeln. Das zeigen auch zwei aktuelle Urteile der Landesarbeitsgerichte in Köln und Frankfurt.

In Frankfurt stellte das Gericht "nicht kooperatives Verhalten des Arbeitgebers" fest. Lieferando wollte Mitarbeiterlisten, die Voraussetzung für die Durchführung einer Betriebsratswahl sind, nicht an den Wahlvorstand weitergeben. Selbiger Sachverhalt in Köln.

In beiden Fällen verlor Lieferando vor Gericht und musste die Listen den Wahlvorständen übermitteln. Angesprochen auf den Umgang mit einzelnen Betriebsräten, antwortet Firmengründer Gerbig, es könne "mal zu Sachen kommen, wo wir vielleicht nachbessern müssen." Grundsätzlich liege ihm aber viel daran "faire Bedingungen zu schaffen".

Reporterteam bekommt Daten zugespielt

Zurück in Nürnberg bei Rider Elmar Ewaldt. Neben dem eigenen Fahrrad ist das private Mobiltelefon sein Hauptarbeitsgerät. Über eine App erhält er Aufträge, gibt Rückmeldung über zugestellte Lieferungen. Fahrer wie Ewaldt kritisieren den hohen Datenverbrauch der App oder die Tatsache, dass Kunden den Standort der Rider während der Lieferung permanent nachverfolgen können. So fallen Daten an - viele Daten. Zugriff darauf hat auch das Unternehmen. Fahrer aus ganz Deutschland erzählen einem Team aus Reporterinnen und Reportern von BR Data und Plusminus, dass sie sich durch die App überwacht fühlen.

Dem Reporterteam zugespielte Dokumente belegen nun erstmals, wie viele Daten die App tatsächlich erhebt: sekundengenaue Angaben über Eingang der Bestellung, Abholung der Speisen bis hin zur Übergabe beim Kunden. Darüber hinaus Berechnungen, inwiefern Rider vorgegebene Zeiten einhalten. All das wird personalisiert und teilweise über Jahre gespeichert.

Datenschutz- und Arbeitsrechtsexperte Peter Wedde kritisiert, dass sich mit diesen Daten ein "präzises Leistungs- und Verhaltensprofil" erstellen ließe: "Es führt dazu, dass die Beschäftigten sehr gläsern sind, dass man also jeden einzelnen Verhaltensschritt erfassen kann, den man für die Auftragsabwicklung eigentlich gar nicht bräuchte."

Professor für Arbeitsrecht: Bedenken bei Datenschutz

Lieferando teilt auf Anfrage mit, die Fahrer-App sei datenschutzkonform und werde nicht zur unerlaubten Leistungs- oder Verhaltenskontrolle genutzt. Laut Lieferando-Gründer Gerbig erhebe man die Daten der Fahrer für die Gehaltsabrechnungen. Die Daten würden nicht in die Entscheidung einbezogen, ob ein Vertrag verlängert wird oder nicht. Man halte sich "an geltende Gesetze", so Gerbig.

Laut Arbeitsrechtsexperte Wedde müsse Lieferando den Betriebsrat detailliert über das Speichern von Daten informieren: "Wenn das unterbleibt, ist es ein Verstoß gegen das Gesetz." Laut Lieferando hätten Betriebsräte Einsicht in die Funktionalität der App bekommen. Von Seiten des Betriebsrats heißt es hingegen, man wisse bis heute nicht genau, welche Daten das Unternehmen speichere.

Es ist schon dunkel an diesem Novembertag, als Elmar Ewaldt beschließt seine Schicht vorzeitig zu beenden und noch Aufgaben in seiner Funktion als Wahlvorstand zu erledigen. Seit mehreren Monaten versuchen er und seine Kollegen einen Betriebsrat in Nürnberg zu etablieren. Bisher scheiterte das daran, dass coronabedingt kaum Treffen abgehalten werden konnten - und an der zeitweise schwierigen Zusammenarbeit mit Lieferando, wie Ewaldt sagt. Das Unternehmen hätte erneut erst nach Monaten die Mitarbeiterlisten weitergegeben.

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