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Leere Innenstädte: Auf diese Ideen setzen Händler | BR24

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Leere Innenstädte wegen Corona: Droht dem Einzelhandel das Aus?

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    Leere Innenstädte: Auf diese Ideen setzen Händler

    Drohen die Innenstädte zu veröden? In München stehen beispielsweise bereits einige Läden leer. Stadtplaner halten Corona für einen Brandbeschleuniger bestehender Probleme - aber auch für eine historische Chance, Innenstädte umzuformen.

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    Von
    • Reinhard Weber

    Unmittelbar in den Passagen des Münchner Rathauses musste das Sporthaus Münzinger Corona-bedingt schließen. Es war Münchens ältestes Sportgeschäft, ehemals königlicher Hoflieferant. Doch zum Jahreswechsel war Schluss. Der Chef Florian Schuster trennte sich von der Rathaus-Filiale um sein Haupthaus, das Geschäft Sport Schuster in der Innenstadt zu retten, wegen Corona blieben immer mehr Kunden weg.

    Florian Schuster schildert die Gründe: Es seien ganz unterschiedliche Aspekte gewesen, die da zusammen gespielt hätten. Tourismus, Emotionalität im Fußball, die erodiert sei - all das hätte dazu geführt, dass er sich von der Firma Münzinger habe verabschieden müssen. Es sei ein sehr schwerer und emotionaler Entschluss gewesen.

    In der Fußgängerzone ein paar Meter weiter die nächsten Leerstände: sogar Filialen großer Ketten wie s.Oliver, Pimky oder Orsay haben aufgegeben. Traditionsgeschäfte müssen schließen, wie Schuh Thomas, dem nach 60 Jahren wegen Corona und dem Lockdown die Kunden fehlen.

    Improvisieren, um zu überleben

    Florian Schuster will wenigstens seine Hauptfiliale in München durch den Lockdown retten. Weil die Skigebiete geschlossen sind, bleiben Abfahrtsskier und Stiefel in den Regalen stehen. Doch wie geht es weiter? Outdoorbekleidung und Langlaufausrüstung finden über Click & Collect und im Online-Shop noch ein paar Käufer. Damit kann Florian Schuster zumindest etwas Umsatz machen.

    Jetzt müsste er Sommerware bestellen und bezahlen: riskant. Seine Einkäufer suchen mit den meist sehr vertrauten Herstellern das Gespräch: "Jetzt wollte ich noch mal auf dich zurückkommen, dass wir eine gemeinschaftliche Lösung finden, wie wir denn in die nächste Saison starten. Ah, wie kannst du mir vielleicht früher die Sommerware schicken und wie kannst du mir gegebenenfalls auch mit den Beständen, die wir jetzt in der Wintersaison haben, aushelfen, sodass wir da einen Deal hinbekommen, der für uns beide dann funktioniert?"

    Florian Schuster schätzt das Miteinander. Mit den Herstellern sei es sehr verständnisvoll, weil beide Seiten wüssten, dass sie alle mit dem Rücken zur Wand stehen. Und es sei mehr eine Frage des Miteinanders und de rgegenseitigen Unterstützung als des Handels und Schacherns, um irgendwo den eigenen Vorteil ganz nach vorne zu stellen zu Lasten der anderen. Das sei nicht der Fall.

    Wie soll es für die Händler nach dem Lockdown weitergehen?

    Sport Schuster ist darauf angewiesen, dass die Kunden wieder in die Innenstadt kommen: "Wir versuchen eigentlich das, was wir immer tun: dass wir die Stadt München attraktiv machen, mit unserem Haus, mit unseren Mitarbeitern, mit der Kompetenz unserer Mitarbeiter und mit dem Einkaufserlebnis. Das ist das, was wir am besten können und umso schmerzlicher ist es, dass wir es im Moment nicht können."

    Solidarität in Murnau: Gemeinsamer Verein

    Ein anderes Beispiel: die 12.000 Einwohner-Gemeinde Murnau. Rund 80 Prozent der Innenstadt-Läden sind inhabergeführt, es gibt kaum Filialen großer Ketten. Trotzdem kämpfen auch sie ums Überleben, wie Buchhändler Guntram Gattner. Er ist Vorsitzender des Vereins für Wirtschaftsförderung.

    Um den Lockdown zu überbrücken und die Kunden zu halten, hat er für alle Mitgliedsunternehmen einen Lieferdienst auf die Beine gestellt zusammen mit dem örtlichen Verein "Menschen helfen". Den haben die Geschäftsleute vor Corona großzügig unterstützt, nun revanchiert sich der Verein und hilft mit Radkurieren aus, die ehrenamtlich Waren zu den Kunden bringen.

    Murnau setzt auf digitale Werbekampagne

    Damit die Läden nach dem Lockdown wieder laufen, tüftelt Gattner gemeinsam mit den anderen Geschäftsleuten an einer digitalen Werbekampagne. Sie haben die Arbeitsgemeinschaft City Marketing gegründet. Ihre Analyse: Die Kernmarke von Murnau sind die historischen Fassaden und die Unternehmerpersönlichkeiten, mit ihren Geschichten und ihrer Tradition.

    Guntram Gattner vom Verein für Wirtschaftsförderung in Murnau setzt auf die Charaktere: "Es sind auch sehr eigene Typen und ich finde, das macht es doch interessant, auch für Leute, die von außen kommen: Münchner, Urlauber, Touristen."

    Kurz darauf: Besprechung im Murnauer Rathaus mit Kolleginnen der Touristinformation. Sie präsentieren 360-Grad-Videos von Murnau, die künftig auf der Website der Marktgemeinde zu sehen sein werden. Beim virtuellen Bummel durch den Ortskern können Besucher dann über einen Button in die Geschäfte eintreten und sich im Laden umsehen. Hier kann man dann auch die Porträts anklicken. Die vorgestellten Unternehmerinnen und Unternehmer sollen Kundenbindung schaffen.

    München: Filialen großer Ketten statt individuelle Läden

    In der Münchner Fußgängerzone wäre so ein Konzept wie in Murnau nicht möglich. Denn 96 Prozent der Geschäfte sind Filialen großer Ketten. Für Kritiker eine austauschbare Shopping-Meile. Welche Rezepte gibt es für größere Innenstädte?

    Pilotprojekte wollen die Situation ändern

    Ein privates Großbauprojekt in der Münchner Innenstadt, bereits vor Corona wurde es geplant. Nun wird auch auf Druck der Stadt ein Weg der Mischnutzung eingeschlagen: Die sogenannte alte Akademie wird saniert. Auf 22.000 Quadratmetern entsteht ein Mix aus Büros, Läden, Gastronomie und kleineren Wohnungen zur Miete, bewusst keine Eigentumswohnungen. So sollen die Bürger wieder in die Stadt geholt und Lebensraum geschaffen werden. Ein bislang verschlossener Innenhof wird dann für die Besucher zum Verweilen geöffnet. Restaurierte Arkaden werden zum Bummeln einladen.

    Münchens Stadtbaurätin Elisabeth Merk setzt auf neue Konzepte: Wir brauchen attraktive Freiräume in der Stadt, sagt sie, wo sich Menschen auch begegnen können. Eigentümer aber auch die Unternehmen müssten eine größere Offenheit zeigen, auch neue Nutzungskonzepte mit neuen Akteuren einzugehen, und dann beispielsweise ihre Ladenlokale auch nach Umsatzmiete vermieten, um da einfach mehr Spielraum zu eröffnen.

    Corona als historische Chance

    Gesa Ziemer, Professorin für Stadtforschung von der HafenCity Universität Hamburg sieht in der Coronakrise eine historische Chance, die Innenstädte neu aufzustellen: Die Innenstadt der Zukunft sei auf jeden Fall ein vielfältiger Ort, ein belebter Ort, ein Ort, der nicht dunkel ist nachts nach 20 Uhr.

    Vor allem sei es nicht nur ein Ort des Konsums, es sei eine Stadt für alle, eine Stadt, in der man sein könne, in der man sich treffen könne, in der man bunte, belebte, vielfältige Erfahrungen machen könne, die eben nicht nur Einkaufen seien.

    Sie sagt: "Vier Aspekte müssen wir bedenken." Das eine seien neue Formen von Mobilität. "Wir werden also den privaten Autoverkehr aus den Innenstädten weiter herausnehmen müssen." Das andere seien neue Formen des Arbeitens. "Wir werden flexibler arbeiten, pendeln zwischen Stadt und Land, vielleicht müssen wir nicht die ganze Woche in der Stadt zur Arbeit sein. Natur in die Stadt, wir müssten die Städte begrünen, aber auch so etwas wie vertikale Gärten schaffen, also Produktion von Lebensmitteln in Städten." Und ganz wichtig sei, dass Kultur zurück in die Innenstädte kommt, Begegnungsorte, Orte an denen man verweilen kann, Bibliotheken könnten sich öffnen, oder viele andere kulturelle Institutionen.

    Solange müssen die Einzelhändler aber noch durchhalten, bis sie davon wieder profitieren könnten.