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Lebensmittelverschwendung: Warum gute Ware im Müll landet | BR24

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Alltag in Deutschland: Statt auf den Teller wandern viele Lebensmittel aus den Regalen in den Müll. Von Backwaren bis Obst sind es 18 Millionen Tonnen weggeworfene Lebensmittel pro Jahr - allein in Deutschland. Tendenz steigend.

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Lebensmittelverschwendung: Warum gute Ware im Müll landet

Trauriger Alltag in Deutschland: Statt auf den Teller wandern viele Lebensmittel in den Müll. Von Backwaren bis Obst sind es 18 Millionen Tonnen weggeworfene Lebensmittel pro Jahr. So wollen Aktivisten gegen den "Wegwerf-Wahnsinn" vorgehen.

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Ein Supermarkt in der Nähe von Regensburg. Korbinian Werthner holt hier regelmäßig Lebensmittel ab, die sonst im Müll landen würden. Der 28-Jährige ist in einer Foodsharing-Gruppe aktiv. Er verteilt übriggebliebene Nahrungsmittel an andere Leute weiter, meist an Bedürftige.

"Ich schaue mir alle Lebensmittel genau an. Manche sind vielleicht tatsächlich nicht mehr gut. Meist aber ist es dann bei den Salaten, dass irgendein Blatt außen verwelkt ist. Aber ansonsten ist das guter Salat." Korbinian Werthner, Foodsharing e.V., Regensburg

Haltbarkeitsdatum: Händler fürchten Haftungsrisiken

Ob Nudeln, Gemüse, Gewürze oder auch Chips: Händler richten sich rigoros nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum - auch dann, wenn die Ware augenscheinlich noch gut ist.

"Die Chips sind vorgestern abgelaufen. Eigentlich macht das nichts aus, die sind eingeschweißt unter Schutzatmosphäre. Das Problem dabei ist: Händler befürchten in Deutschland Haftungsgründe. Wenn jemand die Chips isst oder irgendein anderes Lebensmittel, und es ist noch haltbar, und es passiert etwas." Korbinian Werthner, Foodsharing e.V., Regensburg

Dabei ist das Mindesthaltbarkeitsdatum oft nur ein grober Richtwert. Die Lebensmittelindustrie geht auf Nummer sicher und gibt lieber eine kürzere Haltbarkeit an. Dass Lebensmittel nach Ablauf verschenkt werden, ist eher die Ausnahme. Und damit Privatpersonen die durchaus noch essbaren Lebensmittel nicht aus den Mülltonnen der Geschäfte mitnehmen, greifen einige Supermarktketten zu drastischen Mitteln, weiß Lebensmittel-Aktivist Korbinian Werthner:

"Manche Ketten, das wissen wir inzwischen intern von Foodsharing, verlangen bundesweit von den Filialen, dass sie das nicht nur wegschmeißen, sondern teilweise sogar Spülmittel darüber kippen, damit es nicht mehr genießbar ist." Korbinian Werthner, Foodsharing e.V., Regensburg

Erwischt beim Containern: Staatsanwälte gegen Lebensmittel-Retter

Dabei wächst die Anzahl derer, die noch genießbare Lebensmittel vor allem nachts aus den Mülltonnen holen. "Containern" oder "Mülltauchen" nennt man das. Und es sind nicht nur Bedürftige, die auf der Suche nach Essen sind. Supermarktketten rüsten gegen Lebensmittel-Retter auf und sperren ihre Müllcontainer abends ab. Wenn ein Aktivist erwischt wird, erstatten die Unternehmen immer häufiger Strafanzeige.

Erst im Januar kam es zu einer Verurteilung der beiden Münchner Studentinnen Caroline und Franziska, die beim Containern erwischt wurden. "Besonders schwerer Diebstahl", so hatte es zuvor in der Anklage geheißen. Eine Geldstrafe von 1200 Euro hatte die Staatsanwaltschaft gefordert. Am Ende gab es 225 Euro Strafgeld, auf Bewährung ausgesetzt, und acht Stunden Sozialarbeit. Und das, obwohl der betroffene Händler schon bald nach dem Vorfall seine Anzeige zurückgenommen hatte.

Die Studentinnen und ihr Anwalt legten Rechtsmittel gegen das Urteil ein. Der Fall hat schon jetzt in der Öffentlichkeit auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam gemacht.

Laut Studie: Ein Drittel aller Lebensmittel landet in der Tonne

Dass die Lebensmittelverschwendung inzwischen gigantische Ausmaße annimmt, zeigt eine aktuelle Studie der international tätigen Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Sie kommt zu einem alarmierenden Ergebnis:

"Wir haben das Phänomen, dass global, aber auch in Deutschland, ein Drittel der Lebensmittel verschwendet werden, sprich im Müll landen und nicht gegessen werden am Ende entlang der gesamten Wertschöpfungskette." Karin von Funck, Boston Consulting Group

Gleich nach Obst und Gemüse gehören Brot und Backwaren zu den am meisten unnötig weggeworfenen Lebensmitteln - zu diesem Ergebnis gelangt jedenfalls eine Studie des WWF Deutschland. Doch es gibt mittlerweile auch Lichtblicke. Zum Beispiel die Filialen des Amper-Einkaufszentrums. Hier macht man das, was früher ganz normal war: aus alten Semmeln etwa Knödelbrot oder Semmelbrösel.

"Wir haben das folgendermaßen gehandhabt: Wenn es weiße Produkte sind, also Baguette, weiße Semmeln etc., dann geben wir die an unseren Großbäcker zurück, von dem wir einiges an Ware auch beziehen. Und der richtet uns das als Knödelbrot oder Paniermehl her und schickt uns das postwendend wieder zurück. Bei Körnerprodukten ist das so, dass wir die einen Tag später reduzieren im Preis. Sollten die dann bis zum Mittag auch noch nicht weg sein, dann kommen die in unsere Foodsharing-Station." Ralph Ulbricht, AEZ Amper-Einkaufs-Zentrum

Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung?

In Frankreich ist es mittlerweile rechtlich geregelt, die Ware weiterzugeben. Seit 2016 gibt es ein Gesetz, das es verbietet, genießbare Lebensmittel wegzuwerfen. Bei Strafandrohung von 4.000 Euro und mehr. Gerade soziale Einrichtungen profitieren davon. Und auch Yannick Saille, der eine Tafel in einem Pariser Vorort betreibt:

"Ja, wir haben deutlich mehr Spenden. Geschäfte, die früher gar nichts weitergegeben haben, spenden jetzt. Seit es eine gesetzliche Verpflichtung gibt, sind es wirklich deutlich mehr Unternehmen, die uns etwas geben." Yannick Saille, Paris, Restos du Coeur

Und Deutschland? Die Bundesregierung hat sich verpflichtet, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren. Allerdings wurde vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft lediglich eine "Nationale Strategie" entwickelt. An konkreten Vorgaben für Hersteller und Handel fehlt es auch heute noch.