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Rettung in letzter Sekunde: Obst und Gemüse geraten besonders oft unnötig in die Tonne
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Rettung in letzter Sekunde: Obst und Gemüse geraten besonders oft unnötig in die Tonne

Alltag in Deutschland: Statt auf den Teller wandern viele Lebensmittel aus den Regalen in den Müll. Was tun gegen die massive Lebensmittel-Verschwendung? Korbinian Werthner ist in Regensburg in einer Foodsharing-Gruppe aktiv. Er holt regelmäßig bei Supermärkten Lebensmittel ab, die normalerweise im Müll landen würden.

"Ich schaue mir alle Lebensmittel genau an. Manche sind vielleicht tatsächlich nicht mehr gut. Meist aber ist es dann bei den Salaten, dass irgendein Blatt außen verwelkt ist. Aber ansonsten ist das guter Salat." Korbinian Werthner, Foodsharing e.V., Regensburg

Lebensmittel werden eher weggeworfen als verschenkt

Immerhin darf der Lebensmittel-Aktivist auch mal einzelne Produkte mitnehmen und weiter verteilen. Darunter: kistenweise aussortiertes Obst und Gemüse. Und auch andere Waren, die eigentlich noch gut sind, aber deren Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist. Dass solche Lebensmittel verschenkt werden, sei eher die Ausnahme:

"Manche Ketten, das wissen wir inzwischen intern von Foodsharing, verlangen bundesweit von den Filialen, dass sie das nicht nur wegschmeißen, sondern teilweise sogar Spülmittel darüber kippen, damit es nicht mehr genießbar ist." Korbinian Werthner, Foodsharing e.V., Regensburg

Lebensmittelverschwendung nimmt gigantische Ausmaße an

Die Lebensmittelverschwendung nimmt inzwischen gigantische Ausmaße an, wie eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group zeigt.

"Wir haben das Phänomen, dass global, aber auch in Deutschland, ein Drittel der Lebensmittel verschwendet werden: sprich im Müll landen und nicht gegessen werden. Und das ist ein Phänomen, das leider auch in Deutschland nicht besser wird." Karin von Funck, Boston Consulting Group

Auch der WWF Deutschland, Teil der internationalen Naturschutzorganisation World Wide Fund for Nature, hat nun eine ausführliche Studie vorgelegt. In ihr geht es um die Verschwendung von Backwaren. In kaum einem anderen Bereich wird so viel weggeworfen. Grund seien die zahlreichen Vorschriften für die kostenlose Weitergabe der Produkte, die mit hohem Aufwand verbunden wären und somit Zeit kosten würden.

Lebensmittel-Spenden: Vorbild Frankreich?

Ganz anders in Frankreich. Hier ist es sogar Pflicht, Lebensmittel vor dem Mülleimer zu bewahren. Seit zwei Jahren gibt es ein Gesetz, das dem Handel verbietet, noch genießbare Lebensmittel wegzuwerfen. Yannick Saille aus Paris arbeitet für die franzöische Tafel Restos du Coeur. Bei dieser kommen nun 15 Prozent mehr Lebensmittelspenden an als vor der Einführung des Gesetzes.

"Ja, wir haben deutlich mehr Spenden. Geschäfte, die früher gar nichts weitergegeben haben, spenden jetzt. Seit es eine gesetzliche Verpflichtung gibt, sind es wirklich deutlich mehr Unternehmen, die uns etwas geben." Yannick Saille, Restos du Coeur

Während in Deutschland über 80 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf und Jahr weggeworfen werden, sind es in Frankreich nur 20 bis 30. Die Bundesregierung hat sich zwar verpflichtet, die Lebensmittelverschwendung zu halbieren: bis 2030. Konkrete Maßnahmen für Hersteller und Handel scheinen aber noch nicht in Sicht. Man werde gemeinsam mit allen an der Wertschöpfungskette beteiligten Akteueren eine "Strategie zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung entwickeln", heißt es aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf Nachfrage des ARD-Magazins Plusminus.

Deutsche Händler scheuen zusätzlichen Aufwand

Es gibt immerhin Lichtblicke. Die mittelständische Supermarktkette AEZ in Fürstenfeldbruck bei München hat für ihre zehn Filialen ein eigenes Foodsharing-Projekt entwickelt. Hinter den Kassen wurde eine Box mit Regal und Kühlschrank installiert. Dort werden nun Lebensmittel hineingelegt, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald erreicht ist. Die Kunden können diese kostenlos mitnehmen. Ein Projekt, das aber mehr Aufwand bedeutet als das Wegwerfen der Ware. Das gelte auch für die Zusammenarbeit mit Tafeln, sagt Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels:

"Mit den Tafeln zusammenzuarbeiten bedeutet im Vergleich zu einer Nicht-Zusammenarbeit natürlich insofern mehr Aufwand, weil man die Lebensmittel bereitstellen muss. Man muss sie aussortieren, man muss die Übergabe protokollieren, man muss mit den Tafeln Abhol-Termine vereinbaren. Das ist ein zusätzlicher logistischer Aufwand, den man dort hat." Christian Böttcher, Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V.

Damit künftig mehr Händler Lebensmittel vor der Tonne retten, ist jetzt wohl auch in Deutschland der Gesetzgeber gefordert, klare Regeln und Anreize zu schaffen.