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Lebensmittel als Rendite: Genussrechte im Trend | BR24

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Dort zu investieren, wo man lebt - in Betriebe, die regionale Lebensmittel herstellen. Mit Genussscheinen. Die schaffen Arbeitsplätze und gute Ware. Und obendrein winkt eine Rendite von drei Prozent und mehr.

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Lebensmittel als Rendite: Genussrechte im Trend

Dort zu investieren, wo man lebt - in Betriebe, die regionale Lebensmittel herstellen? Für viele Verbraucher ist das attraktiv. Sie leihen Unternehmern Geld und bekommen als Gegenleistung Genussrechte. Über zwei Beispiele aus Oberbayern.

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4 Uhr früh in Surheim bei Freilassing. Michael Wahlich arbeitet bereits seit 22 Uhr in seiner Backstube. Vor sechs Jahren hat er eine Bio-Bäckerei im Rupertiwinkel am Waginger See eröffnet. Michael Wahlich arbeitet mit regionalen Zutaten.

Die Nachfrage ist seit der Betriebsgründung ständig gestiegen. Aber das bedeutete für den Bäcker auch immer mehr Arbeit. Mittlerweile steht Michael Wahlich 70 Stunden pro Woche in der Backstube und muss trotzdem Aufträge ablehnen.

"Es wäre viel mehr möglich, wenn man praktisch die Hardware hätte, sozusagen. Dann kann man viel besser vorproduzieren und größere Mengen produzieren. Und ich wäre von den Stunden auch etwas mehr entlastet." Michael Wahlich, Bio-Bäckermeister, Surheim

Alternative Investitionsform für die Region

Was Michael Wahlich braucht: einen größeren Backofen, eine bessere Knetmaschine und einen modernen Kühlraum für Brotteige, die lange ziehen müssen. Kostenpunkt: 80.000 Euro. Trotz guter Verkaufszahlen und wenig Konkurrenz in der Öko-Modellregion bekommt das kleine Familienunternehmen keinen Kredit.

Die Investitionssumme stelle aus Sicht der Bank ein zu hohes Risiko dar, erzählt der Bäckermeister. Hilfe hat er vom Amt für ländliche Entwicklung Oberbayern erhalten. Für dieses berät Petra Wähning regionale Lebensmittelproduzenten bei der Ausgabe von sogenannten Genussrechten. Das Prinzip hinter dieser Anlageform: Lebensmittelanbieter leihen sich von ihren Kunden über eine bestimmte Laufzeit Geld, und die Kunden erhalten keine üblichen Zinsen, sondern stattdessen Gutscheine für Lebensmittel. Ein Modell, das aufgeht, beobachtet Petra Wähning:

"Da gibt es schon immer mehr Menschen, die sagen, ich möchte sinnvoll in die Region investieren. Das ist ja auch für den Verbraucher oder für den Bürger eine schöne Sache, wenn die sagen, ich weiß, was mit meinem Geld geschieht. Die Bäckerei hat neue Maschinen angeschafft, und ich gestalte da mein Umfeld mit. Und zwar in der Art und Weise, wie ich es auch möchte." Petra Wähning, Beraterin für ländliche Entwicklung

Petra Wähning erlebt ein ständig wachsendes Interesse an solchen Genussrechten. Auch Bäckermeister Wahlich hat sich inzwischen damit angefreundet, das Geld einfach bei Kunden einzusammeln. Wer bei ihm ein Genussrecht in Höhe von 500 bis 2500 Euro zeichnet, bekommt 3 Prozent Alternativzinsen: in Form von Einkaufsgutscheinen für Waren aus seiner Bäckerei.

Direkte Kundenbeteiligung

Ganz ohne Risiko geht es nicht. Wer ein Genussrecht zeichnet, kann in den schlimmsten Szenarien sein Geld ganz oder zumindest beachtliche Summen verlieren, falls der Betrieb pleite geht. Doch während solche Fälle eher selten aufzutreten scheinen, werden die Erfolgsgeschichten umso zahlreicher. So wie auch die von Michael Steinmaßl in Kirchanschöring. Auf dem Hof seiner Eltern baut er seit 2012 Biogemüse an und erntet auch jetzt noch frische Salate in seinen Gewächshäusern, für den Verkauf im eigenen Laden.

In einem leerstehenden Supermarkt mitten im Dorf hat Michael Steinmaßl vor fünf Jahren seinen Bioladen eröffnet. Dort verkauft er das Gemüse aus dem eigenem Anbau sowie Bioprodukte anderer Erzeuger, vor allem aus der Region Rupertiwinkel. Die Umbauarbeiten hat der junge Gartenbaumeister mit der Ausgabe von Genussrechten finanziert . Er bekam die gewünschten 42.000 Euro von Leuten vor Ort, und zwar in kürzester Zeit.

"Es hat uns total motiviert, in der Zeit wo wir diesen Laden aufgebaut haben, dass unglaublich viele Menschen bereit waren, uns Geld zu leihen. Es war schon auch eine spannende Entscheidung für uns, den Laden so zu vergrößern. Und dann hat uns das unglaublich Mut gegeben, dass uns ja 120 Leute schlussendlich Geld geliehen haben, um unseren Traum und dann auch ein bissel den Traum von den Kunden zu verwirklichen." Michael Steinmaßl, Bio-Gemüsebauer, Kirchanschöring

Im Laden hat er mittlerweile sechs Angestellte, die Geschäfte laufen gut. Die Genussrechte hat Michael Steinmaßl mit drei Prozent verzinst, wobei er auf fünf Jahre verteilt Zins und Tilgung als Einkaufsgutscheine zurückbezahlt hat. Aktuell steht die letzte Rate an. Vor fünf Jahren hat Kundin Gabi Wagner 1000 Euro eingezahlt und dafür Einkaufsgutscheine in Höhe von insgesamt 1150 Euro bekommen. Keine schlechte Rendite, aber darum ging es ihr gar nicht:

"So eine Idee wie man hat, und das in so einem kleinen Dorf wie Kirchanschöring mit 3000 Einwohnern, sich verwirklichen traut als junger Mensch in die Selbständigkeit, finde ich gut. Und deswegen haben wir uns auch entschlossen, also mein Mann und ich, dass wir mitmachen." Gabi Wagner, Kundin und Investorin

Genussrechte - eine vielseitige Anlageform

Lebensmittelgutscheine sind natürlich nur eine von vielen Formen von Genussrechten. Eine andere gibt das mittelständische Naturkost-Unternehmen Byodo in Mühldorf am Inn aus. Nicht die Kunden, sondern die 90 Mitarbeiter können seit fünf Jahren als Bonus Genussrechte bekommen, abhängig von der Länge der Betriebszugehörigkeit und vom jährlichen Umsatz. Die Geschäftsführer wollen so die Mitarbeiter an ihr Unternehmen binden und motivieren.

Ihre Genussrechte müssen die Mitarbeiter mindestens zwei Jahre im Unternehmen lassen, verzinst wird aktuell mit 3,9 Prozent, in Geldform. In diesem Fall geht es um direkte monetäre Teilhabe der Belegschaft. Etwas anders ist es bei den Kunden und Investoren von Lebensmittelerzeugern: Diese können gleich auf essbarem Weg ihre Genussrechte wahrnehmen.