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Ladehemmung: Großbaustelle E-Mobilität | BR24

© dpa-Bildfunk/Roland Weihrauch

An einer Multifunktionsleuchte von Innogy wird ein Elektroauto mit Strom betankt.

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Ladehemmung: Großbaustelle E-Mobilität

Eine Million Elektro-Autos wollte die Bundesregierung bis 2020 auf die Straße bringen, 83.000 waren Anfang 2019 zugelassen. Es fehlt eine gut ausgebaute Ladeinfrastruktur mit einem einheitlichen Preisgefüge.

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Wer elektrisch fährt, braucht gute Nerven. Ingmar Kiesel aus Oberthulba in Unterfranken will uns zeigen, woran er mit seinem E-Auto scheitert. 160 Kilometer hat er vor sich und muss erst mal laden. Mit Bargeld kann er nicht bezahlen. Stattdessen muss er Karten von verschiedenen Stromanbietern im Portemonnaie haben.

"Wenn ich nur in der Region hier fahre, habe ich halt drei Karten, die für die Region auch reichen. Andere haben 20 oder 25 Karten, wenn sie weiter fahren, weil sie überall eine andere Karte brauchen." Ingmar Kiesel, E-Autofahrer

Eine Stunde Wartezeit an der Ladesäule

Mitten auf dem platten Land steht eine ganz moderne Ladesäule, bei der er auch mit Paypal bezahlen kann – aber dafür braucht er eine Internetverbindung und die hat er nicht. Also braucht er doch die Ladekarten. Eine funktioniert. Immerhin. Was folgt, ist eine Stunde Wartezeit und die Hoffnung, dass es nicht zu teuer wird. Preisinformationen wie an einer Sprit-Tankstelle gib es an öffentlichen Ladesäulen nicht. Die Strommenge reiche gerade mal für 120 Kilometer, sagt Kiesel. Eine sehr teure Fahrt.

"Ich weiß meistens nicht, was es kostet. Eine Überraschung war, ich habe einmal über 43 Euro bezahlt für einen Ladevorgang mit 15 kw/h." Ingmar Kiesel, E-Autofahrer

Tarifdschungel bei Ladesäulen-Betreibern

E-Autofahrer müssen sich durch einen völlig unübersichtlichen Tarifdschungel kämpfen. Eigentlich dürfen Ladesäulen-Betreiber schon seit April nur noch eichrechtskonform nach Verbrauch abrechnen. Das würde Transparenz schaffen, wie beim herkömmlichen Tanken – aber an der technischen Umsetzung hakt es bis heute. Gregor Kolbe vom Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin kennt die Folgen.

"Das rächt sich jetzt. Wir sind jetzt in einer Situation, wo die Menschen, die E-Auto fahren, vor einem Chaos stehen, sich sehr stark informieren müssen und die breite Masse an Autofahrern leider noch nicht erreicht werden wird, weil die einfach Angst haben. Angst, was passiert beim Laden. Wie kann ich überhaupt laden?" Gregor Kolbe Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin

Einbau von Ladestationen zuhause nicht immer möglich

Ein zusätzliches Problem hat E-Autofahrer Thomas Degenfelder aus München. Er würde seinen Wagen gerne direkt am Stellplatz in einer Gemeinschaftsgarage laden. Seit zwei Jahren fährt er schon elektrisch, aber eine Ladestation – eine sogenannte Wallbox – hat er noch immer nicht.

"Ich würde Fördermittel der Landeshauptstadt München bekommen. Ich habe Eigenmittel. Ich könnte hier für die Installation sorgen, also die Finanzen sind nicht das Thema", sagt Thomas Degenfelder. "Das Thema ist, dass die Eigentümer in dieser Wohnanlage und auch die Eigentümer dieser Stellplätze nicht zustimmen, dass ich diese Wallbox installieren darf." Thomas Degenfelder, E-Autofahrer

Er braucht die Einwilligung aller Eigentümer. In der Regel ein Ding der Unmöglichkeit – deshalb fährt der Diplom-Ingenieur einmal pro Woche nach Feierabend zum Tanken an eine öffentliche Ladesäule.

Was den Einbau privater Ladestationen erschwert

Eine Milliarde Euro fordert das Bundesverkehrsministerium nun für den Ausbau privater Ladestationen. Thomas Degenfelder hilft das nicht weiter. Was er braucht, ist eine Gesetzesänderung, die die Einstimmigkeit des Eigentümerbeschlusses aufhebt. Thomas Degenfelder hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben:

"Also ich träume nach wie vor davon, dass ich mein Auto in der eigenen Garage aufladen kann. Das ist einfach so der Wunschgedanke von jedem Elektroauto-Fahrer: Eine eigene Steckdose." Thomas Degenfelder, E-Autofahrer

Beim Dachverband Deutscher Immobilienverwalter in Berlin kennt man Fälle wie diesen. Geschäftsführer Martin Kaßler kämpft seit Jahren für eine Überarbeitung des Wohnungseigentumsgesetzes, um den Einbau privater Ladestationen zu erleichtern.

"Das ist doch völlig normal, dass der Mieter oder der Eigentümer das Auto zuhause laden möchte – genauso wie sein iPhone eben auch. Und ich glaube, hier hat die Politik in den letzten Jahren diesen Aufwand sträflich vernachlässigt." Martin Kaßler, Geschäftsführer Dachverband Deutscher Immobilienverwalter

Probleme mit defekten Ladesäulen

Ingmar Kiesel aus Oberthulba braucht zum zweiten Mal auf seiner Strecke Strom - inzwischen ist er auf der Autobahn. Bis zu seinem Ziel wird er es nicht mehr schaffen.

"Ich muss jetzt auf der Autobahn noch mal laden. An der Autobahnraststätte. Die war jetzt Wochen defekt – ob die jetzt mal funktioniert, bin ich schon sehr gespannt." Ingmar Kiesel, E-Autofahrer

Er hat sich vorab informiert. Laut seiner Ladesäulen-App ist der Schaden inzwischen behoben. Aber so ganz genau wisse man das nie, sagt Kiesel – und tatsächlich ist die Ladesäule noch immer defekt. Er kann wieder nicht laden und ruft bei der Hotline an, aber die kann ihm auch nicht helfen.

Beim Bundesverband eMobilität melden sich häufig Autofahrer mit dem gleichen Problem. Der Ausbau öffentlicher Ladepunkte wird vom Staat bezuschusst. Trotz dieser Subventionen fallen immer wieder Säulen aus. Gründungsmitglied Frank Müller weiß, warum.

"Die Wartung ist manchmal nicht so perfekt, einfach deshalb, weil die Umsätze an den Ladesäulen nicht groß genug sind. Die Anbieter machen bei den geringen Umsätzen nicht unbedingt den perfekten Service." Frank Müller, Gründungsmitglied Bundesverband eMobilität

Was der Staat für eine bessere Ladeinfrastruktur tun könnte

Die Rentabilität der Ladeinfrastruktur ist tatsächlich schlecht. Grundlage einer Berechnung der Technischen Universität München sind eine Million E-Autos, also das Ziel der Bundesregierung. 85 Prozent davon werden meist zuhause geladen. Verdreifacht sich die Zahl der öffentlichen Ladesäulen auf 48.000, dauert es fast zehn Jahre bis sie rentabel sind – und das nur bei einem sehr hohen Strompreis von 54 Cent.

"Das ist eine Henne und Ei Problem. Ich bekomme nicht den Kundenservice, wenn ich keine Ladeinfrastruktur habe. Also ist es auch ein Teil der Aufgabe des Staates, für diese Infrastruktur für die Anschubsinvestition zu sorgen, damit eine größere Verbreitung von Elektrofahrzeugen in der Bundesrepublik stattfindet." Prof. Horst Wildemann, Technische Universität München

Autohersteller sehen sich unter Druck, Ladestationen zu bieten

Jetzt geben erst mal die Autohersteller Gas. Sie haben sich zusammen geschlossen, um bis Ende 2020 eine Ladeinfrastruktur aufzubauen. 400 Schnellladestationen in Europa sollen es werden, 95 davon in Deutschland. Über die Rentabilität dieses Großprojektes wollen sie mit uns nicht sprechen. Sie steht für die Autokonzerne auch nicht im Vordergrund - Hauptsache, die Ladensäulen sind fertig, wenn die massentauglichen E-Autos aus deutscher Produktion auf den Markt kommen.

"Ionity steht natürlich unter einem gewissen Druck, das Ladenetzwerk in Europa möglichst zügig zur Verfügung zu stellen, damit wir den Kunden auch ein Angebot machen können, damit die Hersteller ihre Fahrzeuge zügig an den Mann und an die Frau bringen können". Dr. Michael Hajesch, Ionity GmbH München

Weiterhin Ladeprobleme - wegen des Steckers?

Das Nachsehen haben dann allerdings Autofahrer wie Ingmar Kiesel, die schon seit längerer Zeit elektrisch unterwegs sind. Er kann den Fortschritt bei der Ladeinfrastruktur nur mit einem Kopfschütteln verfolgen.

"Ganz toll, aber davon habe ich nichts, weil ich habe noch den alten Stecker und da kann ich ja gar nicht laden." Ingmar Kiesel, E-Autofahrer

Er muss also auch in Zukunft mit Ladeproblemen rechnen, denn ein neues Modell wird er sich nur wegen des Steckers nicht kaufen.