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Im Theater gilt 2G plus und nur ein Viertel der Plätze darf besetzt werden. Kulturschaffende fühlen sich ungleich behandelt.

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Theater in Bayern: Imageschaden durch 25 Prozent Auslastung

Im Restaurant sitzen Menschen gemeinsam am Tisch, es gilt 2G. Im Theater müssen sie Abstand halten bei 2G plus. Zudem dürfen nur ein Viertel der Plätze besetzt werden. Kulturschaffende fühlen sich ungleich behandelt. Vielen geht es an die Existenz.

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Leonie ThimLeonie Thim
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In der Künstlergarderobe hinter der Bühne im Theater Comödie in Fürth liegen ordentlich aufgereiht Perücken, Brillen und Schuhe, hängen bunte Anzüge neben dem klassischen weißen Männerhemd. Die Komödianten Volker Heißmann und Martin Rassau sortieren ihre Outfits für ihren heutigen Auftritt. Es ist ihr Programm, sie treten als Schauspieler auf, sind aber auch die Betreiber der Comödie.

Kaum zu stemmen: 2G plus, Maskenpflicht und maximal ein Viertel Auslastung

Im Dezember mussten sie ihr Theater vollständig schließen. Zu kurzfristig, erklärt Theaterdirektor Volker Heißmann, seien Mitte November die Vorgaben der bayerischen Staatsregierung für Kulturbetriebe zur Eindämmung der Corona-Pandemie gekommen: 2G plus, Maskenpflicht und eine maximale Belegung von 25 Prozent.

Eine Entscheidung, die viel diskutiert wird. Künstlerverbände kritisieren, dass die Begrenzung auf 25 Prozent nicht wissenschaftlich bestätigt sei. Viele in der Kulturbranche empfinden die Zahl als willkürlich und ungerecht zum Beispiel gegenüber der Gastronomie, die keine Zugangsbeschränkungen hat.

    Beschäftigt, aber ohne Einnahmen

    Die 25-Prozent-Regel empfinden auch die Komödianten Martin Rassau und Volker Heißmann als willkürlich. Sie freuen sich, dass sie überhaupt wieder spielen könnten. Aber es sei auch schade, dass nur 25 Prozent der Tickets verkauft werden konnten. Der Aufwand sei der gleiche, erklärt Volker Heißmann, "ob wir jetzt für 100 Leute spielen oder für 400 und bei 400 würden wir was verdienen. Jetzt mit den 100 legen wir noch was drauf."

    VFDKB: "Ständiges Umplanen zermürbt Theaterschaffende"

    Nachdem es sich für viele Veranstalter nicht lohne, nur jeden vierten Platz zu besetzen, würden auch in Zukunft in Bayern weiter eher Veranstaltungen abgesagt oder verschoben, prognostiziert Katrin Neoral vom Bayerischen Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft e.V. (BLLVK).

    Das habe möglicherweise auch langfristige Folgen. "Wenn sie das als Besucher zwei- oder dreimal erlebt haben, dann verlieren sie einfach die Lust, sich ein Ticket zu kaufen", sagt Neoral. Sie befürchtet, dass sich die Menschen irgendwann daran gewöhnen könnten, dass sie nicht ins Theater oder ins Konzert zu gehen. Damit sei mit der Festlegung auf 25 Prozent Maximalauslastung "auch ein langfristiger Imageschaden entstanden."

    Anna Schuester vom Verband Freie Darstellende Künste Bayern e.V. (VFDKB) teilt auf BR-Anfrage mit, dass die rund 57 privat geführten Theater in Bayern zwar die Möglichkeit hätten, staatliche Hilfen zu beantragen. "Wirtschaftlich arbeiten können sie aber in keinem Fall", sagt Schuester. Spiele ein freies Theater trotz aller Beschränkungen, zahle es jeden einzelnen Abend drauf. "Die Unmöglichkeit, Dinge längerfristig zu planen, das ständige Umplanen zermürbt die Verantwortlichen in diesen Häusern", ergänzt Schuester.

    Befürchtung: Abwanderung der Kultur-Fachkräfte

    Trotzdem haben Martin Rassau und Volker Heißmann im Januar wieder Auftritte geplant. Dabei geht es den Theaterunternehmern auch darum, ihre Mitarbeitenden zu beschäftigen und zu halten. Damit sich diese nicht womöglich andere Jobs suchen und vielleicht in andere Berufe abwandern.

    Diese Sorge teilt auch Jochen Schölch, Intendant des Metropoltheaters in München. Er hat für sein privates Theater entschieden, alle Vorstellungen im Dezember und Januar abzusagen. Für ihn war die angespannte Lage in den Krankenhäusern und die wenigen noch verfügbaren Klinikbetten Ende November das ausschlaggebende Argument dafür. "In der Situation haben wir gesagt: Wir leisten unseren Beitrag und machen komplett zu", erinnert er sich.

    Auf lange Sicht könnten sich vor allem freie Techniker beruflich umorientieren, weil "die Kulturbranche insgesamt am Boden liegt", befürchtet Schölch.

    Für den festangestellten Tontechniker Erik Opaterny ist allerdings klar: Er bleibt in der Comödie in Fürth. Seit drei Jahren arbeitet er dort und es sei sein Traumberuf, auch in der Krise. "Es gefällt mir im Haus so gut, dass es auch in schwierigen Zeiten Spaß macht, da zu sein."

    Im Theater gilt 2G+ und nur ein Viertel der Plätze darf besetzt werden. Kulturschaffende fühlen sich ungleich behandelt.

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    Schwierige finanzielle Situation für freischaffende Schauspieler

    Spaß an ihrem Beruf haben auch die Mitglieder des Ensembles der Comödie, Christin Deuker, Patric Dull, André Sultan-Sade und Sabrina Anderlik. Alle vier sind freie Künstler, wie die meisten Schauspieler in Bayern. Laut dem Statistischen Bundesamt gab es im Jahr 2019 gerade einmal 266 festangestellte Schauspieler in öffentlichen Theatern. Alle anderen leben von Engagement zu Engagement.

    • Zum Artikel: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Das Leben als Schauspieler

    "Die freischaffenden SchauspielerInnen stehen mit dem Rücken zur Wand", sagt Anna Schuester vom VFDKB, weil Auftritte "an einer Tour wegbrechen" und neue Termine häufig erst gar nicht vereinbart würden. Die staatlichen Hilfsgelder seien bei diesen Künstlerinnen "spät oder kaum angekommen". Das Überbrückungsgeld funktioniere für sie beispielsweise nicht, weil damit nur Betriebskosten ersetzt werden, die freischaffende Schauspieler selten haben.

    Viele freischaffende Künstler suchen mehrere berufliche Standbeine

    Eine Möglichkeit für sie ist, sich neben der Schauspielerei weitere berufliche Standbeine zu suchen. André Sultan-Sade zum Beispiel hat als Kreuzfahrtdirektor gearbeitet, betreibt ein eigenes Restaurant und ist Theaterschaffender. "Alle drei Bereiche sind in der Pandemie einfach durchs Raster gefallen. Das war schon sehr schwer", erzählt Sultan-Sade.

    Dank der Verträge, die er als Schauspieler bereits abgeschlossen hatte, erhielt er Kurzarbeitergeld. Außerdem suchte er sich andere Jobs, "die auch Spaß machen und wichtig sind und das Überleben sichern". Er sieht eine wichtige Aufgabe in der Arbeit von Künsterlinnen: "Wir können die Leute entführen und können ihnen was Schönes bieten, einfach zwei Stunden träumen und alles mal vergessen lassen."

    Der Wunsch: Die gleichen Regeln für alle

    Für Jochen Schölch hat Theater noch einen Auftrag. Theaterschaffende beschäftigten sich mit den gesellschaftlichen Strömungen. Im Moment gehe die Spaltung derartig tief, "dass sich vielleicht bis zu einem Drittel unsere Gesellschaft verabschiedet haben aus unserem System."

    Er verstehe nicht, "wieso man das nicht ausreichend ernst nimmt und damit ganz klar sagt: 'Nach welchen Maßstäben werden eigentlich Maßnahmen beschlossen?'" Es müssten für alle die gleichen Regeln gelten, nachvollziehbar und transparent, fordert er. Aktuell sei die Kommunikation der Maßnahmen "sehr eigenartig und das verliert sehr viel Vertrauen."

    Die Forderung: Nachvollziehbare Entscheidungen

    Denselben Appell hat auch Martin Rassau von der Comödie in Fürth. Er wünscht sich von den Politikern, "dass sie endlich einen gesunden Menschenverstand einsetzen, auf die Fachleute hören, die ihnen zur Verfügung stehen und Entscheidungen treffen, die wir als Bürger nachvollziehen können."

    Dieselben Regeln für alle, Gastronomie und Kultur gleichstellen, darin sind sich alle Kulturschaffenden einig und das fordern sie von der Politik. Von den Menschen wünschen sie sich, dass sie auch weiterhin ins Theater kommen.

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