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Sture Krankenkassen: Warum sich Kämpfen lohnt | BR24

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Krankenkassen: Menschen mit Behinderung kämpfen bei ihren Ansprüchen oft gegen Windmühlen der Bürokratie.

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Sture Krankenkassen: Warum sich Kämpfen lohnt

Immer wieder stellen sich Krankenkassen bei Menschen mit Behinderung stur. Die Folge: Betroffene werden gesellschaftlich isoliert. Der Fall einer Rollstuhlfahrerin zeigt, dass man sich dagegen wehren kann.

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Veronika Maier arbeitet auf ihren Traumberuf hin: Sie will Psychologin werden. An der Uni München hat sie gerade die Prüfungen für das dritte Semester erfolgreich absolviert. Der Unialltag verlangt der 24-Jährigen alles ab - denn sie sitzt im Rollstuhl, braucht rund um die Uhr eine Assistenz. Trotzdem: Das Studium bedeutet ihr viel.

"Ganz prinzipiell, weil ich eine ziemlich schlechte Fliesenlegerin wäre. Die körperlichen Arbeiten fallen alle raus. Und weil es in meinen Augen die einzige Möglichkeit ist, irgendwann der Gesellschaft mal irgendwas zurück zu geben. Also, das ist ein Teilbereich, in dem ich wirklich was leisten kann. Und dann möchte ich auch diese Leistung geben." Veronika Maier, Studentin

Muskelschwund seit dem zweiten Lebensjahr

Seit ihrem zweiten Lebensjahr lebt Veronika Maier mit spinaler Muskelatrophie - das heißt: Muskelschwund. Sie hat damit nur ein Viertel der Körperkraft einer gesunden Frau. Deshalb ist Veronika auf einen Elektrorollstuhl angewiesen. Ohne den wäre sie hilflos. Doch im letzten Herbst passiert die Katastrophe: Der Rollstuhl funktioniert nicht mehr.

"Wenn der Rollstuhl kaputt ist, dann fängt mein Leben an zu bröckeln, und zerbricht dann letztendlich auch. Weil es für mich einfach bedeutet: Ich kann die Wohnung nicht mehr verlassen. Ich kann, wenn ich Glück hab', noch auf die Toilette rüber gehen, also mich in meiner Wohnung bewegen. Aber auch das kann dann schon schwierig sein. Das bedeutet für mich: extreme Schmerzen und gleichzeitig diese wahnsinnige Hilflosigkeit." Veronika Maier, Studentin

Veronika Maier meldet am 11. Oktober ihrer Krankenkasse: Der Rollstuhl ist defekt. Die lehnt den Antrag auf ein neues Hilfsmittel ab, will erst einmal prüfen, ob es günstigere Modelle gibt. Wochen vergehen. Veronika leidet inzwischen unter Entzündungen und Durchblutungsstörungen, kommt nur mit Schmerzmitteln und Cortison-Spritzen über die Runden.

Monatelanges Warten auf neuen Rollstuhl

Es folgen viele Telefonate mit vielen verschiedenen Sachbearbeitern ihrer Krankenkasse. Die fordert ein neues Gutachten an, obwohl die Voraussetzungen für einen Elektrorollstuhl seit neun Jahren bekannt und sogar vom eigenen medizinischen Dienst bestätigt worden sind. Dann sitzt Veronika regelrecht fest.

"Wenn man Gefangener seiner eigenen Wohnung ist, dann ist das für niemanden schön. Wenn ich nicht in die Uni kann, wenn ich nicht mal einkaufen gehen kann alleine. Also, es sind schon die Momente, wo ich wirklich drüber nachdenke, ob ich nicht wirklich alles aufgebe, weil offensichtlich habe ich ja kein Recht drauf." Veronika Maier, Studentin

VdK Bayern sieht Verweigerungstaktik bei Krankenkassen

Wie kann es sein, dass Veronika Maier um ein für sie existentiell wichtiges Hilfsmittel überhaupt so kämpfen muss? Das fragt sich auch der Sozialverband VdK, der ihr zur Klage geraten hat. Für Ulrike Mascher, Landesvorsitzende beim VdK Bayern, sei klar: Bei einer wie hier vorliegenden chronischen Krankheit könne keinesfalls von einem bald besseren Gesundheitszustand ausgegangen werden. Angesichts der heute verfügbaren Technik sei es ein "Jammer", wenn hier nicht zeitnah ein passender Rollstuhl bereitgestellt werden könne.

"Wir stellen bei unseren Mitgliedern fest, dass es schon so eine Haltung gibt, erstmal bei Hilfsmitteln oder auch bei Rehabilitationsmaßnahmen, das erstmal abzulehnen. Weil das ein großer Kostenblock für die Krankenkassen ist, die wollen sparen - und da darf man sich dann eben nicht abwimmeln lassen." Ulrike Mascher, Landesvorsitzende VdK Bayern e.V.

Bewilligung kommt erst nach erfolgreicher Online-Petition

Veronika Maier hat sich nicht abwimmeln lassen und immer wieder bei ihrer Kasse nachgefragt. Auf Facebook berichtet sie über ihre Situation und startet auf der Internetplattform "change.org" eine Online-Petition. In nur vier Tagen sammelt sie 100.000 Unterschriften.

"Das Verständnis, das mir dann auch eben entgegengeschlagen ist, das war wirklich rührend. Also, ich hab' glaub ich noch nie in meinem Leben so viel Unterstützung und so viel positiven Zuspruch bekommen." Veronika Maier, Studentin

Anfang des Jahres teilt die AOK mit, dass der Rollstuhl nun bewilligt wird. Die Verzögerung begründet die Kasse damit, dass sie erst habe prüfen müssen, ob das alte Gerät repariert werden könne. Zwei Monate lang. Manche geben da längst auf. Für Veronika Maier hat sich der Kampf gelohnt.