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Die Coronakrise trifft die Wirtschaft hart. Dennoch melden im Januar 138 Firmen Insolvenz an und damit ein Drittel weniger als im Januar 2020. Hauptgrund dürfte sein, dass die Insolvenz-Meldepflicht bis Ende April für viele Firmen ausgesetzt ist.

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Unternehmen in der Corona-Krise: Kommt die große Insolvenzwelle?

Viele Firmen kämpfen ums Überleben. Dennoch gibt es wenige Pleiten, da die Meldepflicht bis Ende April teilweise ausgesetzt ist. Kommt nun die große Insolvenzwelle? So mancher Betrieb dürfte leise verschwinden und nicht in der Statistik auftauchen.

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Von
  • Karsten Böhne

Viel ist es nicht mehr: ein Ordner und ein paar Reisekataloge. Stefan Trageser steht in dem leeren Geschäft und räumt das zusammen, was von sieben Jahren Selbstständigkeit übrig geblieben ist.

In Bruckmühl in der Nähe von Rosenheim hat er ein gut gehendes Reisebüro geführt, mit vier Mitarbeiterinnen, dann kam Corona. Die Pandemie habe ihn aus dem Galopp heraus auf Null ausgebremst, so Trageser. Er sieht sich als Corona-Opfer, so wie die gesamte Tourismusbranche.

Trotz Wirtschaftshilfen: Drei Jobs, um über die Runden zu kommen

Das Problem bei den Wirtschaftshilfen sei gewesen, dass die Person dahinter komplett leer ausgehe und nur Fixkosten erstattet würden. Um sich über Wasser zu halten, habe er vergangenes Jahr drei Jobs gemacht, so Trageser.

Morgens Zeitungen ausgetragen, danach die Reisen der Kunden rückabgewickelt und ihnen das Geld überwiesen und am Nachmittag hat er dann in einem Fahrradladen gearbeitet. Irgendwann fasste er schließlich schweren Herzens den Entschluss, sein Geschäft aufzugeben.

Einzelhandel rechnet mit Pleitewelle

So wie Stefan Trageser geht es vielen. Nach und nach verschwinden Unternehmen vom Markt: Tourismus, Einzelhandel, Kultur und Gastronomie. Einige Branchen hat Corona besonders stark getroffen. So rechnet der Handelsverband Bayern damit, dass im Freistaat dieses Jahr mindestens 8.000 Einzelhändler aufgeben müssen.

Schon heute fallen einem in den Städten verhängte Schaufenster und leer stehende Ladenlokale auf. Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern warnt vor einer Verödung der Innenstädte. Und wenn Händler wieder öffnen dürften, würden ihnen Touristen, Veranstaltungen und Messebesucher fehlen, wie er ausführt. Dazu kommt, dass viele Händler volle Lager haben. Vor allem Textilhändler müssen ihre Winterkleidung loswerden, oft mit hohen Rabatten, was wieder zulasten des Umsatzes geht.

Wirtschaft drängt auf rasches Öffnen der Betriebe

Laut Umfragen des Hotel- und Gaststättenverbandes in Bayern sind drei Viertel der Betriebe in ihrer Existenz gefährdet, knapp ein Viertel stehe kurz vor dem Aus. Genau wie der Handel drängen Hotels und Gaststätten nun auf ein rasches Wiedereröffnen für große Teile der Wirtschaft.

Kleine und mittlere Betriebe haben dabei größere Eigenkapitalprobleme als Großunternehmen, so eine Studie des ifo Instituts im Auftrag der IHK für München und Oberbayern. Der Bayerische Industrie- und Handelskammertag weist darauf hin, dass seinen Schätzungen nach 150.000 Unternehmen im Freistaat finanzielle Probleme haben.

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Aufeinander gestapelte Stühle eines gastronomischen Betriebes

Insolvenzen weiter auf niedrigem Niveau

Trotz der angespannten Lage ist die Zahl der Pleiten vergangenes Jahr insgesamt zurückgegangen, vor allem weil die Insolvenzantragspflicht für viele Betriebe noch bis Ende April ausgesetzt ist. Im Januar haben im Freistaat 138 Unternehmen Insolvenz angemeldet. Das sei ein Drittel weniger als im Januar vor einem Jahr, so das Bayerische Landesamt für Statistik.

Ifo-Forscher: Pleiten werden im Laufe des Jahres zunehmen

Mit einer Insolvenzwelle rechnet der Konjunkturchef des Münchner ifo Instituts, Professor Timo Wollmershäuser, im Mai aber nicht. Allerdings glaubt er, dass die Zahl der Geschäftsaufgaben und Insolvenzen im Laufe des Jahres zunehmen wird. Dies sei typisch in einer Konjunkturkrise und derzeit befinde man sich in einer der schwersten Krisen der Nachkriegsgeschichte.

Viele Firmen verschwinden leise

Viele kleine Unternehmen dürften leise verschwinden, indem das Geschäft einfach aufgegeben wird – ohne Insolvenz. Damit würden sich diese Betriebe auch nicht in der Insolvenzstatistik wiederfinden.

Man solle aber auch beachten, dass auf der anderen Seite neue Unternehmen entstünden, sagt ifo-Forscher Wollmershäuser - zum Beispiel im Bereich der Digitalisierung. So hat der Onlinehandel durch die Corona-Krise noch einmal neuen Schwung bekommen. Und wenn man sich die aktuellen Zahlen des Landesamtes für Statistik anschaut, sind im Januar sogar mehr Unternehmen neu entstanden als alte weggefallen.

Zahl der Insolvenzen hängt von Wirtschaftserholung ab

Wie sich die Zahl der Insolvenzen dieses Jahr entwickelt, hänge nun auch davon ab, wie schnell sich die Wirtschaft nach dem Lockdown erhole und ob die Unternehmen genug Umsatz machen könnten, so Wollmershäuser.

Diese Unsicherheit war Stefan Trageser zu groß. Er entschloss sich sein Reisebüro aufzugeben. Denn es reiche ja nicht, wenn man ein, zwei oder drei Buchungen in der Woche mache. Bis man wirklich wieder vom Reisegeschäft leben könne, werde noch einige Zeit ins Land gehen, sagt der Touristiker.

Dennoch ist er der Branche treu geblieben und arbeitet jetzt bei einem Unternehmen, das auf Busreisen spezialisiert ist. Hier, so die Hoffnung, könnte das Geschäft schneller wieder anziehen, als bei Flug- und Fernreisen.

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