Viele Bayerische Brauereien haben nicht mehr viel Kohlensäure, der Nachschub stockt.

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Angelika Warmuth
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten
> Wirtschaft >

Kohlensäure-Mangel in Brauereien: Aiwanger setzt auf Zementwerke

Kohlensäure-Mangel in Brauereien: Aiwanger setzt auf Zementwerke

Kohlensäure ist in vielen Brauereien derzeit rar. Bayerns Wirtschaftsminister Aiwanger hat deshalb nun vorgeschlagen den Mangel aufzufangen, indem CO2 aus der Zementproduktion weiterverwendet wird. Technische Details nannte er aber nicht.

Derzeit klagen Brauereien in Bayern über erhebliche Lieferschwierigkeiten in Bezug auf Kohlensäure. Am Rande eines Besuchs beim Zementhersteller Märker hat der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger heute eine Idee vorgeschlagen, um den Mangel auszugleichen.

Viele Zementfabriken gäben derzeit CO2 als Abfallstoff durch den Kamin in die Luft und müssten dafür in Form von CO2-Zertifikaten teuer bezahlen. Dieses CO2 könnte man laut Aiwanger für die Produktion von Kohlensäure nutzen. Wie das technisch funktioniert und wie lange das dauert, erklärte er jedoch nicht.

Kohlensäure-Mangel in Brauereien bedroht Bierproduktion

Kohlensäure ist ein Abfallprodukt bei der augenblicklich heruntergefahrenen Düngemittelproduktion, die wiederum mit dem knapp und teuer gewordenen Gas läuft. Viele Brauereien bekommen deshalb nur einen Teil ihrer bestellten Mengen und haben keine Planungssicherheit mehr. In vielen Fällen würden, so Aiwanger, Hersteller sagen, dass sie noch etwa zwei Wochen produzieren könnten - wenn sie dann kein neues CO2 bekämen, sei "Schicht im Schacht."

Kohlensäure ist Mangelware

"Es ist sehr schlimm", beschreibt Fritz Jacob dem BR die Situation in der Branche. Der Brauerei Jacob in Bodenwöhr im Landkreis Schwandorf reiche die vorrätige Kohlensäure vielleicht noch ein bis zwei Wochen. "Man ist froh, wenn man sagt, ich bekomme eine Wochenmenge. Und dann schaut man mal nächste Woche weiter. Es ist einfach Mangelware."

In ganz Deutschland und im benachbarten Ausland versucht die Brauerei Jacob, zusätzliche Mengen Kohlensäure zu beschaffen - doch es hagelt Absagen. Der Lieferant, bei dem Jacob seit 20 Jahren Kunde ist, liefere zwar, aber eben wenig.

Kohlensäure für Bierabfüllung unverzichtbar

Für Brauereien ist Kohlensäure unverzichtbar. Sie brauchen das Gas, um das Bier schaumfrei in die Flaschen zu füllen. Mit Luft wäre das auch möglich, aber mit massiv kürzerer Haltbarkeit, erklärt Brauexperte Fritz Jacob, der lange eine Professur am Campus Weihenstephan der TU München hatte: "Das Bier würde innerhalb weniger Tage altern. In der Fachsprache spricht man von oxidieren." Auch an der Theke im Brauereigasthof kommt Kohlensäure zum Einsatz. Sie drückt das Bier aus dem Fass.

"Eine sehr ernste Situation"

Man rette sich von Woche zu Woche, so Jacobs Eindruck aus Gesprächen mit Kollegen. "Es ist eine sehr ernste Situation. Eigentlich in jeder Brauerei. Denn wenn Sie nicht mehr abfüllen können, können Sie nicht mehr verkaufen. Wenn Sie nicht verkaufen können, bekommen Sie kein Geld. Dann können Sie Ihre Löhne nicht mehr bezahlen." Hohe Rohstoffpreise etwa für Malz machten der Branche zusätzlich zu schaffen.

Kessel der Brauerei Jacob: Bei der Flaschenabfüllung wird Kohlensäure gebraucht.

Bildrechte: BR/Marcel Kehrer

Bierproduktion hat Vorrang

Für die Brauerei Jacob ist klar: Das Bier hat Priorität. Das bedeutet: Die Produktion von Limo und Sprudel würde zugunsten der Bierabfüllung zurückgefahren, sollte die Kohlensäure noch knapper werden.

Brauerei stellt Limo-Produktion ein

Erste Brauereien haben die Produktion von Limo reduziert oder ganz ausgesetzt, wie die Aktienbrauerei Kaufbeuren im Allgäu. Die Brauerei hat nicht mehr genug Kohlensäure, um die komplette Produktpalette herzustellen. Die Limonadenproduktion steht still. Brauerei-Chef Gottfried Csauth schließt Kurzarbeit nicht mehr aus.

Brauerei-Chef erwägt Kurzarbeit

Nach Corona und Kurzarbeit stehe er jetzt vor dem gleichen Dilemma: "Ich weiß heute nicht, ob ich morgen meine Mitarbeiter nach Hause schicken muss oder wie es weitergeht. Kann ich momentan nicht beantworten, aber es wird in diese Richtung gehen. Und vor allem weiß ich nicht, wann es wieder losgeht", sagte Csauth dem BR.

Die Kohlensäure ist aus, der 28-Liter-Tank bei der Aktienbrauerei Kaufbeuren komplett leer. Weder Limo noch Wasser können weiter hergestellt werden. Und auch beim Bier, so Geschäftsführer Csauth, werde sich der Betrieb mit über 90 Beschäftigten wohl auf die Hauptsorten beschränken müssen.

Es fehlt an Planungssicherheit

Riegele in Augsburg kann derzeit zwar noch auf Kohlensäure in den Tanks zurückgreifen – allerdings reicht auch hier der Vorrat laut Aussage von Chef Sebastian Priller "nur noch für ein paar Tage". Jeden Tag hoffe man aufs Neue auf eine Lieferung – es fehle komplett an Planungssicherheit. Er geht fest davon aus, dass es zu Preissteigerungen für die Kunden kommen wird.

Priller: "Es ist eine Krise, eine wirklich große Krise. Wir werden die durchstehen, aber es ist untertrieben, wenn ich nur sage, es ist herausfordernd“. Die Riegele Brauerei beschäftigt momentan 150 Mitarbeiter und macht laut eigener Aussage um die 30 Mio. Euro Umsatz.

Kohlensäure-Rückgewinnungsanlagen helfen

Auch bei Oettinger spürt man laut eigener Aussage den Engpass "sehr deutlich". Allerdings hat Oettinger – als große Brauerei – den Vorteil, an drei von vier Standorten auf sogenannte Rückgewinnungsanlagen zurückgreifen zu können. Kohlensäure, die im Bier bei der Gärung entsteht, wird aufgefangen, aufbereitet und dann im weiteren Abfüllprozess eingesetzt. Laut Oettinger lassen sich damit bei der Kohlensäure "phasenweise Engpässe im Zukauf ausgleichen".

Auch die Brauerei Maisel in Bayreuth hat so eine Anlage und deshalb keine Probleme. Tucher in Fürth, Spaten in München oder Lammsbräu in Neumarkt nutzen die Gärungskohlensäure ebenfalls. Die Anlagen sind allerdings energieintensiv - und recht teuer, berichtet Giesinger Bräu, wo man jetzt dennoch über eine Anschaffung nachdenkt.

Das Bier für das Oktoberfest in München ist nicht gefährdet - das ist längst gebraut.

Ein Mangel an Kohlensäure gefährdet die Produktion in bayerischen Brauereien. Dieses für sie unverzichtbare Gas ist derzeit schwer zu bekommen.

Bildrechte: BR

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!