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Kleine Läden profitieren in der Krise | BR24

© pa/dpa/Manfred Bail

Kleiner Laden in München Haidhausen.

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    Kleine Läden profitieren in der Krise

    Den Geschäften in den Innenstädten fehlt die Kundschaft. Dagegen haben kleine Läden in sogenannten B-Lagen, also Wohnvierteln, bislang von der Krise profitiert – durch die große Solidarität im Viertel.

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    Von
    • Anna-Elena Knerich

    Kleine Geschäfte sind bislang besser durch die Krise gekommen als große Ketten. Das hat eine Auswertung der Münchner Handelsberatung BBE ergeben. Der Grund: Dort, wo die großen Ketten ansässig sind – in sogenannten A-Lagen wie Fußgängerzonen – fehlen Touristen und die einheimische Laufkundschaft. Hinzu kommt die Hürde, dass man dort auch draußen eine Maske tragen muss.

    In B-Lagen, also ruhigeren Vierteln, kaufen vor allem die Menschen ein, die hier wohnen: Viele sind gerade im Home Office und gehen zwischendrin kurz einkaufen. Sie unterstützen "ihre" Läden um die Ecke gern – das hat zum Beispiel Sigrid Gatter von der Sendlinger Buchhandlung seit dem ersten Lockdown erlebt.

    Viertelbewohner im Home-Office schätzen die kleinen Läden

    Als sie im Frühjahr zumachen musste, bot sie versandfreie Bücherlieferungen an, die sie und ihr Team mit dem Fahrrad ausfuhren. Die Resonanz war enorm: Die Menschen haben so viel bestellt, dass die Buchhändlerin teilweise 80 Stunden in der Woche arbeitete. Aber auch finanziell gab’s Unterstützung, erzählt Sigrid Gatter: "Die Menschen haben bei den Rechnungen aufgerundet oder manchmal auch einfach 100 Euro zusätzlich überwiesen. Einmal war ein Umschlag mit 50 Euro im Briefkasten, mit der Notiz, wir sollten uns ein gutes Mittagessen kaufen."

    Helfer in der Krise

    Der Höhepunkt sei eine Frau gewesen, die eine Monatsmiete für den Laden übernahm: eine Lehrerin, die statt ihrem Osterurlaub lieber ein kleines Geschäft in der Krise unterstützen wollte.

    "Das war wirklich etwas ganz Besonderes, ich konnte es erst gar nicht glauben, als sie anrief", erinnert sich Sigrid Gatter. Die Lehrerin gründete daraufhin die Plattform "Helfer in der Krise", über die man kleine Geschäfte, Restaurants oder Künstler finanziell unterstützen kann.

    Zusammenhalt statt Konkurrenz: kleine Läden unterstützen sich

    Außerdem zeigen sich viele kleine Geschäfte untereinander solidarisch. So konnte Sigrid Gatter ihre bestellte Bücher im Bioladen gegenüber deponieren – denn der durfte ja offen bleiben. Auf einem Tisch, an dem es normalerweise ein Mittagsangebot gibt, wurden die Bücherkisten gelagert und Kunden konnten sie dort abholen. "Für uns war das kein großer Aufwand, wir konnten den Tisch ja ohnehin nicht nutzen", sagt die Inhaberin Julia Bultmann. Außerdem hätten viele Leute beim Bücherabholen auch gleich noch im Bioladen eingekauft – eine Win-Win-Situation.

    Umsatzsteigerung in kleinen Bioläden: keine Hamsterkäufe, keine Engpässe

    Julia Bultmann kann in der Krise größere Umsätze für ihren kleinen Bioladen verzeichnen. Das liegt zum einen daran, dass es bei ihr im Frühjahr keine Engpässe gab – denn anders als die großen Bio-Supermärkte bekommt sie ihre Produkte nicht von Großlieferanten, sondern direkt von kleinen Bauern und Herstellern aus der Umgebung.

    Zum anderen empfinden viele Menschen vor allem während der Pandemie das Einkaufen in einem kleinen Laden als angenehmer: "Die Leute kamen gestresst hier rein und sagten, in den anderen Läden haben sie quasi nichts mehr bekommen – oder dort es ist so voll, dass sie da einfach nicht mehr rein wollen."

    Solidarität über Social Media

    Eine Rettung für die kleinen Läden sind auch die Sozialen Medien – und die Loyalität ihrer Stammkundschaft. Solveig Zecher, die seit 44 Jahren ein kleines Modegeschäft im Glockenbachviertel betreibt, verkauft ihre Ware inzwischen auch über Instagram. Dafür fotografiert sie ihre Mitarbeiterinnen mit der Kleidung aus ihrem Laden und postet sie die Fotos inklusive Preis. Per PM oder E-Mail kann man dann bestellen. "Damit erhalten wir den persönlichen Kontakt mit unseren Kundinnen, was uns sehr wichtig war. Denn wir sind kein normaler Online-Shop – und wollen es auch nicht sein!" Bislang hätten die Kunden kein einziges Paket zurückgeschickt.

    Als im Lockdown alle Einzelhändler schließen mussten, hat sich Solveig Zecher außerdem schnell mit den anderen Geschäften im Viertel vernetzt. In einer WhatsApp-Gruppe haben sie sich über Soforthilfen ausgetauscht und gegenseitig Mut gemacht. Schließlich hatten alle ähnliche Probleme: "Wir haben gemerkt: Die Konkurrenz ist vorbei – wenn wir nicht zusammenhalten, gehen wir unter."

    Händler von verderblicher Ware sind besonders betroffen

    Dass es ohne Solidarität nicht geht, merkt auch Priti Henseler vom Schokoladen-Geschäft ein paar Häuser weiter: Während des ersten Lockdowns war ihr ganzes Lager voll mit verderblicher Ware: Schoko-Osterhasen, die sich nach Ostern nicht mehr verkaufen lassen. Normalerweise – denn Priti Henseler startete einen Video-Aufruf über die Sozialen Medien und erlebte einen regelrechten Ansturm auf die Schokohasen.

    Sie ist froh, dass sie ihr Geschäft nicht in der Innenstadt hat: "Mir tun die Geschäfte in der Innenstadt wirklich leid, weil dort gerade die Laufkundschaft ausbleibt." Dank ihrer treuen Stammkunden aus dem Viertel ist sie nicht auf Touristen angewiesen und hofft, dass sie auch im Weihnachtsgeschäft weiter gut verkaufen kann.

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