BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR/dpa-Bildfunk/Arno Burgi
Bildrechte: BR/dpa-Bildfunk/Arno Burgi

Münchner Fahrradhändler berichten über viele Reifenpannen. Sie vermuten als Ursache den Rollsplitt. Auch Autoreifen sollen betroffen sein.

Per Mail sharen

    Kaputte Reifen: Ärger um Rollsplitt in München

    Hochwertige Fahrradreifen - "unplattbar" und doch kaputt. Das erlebten an den schneereichen Tagen Fahrradfahrer in der Landeshauptstadt. Die Vermutung: Schuld ist der verwendete Rollsplitt auf den Straßen. Auch Autoreifen sollen betroffen sein.

    Per Mail sharen
    Von
    • Elke Schmidhuber
    • Anja Keber

    Er ist nicht einmal einen Zentimeter groß, doch seine Spitzen haben es in sich. Rollsplitt ist derzeit der Stein des Anstoßes unter Münchner Radfahrern. Thomas Fischer zeigt seinen Fahrradmantel mit den durchbohrten Löchern.

    "Ich hab jetzt hier meinen Fahrradmantel, der wenig gefahren ist, Sie sehen es hier, der hat hier sogar noch die Gumminase, der hat vielleicht 100 km runter. Das ist kein pannensicherer, wie man so schön sagt, sondern das ist ein eher sportlicher schneller, aber kein Rennradmantel und da geht das Zeug rein wie Glasscherben." Thomas Fischer, Fahrradmechaniker

    Wird anderer Splitt verwendet?

    Von innen und außen ist zu sehen, dass der spitze Stein sich durch den Mantel hindurchbohrte. Das Loch ist dabei nicht ausgefranst, es hat eine glatte Struktur wie von einem Messer.

    "Sehen Sie das da. Es war richtig groß, es war wie eine Scherbe. Was mich wundert, ich hatte das Gefühl, die Steine waren am Anfang vom Winter noch nicht so scharf und nun gegen Ende des Winters sind sie viel schärfer. Ich hatte den nämlich am Anfang vom Winter montiert, bin gefahren damit, da war auch schon gestreut und jetzt am Ende vom Winter hab ich wirklich einen Platten nach dem anderen gehabt." Thomas Fischer, "Swim and Bike"

    Dabei ist Thomas Fischer kein gewöhnlicher Radfahrer. Er arbeitet als Fahrradmechaniker im Münchner Stadtteil Thalkirchen. Zudem hat er viele Jahre als Fahrradkurier in der Stadt hinter sich.

    Fahrradhändler erkennen höhere Anzahl an Splittschäden

    Er ist nicht der einzige Radl-Profi, dem auffällt, dass die Fahrradreifen derzeit auf den Straßen der Stadt vom Rollsplitt regelrecht zerschnitten werden.

    "Es ist so, dass wir diesen Winter mehr Leute haben, die einen Platten wegen den Kieseln haben. Wir sehen, dass die Kiesel etwas größer sind als die letzten Jahre." Josef Vogel, Fahrradgeschäft "Munich Bike"

    Auch besonders stabile Fahrradreifen sind betroffen

    Dass die Steine stecken blieben, sei untypisch sagt auch sein Kollege. Durch das Rollen arbeitet der Splitter sich dann quasi immer tiefer in den Mantel hinein und schließlich durchsticht er ihn ganz. Selbst der pannensichere Reifen, auch als "unplattbar" bezeichnet, kann in diesem Jahr dieser Bezeichnung nicht gerecht werden.

    "Er verhindert halt 85 Prozent der Schlauchschäden, aber dieses Jahr haben wir auch 5-10 Kunden da gehabt, die den fahren und trotzdem einen Platten hatten und da war halt so ein schönes kleines Steinchen drinnen, ist normal nicht üblich." Markus Böhm, "Munich Bike"

    Und selbst Autofahrer beschweren sich vermehrt über platte Reifen.

    Streusplitt auch die Ursache für platte Autoreifen?

    Kann Streusplitt die Ursache sein? Der ADAC ist skeptisch.

    "Also beim Autoreifen können wir uns eigentlich nicht vorstellen, dass ein spitzerer Stein einen Platten hervorruft. Ein verkehrssicherer Autoreifen hat mindestens drei mm Profil und dementsprechend ist da schon ein sehr harter Gummi drauf, so dass Rollsplitt einem Autoreifen eigentlich nichts anhaben dürfte. Ein Autoreifen, der verkehrssicher ist, sollte an der Außenfläche mindestens drei bis vier Millimeter Profiltiefe haben. Das ist ein sehr widerstandsfähiger Gummi, der in der Lage ist, das Autogewicht auf der Autobahn bei 100 oder 200 km/h zu halten. Unterhalb der Lauffläche befindet sich ein Stahlgeflecht und ich kann mir tatsächlich nicht vorstellen, dass ein spitzerer Rollsplitt eine Auswirkung auf einen Autoreifen hat, solange der den richtigen Luftdruck hat und entsprechendes Profil." Florian Hördegen, ADAC

    Der Gesetzgeber schreibt nämlich beim Autoreifen nur ein Mindestprofil von 1,6 Millimetern vor, quasi die Hälfte dessen, was der ADAC als verkehrssicher ansieht. Ein schlechtes Profil in Kombination von wenig Luft im Reifen – ein Erklärungsversuch.

    "Der richtige Luftdruck variiert von Modell zu Modell, ist normalerweise am Tankdeckel oder der Fahrertüre abzulesen und ich sag jetzt mal, wenn man da massivste Unterschreitungen hätte, dann könnte ich mir vorstellen, dass da im Ausnahmefall was sein könnte." Florian Hördegen, ADAC

    Auch in der Steiermark in Österreich leiden die Radler in diesem Winter unter dem häufigen Platten-Phänomen. Dort bittet die Behörde um Verständnis.

    Steiermark verwendet staubarmen Basalt-Splitt

    Dass dieser scharfkantige Basalt-Rollsplitt ausgebracht werde, habe hauptsächlich gesundheitliche Gründe, erklärt der Grazer Leiter des Umweltamtes dem Österreichischen Rundfunk ORF. Basalt-Rollsplitt sei extrem staubarm und damit umweltfreundlicher als der bisher verwendetet Kalk-Rollsplitt.

    Weiter heißt es: Der Kalk-Rollsplitt habe sich als sehr nachteilig erwiesen, da dieser von den Autos zerrieben worden sei. Das habe nicht unwesentlich zur Staubbelastung in der Stadt beigetragen.

    Könnte das die Erklärung der vielen Fahrradplatten in München sein? Basalt-Rollsplitt statt Kalk-Rollsplitt, der sich mit extrem scharfen Kanten in die Reifen schneidet? Die Landeshauptstadt dementiert.

    München verwendet keinen anderen Splitt

    Die Anfrage beim zuständigen Baureferat in München, ob anderer Rollsplitt verwendet wurde, wird nur schriftlich beantwortet: Der städtische Winterdienst der Landeshauptstadt München verwende auch in dieser Wintersaison Splitt in der gleichen Körnung wie in den Vorjahren. Diese entspreche den geltenden DIN-Normen und anerkannten Regeln der Technik für diesen Bereich Winterdienst.

    Thomas Fischer kann über diese Antwort nur staunen. An seinem Fahrrad und bei den Kunden im Fahrradgeschäft beobachtet er etwas ganz anderes.

    "Also die Steine, die ich aus meinem eigenen Mantel rausgeholt habe, die sind wie Glasscherben. Aber es sind de facto keine Glasscherben, sondern Steine. Ich hatte auf der Strecke zur Arbeit, das sind acht Kilometer, zwei Platte gehabt." Thomas Fischer, Fahrradmechaniker

    Einfach nur Pech oder doch das Ergebnis von besonders scharfkantigem Rollsplitt auf der Fahrbahn? Ohne genaue Untersuchung des verwendeten Splittgesteins, ist das wohl nicht festzustellen.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!