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Vom Armenhaus zum Jobwunder: Lohr am Main boomt | BR24

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Das Zentrum des Aufschwungs ist die Schneewittchenstadt Lohr am Main. Im unterfränkischen Landkreis Main-Spessart gibt es kaum noch Arbeitslose - eine Geschichte wie im Märchen.

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Vom Armenhaus zum Jobwunder: Lohr am Main boomt

Früher galt der Spessart als Armenhaus Deutschlands. Dann kam der Boom und inzwischen gibt es im unterfränkischen Landkreis Main-Spessart kaum noch Arbeitslose und sogar viele offene Stellen. Das ist Lohr am Main.

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Sie soll der Geburtsort Schneewitchens sein - hier soll sich das Märchen der Gebrüder Grimm zugetragen haben: In der malerischen Fachwerkidylle ist die Welt auch heute noch in Ordnung, denn es herrscht Vollbeschäftigung. Rund 18.000 Menschen arbeiten in Lohr am Main, das sind mehr als es Einwohner gibt. Zusätzlich zu den 16.000 Einwohnern kommen also täglich tausende Pendler in die Stadt.

Arbeitslosenquote liegt in Lohr unter dem Durchschnitt

Der Landkreis Main-Spessart hatte im vergangenen Jahr mit 1,8 Prozent bayernweit eine der geringsten Arbeitslosenquoten. Im Freistaat lag sie durchschnittlich bei 3,3 und bundesweit bei fünf Prozent. Die Lohrer Agentur für Arbeit hatte rund 6.600 Meldungen von Arbeitssuchenden und in etwa gleich viel erfolgreiche Vermittlungen.

"Das zeigt schon allein von den Zahlen her, dass da viel Bewegung ist. Und es zeigt eigentlich auch, dass ich eine gute Chance habe, wenn ich als Arbeitnehmer, als Betroffener arbeitslos werde, dass ich relativ schnell wieder in Arbeit gehen kann." Martin Heilmann, Leiter Agentur für Arbeit Lohr am Main

Grund für den wirtschaftlichen Erfolg: Günstige Lage von Lohr

Der parteilose Bürgermeister Mario Paul erklärt sich das Jobwunder mit der günstigen geografischen Lage von Lohr am Main und seiner Infrastruktur.

"Wir liegen mitten drin zwischen Würzburg, Schweinfurt und Aschaffenburg und dann haben wir hier als Mittelzentrum vergleichsweise viel, was normalerweise in größeren Städten wäre: Krankenhäuser, Einzelhandel, die Versorgung, die weiterführenden Schulen, und auch die Kinderbetreuungsmöglichkeiten." Mario Paul, Bürgermeister von Lohr am Main

Global Player als größter Arbeitgeber in Lohr

Der größte Arbeitgeber der Region ist Bosch-Rexroth, ein Global-Player für Antriebs- und Steuertechnologien. Seit 170 Jahren produziert das Traditionsunternehmen mitten in der Stadt und hat weltweit expandiert. Der Konzern beschäftigt insgesamt über 32.000 Mitarbeiter. In Lohr sichert Bosch-Rexroth derzeit rund 5.600 Arbeitsplätze.

Mittelständer als Jobmotor von Lohr am Main

Aber auch viele mittelständische Unternehmen sind Teil des Jobwunders, wie der Hydraulikhersteller Hunger. Der Familienbetrieb fertigt Groß-Zylinder und Kolben für den Anlagenbau oder auch schon mal für den Nasa-Raketentransporter.

170 Mitarbeiter produzieren in Lohr, weltweit hat das Unternehmen Niederlassungen. Der Firmenchef Jan Hunger, der das Unternehmen zusammen mit seiner Schwester in zweiter Generation führt, schätzt die zentrale Lage Lohrs inmitten von Deutschland.

"In Lohr finden wir gut qualifiziertes Personal, natürlich im Moment nicht in der ausreichenden Menge, wie wir es gerne hätten. Aber wir bilden selber aus und können damit den Mitarbeitern auch die Qualifikation mitgeben, die wir für unseren Betrieb brauchen." Jan Hunger, Geschäftsführer von Walter Hunger in Lohr am Main

Viele bleiben ihr Leben lang in Lohr am Main, so wie Stefan Voss. Inzwischen ist er seit Jahrzehnten im Betrieb und hat sich hochgearbeitet zum Fertigungsleiter. Die Stadt, die Umgebung, die Natur - alles gefällt ihm und natürlich auch die Arbeit.

"Wenn es mir nicht gefallen würde, wäre ich ja nicht 40 Jahre hier. Ich habe hier gelernt und bin hier groß geworden." Stefan Voss, Walter Hunger in Lohr am Main

Wirtschaftskraft für die Zukunft sichern

Bürgermeister Mario Paul hat die Zukunft im Blick und das städtische Starthouse Spessart initiiert: Zum einen ein Gründerzentrum für junge Unternehmer, gesponsert von örtlichen Firmen wie Hunger und Bosch-Rexroth. Zum anderen soll in Kooperation mit der Hochschule Würzburg-Schweinfurt auch noch etwas ganz anderes entstehen.

"Wir planen tatsächlich einen Studiengang einzurichten, der berufsbegleitend sein soll, der den Unternehmen und deren Beschäftigten hier vor Ort einfach Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnet, insbesondere im Bereich der Digitalisierung." Mario Paul, Bürgermeister von Lohr am Main

Arbeitsplätze im Gesundheitswesen

Die Gesundheitsversorgung für Einwohner und Pendler ist mit der Main-Spessart-Klinik gesichert. Das Bezirkskrankenhaus ist außerdem ein weiterer großer Arbeitgeber. Es beschäftigt 1.050 Menschen und betreibt eine eigene Pflegeschule.

In Zukunft soll das Krankenhaus noch wachsen. In Lohr ist ein Neubau geplant, der etwa 150 Millionen Euro kosten und durch den Freistaat gefördert wird. Das alte Klinik-Gebäude wird dann abgerissen und die Zweigstellen-Krankenhäuser in Karlstadt und Marktheidenfeld werden geschlossen und in Lohr zusammengelegt.

Hoher Fachkräftebedarf im Gesundheitswesen

Klinikreferent René Bostelaar muss sich nun einiges einfallen lassen, um genügend Fachpersonal und Ärzte nach Lohr zu locken. Er bietet zum Beispiel Teilzeitarbeit und Gleitzeit, was in einem Krankenhaus nicht leicht zu organisieren ist.

"Wir gehen auch sehr stark auf die einzelnen Wünsche ein. Wir haben fast über hundert unterschiedliche Dienstmodelle, das heißt gerade für die Mitarbeiterinnen, und das sind immerhin 70 Prozent unserer Angestellten, können wir sehr attraktive Dienstplanmodelle anbieten." Rene Bostelaar, Klinikreferent, Main-Spessart-Klinik

Krankenhaus in Lorn bietet individuelle Beschäftigungsmodelle

Das schätzt auch Jeyhun Aliguliyev, Oberarzt in der Main-Spessart-Klinik auf der Station für Innere Medizin. Der 32-Jährige stammt aus Afghanistan und hat dort studiert. Inzwischen lebt er seit ein paar Jahren in Lohr, hat geheiratet und eine vierjährige Tochter. Seine Frau arbeitet auch im Krankenhaus. Er hat ein neues Zuhause gefunden in der Stadt und in der Klinik.

"Was mir da besonders gefällt: Das Krankenhaus funktioniert wie eine Familie, da kennt sich jeder, man begrüßt jeden, wenn man sich sieht." Jeyhun Aliguliyev, Oberarzt

Viele Einwohner empfinden Lohr am Main als lebenswerte Kleinstadt mit bayerischem Jobwunder und Schneewitchen wird hier wohl noch lange weiterleben.