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Immer mehr Kunden fühlen sich falsch beraten | BR24

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Anlageberatung

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    Immer mehr Kunden fühlen sich falsch beraten

    Eigentlich will die 80-jährige Else Reindel nur ein Konto eröffnen, aber der Bankberater in München vermittelt ihr eine Lebensversicherung. Jetzt hat sie keinen Zugriff mehr auf ihr Erspartes, ihre Rente reicht nicht zum Leben. Wohl kein Einzelfall.

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    Else Reindel erinnert sich noch genau an den Tag im Herbst vor zwei Jahren, als alles begann. Sie fährt aus ihrem Wohnort Freising zur Hypovereinsbank in München, will ein neues Konto eröffnen und ihr Erspartes darauf überweisen. Ein kurzes Beratungsgespräch, ein paar Unterschriften und schon ist es geschafft, denkt sie. Was der damals 80-Jährigen nicht bewusst ist: Der Berater vermittelt ihr stattdessen eine Versicherung der ERGO:

    "Das habe ich erst bemerkt, als ich meine Kontoauszüge aus dem Automaten geholt habe, da stand dann: Lebensversicherung. Dann dachte ich, was für eine Lebensversicherung, du hast doch keine Lebensversicherung abgeschlossen, was soll denn das?" Else Reindel

    Für sie bedeutet das: Die etwa 100.000 Euro sind jetzt fest angelegt, sie bekommt monatlich eine so genannte "Sofort-Rente" von 680 Euro. An mehr kommt sie nicht ran, der Vertrag ist unkündbar. Für Else Reindel ist das fatal, denn ihre spärliche gesetzliche Rente geht fast ganz für die Krankenversicherung drauf. Deshalb wäre sie auf ihr Erspartes angewiesen. Eigentlich wollte sie immer dann auf das Geld zurückgreifen, wenn größere Ausgaben angestanden wären.

    Immer mehr Bankkunden beschweren sich über Beratung

    Else Reindel legt Beschwerde bei der Bankenaufsicht Bafin ein. Wie immer mehr Bankkunden: Seit Jahresbeginn beschwerten sich dort 2926 Kunden über ihre Beratung. Das sind knapp 18 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2015. Im Fall von Else Reindel kann die Bankenaufsicht nicht helfen, genau so wenig wie der Versicherungsombudsmann. Schließlich sucht sie Hilfe bei der Verbraucherzentrale und kommt in die Sprechstunde von Susanne Götz. Der sind ähnliche Fälle bereits bekannt.

    "Es kommt leider immer mal wieder vor, dass älteren Menschen eine Sofortrente vermittelt wird. Das ist wirtschaftlich unsinnig, weil sie haben nicht mehr viel Lebenszeit vor sich und dann ist das Kapital gebunden und steht nicht mehr zur Verfügung, das Geschäft ist ein ganz schlechtes. Und sie ist leider kein Einzelfall: Immer wieder landen Betroffene bei uns, denen das so empfohlen wurde. Ich vermute, dass hier das Geschäftsinteresse der Versicherungsvermittler im Vordergrund steht." Susanne Götz, Verbraucherzentrale

    Auch die Rechtsberaterin scheitert daran, den Versicherungsvertrag rückgängig zu machen, obwohl die ERGO Else Reindel den Versicherungsschein nie direkt zugeschickt hat. Die Bank habe ihn an sie weitergeleitet, heißt es bei der ERGO. Else Reindel bestreitet das, hier steht also Aussage gegen Aussage.

    "Wir entsprechen Rückzahlungsforderungen in Falschberatungsfällen dann, wenn wir zweifelsfrei im Rahmen einer Einzelfallprüfung begründete Rückforderungsansprüche feststellen." Sprecher der ERGO

    Bank kassierte Provision

    Fest steht, dass die Hypovereinsbank für den Vertragsschluss eine Provision kassiert hat. In welcher Höhe, dazu will die Bank sich nicht äußern. Fest steht außerdem, dass die alte Dame Dokumente unterschrieben hat, ohne sie vorher zu lesen.

    "Ich dachte ja auch, ich unterschreibe dafür, dass ich ein Divisenkonto eröffne. Wenn ich ein Konto eröffne, muss ich doch unterschreiben. Außerdem war’s da so dunkel, da habe ich nichts gesehen." Else Reindel

    Else Reindel will sich jetzt einen Anwalt nehmen. Noch weiß sie nicht, wie sie ihn bezahlen soll, denn seit dem Vertragsschluss hat sie kein Geld mehr für Sonderausgaben. Aber aufhören zu kämpfen, das kommt für die 82-Jährige nicht in Frage. Schließlich wolle sie den Rest ihres Lebens angenehm gestalten – mit dem Geld, das jetzt in der Versicherung steckt.