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Im Rollstuhl auf der Wiesn: barrierefreies Oktoberfest? | BR24

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Das Oktoberfest soll für alle sein - auch für Menschen, die im Rollstuhl sitzen. Kann das Großspektakel dieses Versprechen auch halten? Wir haben eine Rollstuhlfahrerin begleitet.

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Im Rollstuhl auf der Wiesn: barrierefreies Oktoberfest?

Das Oktoberfest soll eigentlich ein Fest für alle sein. Auch Menschen mit Handicap soll die Wiesn gute Laune bereiten. Doch gerade Rollstuhlfahrer müssen sich noch immer so manche Barrieren gefallen lassen, die die Freude trüben könnten.

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Ein knallrotes Dirndl muss es schon sein, wenn Claudia Reisinger auf die Wiesn geht. Die Augsburgerin ist keine, die sich versteckt. Seit neun Jahren sitzt sie im Rollstuhl, wegen ihrer MS-Erkrankung. Heute engagiert sich die ehemalige Kinderpflegerin als kaufmännische Assistentin im Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK), inzwischen als stellvertretende Vorsitzende des Augsburger Tochtervereins.

Für Claudia Reisinger und ihren Begleiter Daniel Decker ist es der erste Wiesnbesuch seit Ausbruch der Krankheit. "Ich bin gespannt, wo ich mit dem Rollstuhl überall reinkomme", sagt sie. "Wenn es sein muss, auch mal mit Hilfe. Aber ich bevorzuge es einfach, ohne Hilfe überallhin zu kommen." Doch schnell stellt sich heraus: Das klappt auf der Wiesn nur selten.

Störende Rampen, zu hohe Theken

An den ersten Mandelstand kann Claudia Reisinger noch problemlos heranfahren. Auch die Auslagen sind für sie in Blickhöhe. Eine erste Hürde wäre allerdings die schiefe Rampe zu einem Bratwurststand: "Ich hätte hier Angst, dass ich da auf die rechte Seite runterkippe", so Claudia Reisinger. Vor dem zweiten Mandelstand zeigen sich nächste Hindernisse: nicht nur eine Rampe, vielmehr auch eine für Rollstuhlfahrer zu hohe Theke.

Der Standbesitzer lässt nicht lange auf sich warten. Bei ihm, sagt er, würden Rollstuhlfahrer so bedient, dass sie die Rampe erst gar nicht herauffahren müssten. Für eine breitere Rampe, erzählt er, würde er einen neuen Lastwagen benötigen. Dies wiederum sei mit einer "Kette von Schwierigkeiten" verbunden. Immerhin: Wer einen Schwerbehindertenausweis vorzeigen kann, bekommt 20 Prozent Rabatt auf alle Artikel.

Virtuelle Abenteuer, reale Hindernisse

Eine virtuelle Reise mit der Abenteuerbahn ist eine der neuen Attraktionen auf der Wiesn - und klingt nach einem vielversprechenden Vergnügen ohne physische Barrieren. Zunächst sieht es auch danach aus. Doch dann zeigt sich: Um in die phantastischen Gefilden eintauchen zu dürfen, müsste Claudia Reisinger erst einmal eine hinderliche Stufe nach oben getragen werden. Die Betreiber bieten ihr Hilfe an, doch sie schlägt das Angebot aus. "Das Virtuelle ist nicht meins", stellt sie fest.

Dann geht es schon zur nächsten Herausforderung: dem Riesenrad. Diesmal ein Erfolg. Auf der langgezogenen Rampe kommen Claudia Reisinger und ihr Begleiter gut zur Gondel, auch darf der Rollstuhl mit rein. "Also, ich bin begeistert. Ich find's gut", sagt Claudia Reisinger.

Seniorenheim-Leiterin: "Es hat sich wahnsinnig viel getan"

Eine weitere Etappe: das Kettenkarussell. Diesmal geht es nur mit tatkräftiger Unterstützung zweier Standmitarbeiter, denn auch hier gibt es keinen rollstuhltauglichen Zugangsweg. Claudia Reisinger mag es nicht, getragen zu werden. Aber sie freut sich am Ende dennoch, dass sie sich die 90 Meter Höhe nicht hat nehmen lassen: "Es war der Wahnsinn. Ein absoluter Traum. Ich bin noch ganz hin und weg."

Dann geht es ins Zelt. In der Ochsenbraterei entdeckt Claudia Reisinger eine Seniorengruppe, unterwegs mit Rollstühlen und Rollatoren. Das Seniorenheim "Marienstift" kehrt hier schon seit über 20 Jahren ein. Für Liliana Perovic-Schneider, die Heimleiterin, zeigen sich in Sachen Barrierefreiheit auf der Wiesn durchaus Fortschritte im Vergleich zu früheren Jahren.

"Es hat sich wahnsinnig viel getan. Ob es jetzt die Wege sind oder die Toiletten. Oder auch, dass man einfach Bänke raus tut, dass man auf die Wünsche eingeht, wenn es größere Gruppen sind." Liliana Perovic-Schneider, Marienstift München

Nur wenige Fahrgeschäfte barrierefrei

Mithilfe der Wiesn-App macht sich Claudia Reisinger weiter auf die Suche nach barrierefreien Fahrgeschäften, landet allerdings nur bei sechs Treffern. "Habe ich mir ein bisschen mehr erhofft, weil die Wiesn ja sehr groß ist", sagt sie.

Bei der Motorradshow darf sie als Zuschauerin mitten drin sein - wenn auch abermals nicht ohne fremde Unterstützung. Wieder einmal hindert sie eine Treppe am autonomen Weiterkommen. Steilwandfahrer verhelfen ihr diesmal zum Ziel.