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Agieren statt regulieren: Homeoffice-Expertenrunde der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft

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Homeoffice: Mehr Flexibilität oder mehr Burnout?

Fast jeder dritte Beschäftigte arbeitet derzeit im Homeoffice. Für viele bedeutet das mehr Flexibilität und mehr Freiheit. Es kann aber auch bedeuten: weniger Arbeitsschutz, weniger Pausenzeiten und weniger echte Feierabende.

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Von
  • Arndt Wittenberg

Geht es nach der Bundesregierung, sollen noch mehr Beschäftigte von zuhause aus arbeiten. Ziel ist es, in der Corona-Pandemie die Kontakte am Arbeitsplatz zu verringern. Nach Berechnungen des Münchner ifo-Instituts waren im März 31,7 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice. Das Potential liegt bei 56 Prozent. Neben der Kontaktverringerung hat die Heimarbeit aber auch weitere Auswirkungen - unter anderem auf die Work-Life-Balance.

Raus aus der Stadt - Homeoffice macht's möglich

Rajko Patz ist beim Softwareunternehmen Salesforce angestellt. Seit gut einem Jahr muss der Vertriebsmitarbeiter von zuhause aus arbeiten. Für einige tausend Euro hat er seinen Arbeitsplatz aufgerüstet. Finanziert aus eigener Tasche. Denn Rajko Patz schätzt seine neuen Freiheiten im Homeoffice, sagt er: Mehr Flexibilität in der Zeiteinteilung, mittags auch mal eine Runde Laufen gehen. Patz glaubt, dass es in seiner Firma eine Rückkehr zu reiner Präsenzarbeit nicht geben wird.

Deshalb verlässt er seine Wohnung mitten in der Stadt und zieht aufs Land. "Wenn das mit dem Homeoffice so weitergeht, dann ist es nicht mehr so wichtig, wo ich wohne." Sein Arbeitgeber hat das Büro in München bis auf weiteres geschlossen. Kein Einzelfall: Viele amerikanische Soft- und Hardware-Konzerne haben ihren Mitarbeitern Heimarbeit verordnet.

Gähnende Leere in Firmenbüros

Das Unternehmen GE Healthcare geht andere Wege: Physiker Timo Schirmer kommt in die Firmenzentrale, um im Labor gemeinsam mit anderen Kollegen neue Methoden in der Kernspin-Tomographie zu entwickeln. Schirmer ist Leiter eines 15-köpfigen Teams, doch einige hat er seit eineinhalb Jahren nur über Videokonferenzen gesehen. In den Büros zwei Stockwerke höher herrscht gähnende Leere. Bis vor einem Jahr arbeiteten dort noch 200 Menschen, doch Corona hat alles verändert. GE Healthcare schreibt seinen Mitarbeitern kein Homeoffice vor, aber fast alle bleiben freiwillig zuhause. Durch den rasanten Wechsel von Präsenz- zu Heimarbeit sieht Schirmer Arbeitnehmerrechte in Gefahr. "Wir haben es uns über die Jahre erkämpft, als Arbeitnehmer, Gewerkschaften, Betriebsräte, dass wir an sich viele Freiheiten haben", sagt Schirmer.

"Wir haben einen Acht-Stunden-Tag, vorgegebene Pausenzeiten, wir müssen zwischen Ende des Tages und Beginn des Tages gewisse Pausen einhalten, und wir haben feste Urlaubstage. Und jetzt sprechen wir über all die Freiheiten im Homeoffice, die wir aber irgendwie aufgeben, für die Freiheit, ein Paket anzunehmen. Und da müssen wir, glaube ich, sicherstellen, dass wir die richtige Balance finden." Timo Schirmer, Teamleiter bei GE Healthcare

Die richtige Balance zu finden, scheint schier unmöglich für Elisabeth Braune. Sie arbeitet für einen kleinen Münchner Verlag und ist alleinerziehende Mutter. Seit einem Jahr zerreißt sie sich - wie so viele andere - zwischen Homeoffice und Homeschooling für ihre Tochter. "Letztendlich vernachlässige ich das Kind, oder habe nicht ausreichend Zeit für sie. Letztendlich habe ich nicht ausreichend Zeit für den Job und kann mich auch nicht in der Form, wie ich es eigentlich gewöhnt bin, konzentrieren oder wirklich fokussieren auf eine Sache. Insofern habe ich immer das Gefühl, ich mache alles nur halb."

Leben zwischen Küche, Call und Kinderzimmer

Seit über einem Jahr spielt sich Elisabeth Braunes Leben zwischen Video-Calls, Küche und Kinderzimmer ab. Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben sind längst verschwunden. Erholungsphasen kennt sie kaum noch. "Ich finde auch wahnsinnig anstrengend und emotional belastend, dass alles immer in den eigenen vier Wänden ist. Das man nie das Gefühl hat, es hört mal auf", beschreibt es die Mutter. "Man macht halt Abendbrot, und denkt danach noch eine halbe Stunde und macht dies noch und das noch. Die klaren Regenerierungszeiten, die gibt es einfach im Moment nicht."

Berufstätige Mütter besonders belastet

Die psychischen Belastungen durch Homeoffice nehmen insgesamt zu, belegt eine gemeinsame Studie der Techniker Krankenkasse und der TU Chemnitz. Laut dieser Studie ist eine Bevölkerungsgruppe besonders gefährdet: berufstätige Mütter. "Die psychischen Krankheiten steigen seit Jahren leicht an. Auffällig war jedoch, dass vergangenes Jahr der Anstieg bei den Frauen doppelt so hoch war wie bei den Männern", erklärt Stephan Mayer von der TK Bayern.

Pandemie befeuert mobiles Arbeiten

In der Industrie stößt der Ruf nach mehr Homeoffice oft auf Widerstand. Der Maschinen-Hersteller Sumitomo Demag bei Nürnberg hat eine Lösung gefunden. Der Betriebsratsvorsitzende Robert Josephus wollte schon 2019 mehr mobiles Arbeiten einführen. Doch erst seit Corona können 300 Mitarbeiter in Verwaltung und Vertrieb auf freiwilliger Basis von zuhause aus arbeiten. Diejenigen, die gerne ins Büro wollen, dürfen ab und zu in die Firma kommen. "Wir haben eine sehr gute Betriebsvereinbarung zu dem Thema. Darin gilt die doppelte Freiwilligkeit. Das heißt: Der Mitarbeiter muss mit seiner Führungskraft eine Vereinbarung ausfüllen, wie die Ansprechzeiten sind, welche Tage mobil gearbeitet wird." Die Einigung über mobiles Arbeiten ist bei Sumitomo Demag geglückt, weil Betriebsrat und Geschäftsleitung eng zusammenarbeiten. Die Mitarbeiter sind zufrieden und die Ergebnisse stimmen. Bei Sumitomo will man auch nach der Pandemie an dem Konzept festhalten.

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Das Arbeiten innerhalb der eigenen vier Wände hat Vor- und Nachteile für viele Beschäftigte.

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