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Home Farming: Kräuter und Gemüse aus dem LED-Gewächsschrank | BR24

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Home Farming mit LED-Technologie.

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Home Farming: Kräuter und Gemüse aus dem LED-Gewächsschrank

Weltweit arbeiten viele kluge Köpfe an innovativen Gartenbau-Lösungen - mittels Softwaretechnologie und LED-Licht in unterschiedlichen Wellenlängen. Die neue Industrie wittert einen Milliardenmarkt. Eines ihrer Start-ups sitzt mitten in München.

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Laut Smartphone ist der Blattsenf in genau sechs Stunden erntereif. "Der hat schon genau die perfekte Schärfe jetzt, stimmt mit der App überein", sagt Maximilian Lössl. Er überlässt ungern etwas dem Zufall. All die Kräuter und Kleinpflanzen des Jungunternehmers gehorchen einem exakten Plan. Ein Plan, den eine Vielzahl kleiner und von violett bis rot leuchtender LED-Lampen vorgibt.

"Die Lampen steuern oder beeinflussen das Wachstum der Pflanze, die Geschmacksausprägung, die Textur, die Farbe und vor allem aber auch die Inhaltsstoffe." Maximilian Lössl, Geschäftsführer "Agrilution"

Den Prototyp des sogenannten plantCubes hat der 30-jährige Münchner zusammen mit seinem Geschäftspartner Philipp Wagner entworfen. Seit Januar ist der intelligente Gewächsschrank für knapp 3.000 Euro auf dem Markt. Kein Schnäppchen für Otto Normalverbraucher. Noch befindet sich das Produkt in der Pilotphase. Es soll den Anbau vitaminreicher Salate in den eigenen vier Wänden zum Kinderspiel machen.

Gartenbau auf LED-Lichtbasis - Trend geht Richtung Milliardenmarkt

Angefangen haben die Freunde vor mehr als fünf Jahren im Keller von Maximilians Elternhaus. Damals experimentierten sie an ersten Salatpflanzen und Kräutern: ohne Erde und mit künstlichem LED-Licht. Die Idee kam bei der Lektüre eines Buchs über "Vertical Farming". Darunter versteht man Projekte zum Nutzpflanzenanbau in mehrstöckigen Gebäuden, vorwiegend in Ballungsräumen.

Dickson Despommier, US-amerikanischer Mikrobiologie und weltweiter Pionier des vertikalen Pflanzenbaus, schrieb das Buch. Es ist ein Standardwerk in der Branche. Und diese wittert gerade einen neuen Milliardenmarkt: In Schweden entstehen gewaltige Farmen, ebenso in Asien und in den USA. Auch die NASA entwickelt Konzepte. Das Beleuchtungssystem beziehen die Weltraumforscher vom Münchner Lichtkonzern Osram.

"Lichtrezepte" durch intensive Pflanzenforschung

Auch Maximilian Lössl hat in Osram einen finanzstarken Partner für ein Joint-Venture gefunden. Sebastian Olschowski ist Versuchsleiter bei Fluence Bioengineering, einem weltweiten Anbieter für intelligentes Pflanzenlicht, der 2018 von Osram übernommen wurde. In seiner komplett kontrollierbaren Labor-Umgebung kann Forscher Olschowski Umweltparameter wie Luftfeuchtigkeit, Temperatur oder den CO2-Gehalt bestimmen und verändern. So entstehen Prototypen für LED-Systeme.

"Hier machen wir ganz konkret Forschung an geschmacksgebenden Stoffen im Basilikum. Es ist so, wir haben unterschiedliche Lichtrezepte, die wir einsetzen. Eines ist eher mit rotem Licht geprägt, eines eher mit blauem Licht. Und das beeinflusst die Inhaltsstoffe von den Pflanzen, damit auch den Geschmack, und das können wir aktiv messen." Sebastian Olschowski, Versuchsleiter "Fluence by Osram"

2017 hat Maximilian Lössl mit seinem Start-up ein Büro im Münchner Westen bezogen. Das Jungunternehmen ist von acht auf 30 Mitarbeiter gewachsen. Darunter Chemiker, Software-Entwickler und Techniker. Sie basteln an Konzepten und konkreten Lösungen für gesunde Ernährung.

Ballungsräume im Fokus

Blickt man in die Megastadt Singapur mit ihren fast sechs Millionen Einwohnern, lernt man eine weitere Dimension des Vertical Farming kennen. Da geht es neben der Gesundheit besonders auch um Autonomie. Der Stadtstaat muss über 90 Prozent der Nahrungsmittel importieren. Vertical Farming bietet einen vielversprechenden Ausweg und wird deshalb energisch vorangetrieben.

Auch bei Osram in München haben die Entwickler gezielt Ballungsräume im Blick. Weltweit arbeitet das Tochterunternehmen Fluence mit über 400 Firmen zusammen: beim Anbau von Biokräutern über medizinisches Cannabis bis hin zu Aquafarmen.

"Letztlich ist das eigentlich fast schon eine Hoffnung, dass diese Lösung in die Städte reinkommt, damit sie in sich geschlossenere Kreisläufe darstellen. Derzeit, wenn man sich eine Stadt anschaut, gehen viele Lebensmittel rein, Energie geht rein und letztendlich das, was rauskommt, ist Abfall." Timo Bongartz, Manager Fluence by Osram

Auch Maximilian Lössl denkt groß: Nach dem erfolgreichen Start des plantCubes in Deutschland will er in die Benelux-Staaten expandieren, danach in den amerikanischen Markt. So der Plan. Momentan vertreibt er sein Produkt noch in kleinen Stückzahlen. Damit sich daran etwas ändert, muss sein Gewächsschrank nicht nur effektiver, sondern vor allem auch preisgünstiger werden.