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Guttenberg im U-Ausschuss: "Wirecard hat uns alle getäuscht" | BR24

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Der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

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    Guttenberg im U-Ausschuss: "Wirecard hat uns alle getäuscht"

    Seine Rückkehr auf die Bühne der Bundespolitik hatte sich Karl-Theodor zu Guttenberg wohl anders vorgestellt: Mehrere Stunden lang musste der frühere Bundesverteidigungsminister dem Wirecard-Untersuchungsausschuss Rede und Antwort stehen.

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    Von
    • Arne Meyer-Fünffinger

    Karl-Theodor zu Guttenberg hat eine Mission, das wird gleich zu Beginn seines Auftritts im Wirecard-Untersuchungsausschuss klar: Er will sich und die Beratungsarbeit seines Unternehmens "Spitzberg" in ein gutes Licht stellen. Denn vieles, was in den vergangenen Wochen und Monaten über diese Arbeit für Wirecard zu lesen gewesen sei, habe er als "verzerrt" empfunden. Es ist sicherlich kein Zufall, dass direkt neben zu Guttenberg Christian Schertz Platz genommen hat - einer der bekanntesten Medienanwälte Deutschlands. Schertz und zu Guttenberg blicken jeweils auf ein Manuskript, das sie vor sich auf den braunen Tisch legen - ein lange Erklärung, die zu Guttenberg zunächst im Untersuchungsausschuss vorliest.

    "Wirecard hat uns alle getäuscht"

    In den folgenden etwa 90 Minuten klingt zu Guttenberg wie jemand, der sich und seine Arbeit für den Online-Zahlungsdienstleister unbedingt rechtfertigen will. Er gebe den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses heute "sehr gerne" Auskunft, schließlich handele es sich beim Wirecard-Skandal um einen "beispiellosen Betrugsfall". Er teile deswegen das Interesse an einer umfassenden Aufklärung, betont zu Guttenberg - und er stellt klar: "Hätten wir gewusst, dass das Geschäftsmodell von Wirecard auf Betrug basiert, hätten wir dieses DAX-Unternehmen nicht beraten."

    Von den "kriminellen Handlungen" bei dem Aschheimer Unternehmen hätten er und sein Team allerdings genauso spät erfahren wie Anleger und andere Geschäftspartner auch. Selbstverständlich, das betont zu Guttenberg während der Vernehmung später mehrfach, habe er die Verantwortlichen bei Wirecard mehrfach auf negative Berichterstattung und die damit verbundenen Spekulationen über eine frisierte Bilanz angesprochen, unter anderem Wirecard-Vorstandschef Markus Braun. Diese seien allerdings stets zurückgewiesen worden.

    Beratung für Wirecard bei Einstieg ins China-Geschäft

    Seit seinem Ausstieg aus der Spitzenpolitik ist zu Guttenberg nach eigenen Angaben als "Verwaltungsratsvorsitzender" des Wirtschaftsberatungsunternehmens "Spitzberg Partners" tätig. "Spitzberg" hatte Wirecard zum Beispiel seit 2016 zunächst mit Blick auf das US-Geschäft beraten und ab 2018 dabei unterstützt, auf dem chinesischen Markt Fuß zu fassen, zum Beispiel durch die Übernahme eines Online-Payment-Anbieters, der vor Ort über die notwendigen Lizenzen verfügt. An dieser Stelle kamen die exzellenten Kontakte ins Spiel, über die zu Guttenberg aufgrund seiner Minister-Tätigkeit verfügt: "Es gibt keine andere Möglichkeit eines Marktzugangs in China ohne die Hilfe der jeweiligen Regierungen, es geht nicht ohne diese Begleitung", betonte zu Guttenberg.

    Zu Guttenberg erwähnte Wirecard bei Treffen mit Merkel - die verwies auf ihre Fachleute

    Unmittelbar vor der China-Reise der Bundeskanzlerin im September 2019 bat zu Guttenberg Angela Merkel um einen Gesprächstermin. Merkel sagte zu. Es habe zunächst keine "Gesprächsagenda" gegeben, allerdings habe die Kanzlerin im Laufe des Gesprächs ihre bevorstehende Reise nach Peking angesprochen. Zu Guttenberg habe daraufhin die Wirecard-Pläne in China angesprochen. "Dieser Teil des Gesprächs dauerte höchstens 2-3 Minuten, sie hat auf ihre Fachleute verwiesen. Sie ist also nicht mit wehenden Fahnen aufgesprungen", erinnerte sich zu Guttenberg. Das Verhältnis zwischen ihm und Angela Merkel bezeichnete zu Guttenberg als vertrauensvoll: "Ich würde dieses Vertrauen nie für einen Klienten aufs Spiel setzen. Hätte ich Zweifel an Wirecard gehabt, wäre es nie zu dem Gespräch gekommen. Ich habe den offiziellen Bewertungen der Wirtschaftsprüfer vertraut und mich auf die staatlichen Stellen verlassen."

    Zu Guttenberg - zwischen Beratung und Lobbying

    Tatsächlich sprach die Kanzlerin das Thema Wirecard im Rahmen ihrer China-Reise an. "Zum Zeitpunkt der Reise hatte sie keine Kenntnis von möglichen schwerwiegenden Unregelmäßigkeiten bei Wirecard", betont allerdings das Bundeskanzleramt, das in der Folge eine "weitere Flankierung" zugesagt habe. Tatsächlich gelang Wirecard im November 2019 die Übernahme des chinesischen Unternehmens "Allscore Payments". Mit großem Erstaunen habe zu Guttenberg allerdings festgestellt, dass der Wirecard-Vorstand an dem Thema "China-Markt" nicht besonders interessiert gewesen sei. Zu dem für das Asien-Geschäft zuständigen und inzwischen flüchtigen Ex-Vorstand Jan Marsalek hat zu Guttenberg nach eigenen Angaben niemals Kontakt gehabt. Begegnungen mit dem früheren Vorstandsvorsitzenden Markus Braun hat er als "seltsam" in Erinnerung.

    Ausschuss will insgesamt sieben Zeugen vernehmen

    Der Ex-Bundesverteidigungsministe widersprach dem Eindruck, sein jetziges Unternehmen habe den Schwerpunkt "Lobby-Arbeit", allerdings räumte er ein, sein Gespräch mit der Kanzlerin durchaus in den Bereich des Lobbyismus.

    Nach zu Guttenberg will der Untersuchungsausschuss sechs weitere Zeugen vernehmen - unter anderem den Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Wolfgang Schmidt, außerdem Mitarbeiter des Bundeskanzleramts. Dem Gremium steht also abermals eine Nachtsitzung bevor.

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