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Grüne Woche: Statt Häppchen und Landluft nur digital | BR24

© BR/ Christine Schneider

Bayerische Produkt-Königinnen auf der Grünen Woche

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    Grüne Woche: Statt Häppchen und Landluft nur digital

    Die Internationale Grüne Woche in Berlin fällt dieses Jahr nicht aus, die Tore bleiben aber geschlossen: Die weltgrößte Agrarmesse findet nur digital statt. Doch was ist eigentlich der Ursprung der Veranstaltung?

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    Von
    • Christine Schneider

    1926 öffnete die Grüne Woche in Berlin zum ersten Mal ihre Tore, Reichspräsident von Hindenburg war einer der ersten Besucher. 50.000 Gäste kamen, die meisten waren vom Land und trugen grüne Lodenmäntel, daher auch der Name "Grüne Woche".

    Bis 1933 war die Messe ein reines Agrarier-Treffen, im Dritten Reich wurde daraus dann eine braune Propagandaschau. Die Nazis missbrauchten die Messe bis 1939 zur Propagierung ihrer Vorstellungen vom "deutschen Nährstand". Dann war acht Jahre Pause, Berlin versank in Schutt und Asche, der Krieg beendete zunächst die Geschichte der Grünen Woche.

    Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg

    Noch während der Berlin-Blockade 1948 ging es wieder los, mit 59 Ausstellern. Der hungernden Stadtbevölkerung sollten Möglichkeiten zur Eigenerzeugung demonstriert werden: wie man im Hinterhof Hühner hält oder Gemüse anbaut.

    1953 wurde aus der Grünen Woche dann die Internationale Grüne Woche: Holland war der erste ausländische Aussteller. Im Zuge der europäischen Einigung kamen dann immer mehr Nationen dazu, in den letzten Jahren waren es immer fast 70 Länder aus aller Welt.

    1990: Erstmals Besucher aus ganz Deutschland

    1990 war eine besondere Grüne Woche. Denn nach 28 Jahren waren die Grenzen zwischen Ost- und Westberlin offen, Trabbis und Wartburgs parkten vor den Messehallen. Die Besucher aus dem Osten standen Schlange an den Kassen, obwohl bereits im Vorfeld 70.000 Eintrittskarten zum halben Preis von sechs D-Mark an DDR-Bürger verkauft worden waren. Die Deutsche Demokratische Republik war erstmals auch als Aussteller in West-Berlin vertreten, mit einem bescheidenen Stand mit Plakaten.

    Eine Talfahrt erlebten auf der Grünen Woche 1990 allerdings die Aussteller: Der Umsatz an den "Fress-Ständen" war so schlecht wie nie. Denn viele Ost-Berliner konnten sich die teuren Häppchen nicht leisten und verspeisten lieber vor den Eingangstüren ihre mitgebrachte Brotzeit. Nach dem ersten Schock senkten deshalb einige Aussteller die Preise und akzeptierten auch Ostmark. Die Hersteller von Landmaschinen dagegen waren zufrieden. Die Fachbesucher aus der DDR waren äußerst interessiert und besprachen sofort Finanzierungsmöglichkeiten.

    Häppchenjäger: Umsonst gibt es nichts mehr

    Die Grüne Woche gilt als die größte "Fressmesse" der Welt. Über 100.000 Spezialitäten werden präsentiert, aus allen Teilen der Welt: Litschis aus Madagaskar, Kängurufleisch aus Australien, Elch-Salami aus Schweden, Algen aus China und auch Essen aus deutschen Landen: Schillerlocken aus Mecklenburg-Vorpommern, Gurken aus dem Spreewald oder sächsischer Baumkuchen. Doch die Zeiten, als man sich an allen Ständen noch kostenlos durchschlemmen konnte, sind längst vorbei. Häppchenjäger werden nicht mehr satt, ganz im Gegenteil, die Preise sind gesalzen.

    Käse, Königinnen und Bier

    Der Freistaat Bayern wäre dieses Jahr zum 58. mal offiziell in Berlin gewesen. Rund 40 Aussteller hatten die Grüne Woche fest eingeplant. Es gibt seit vielen Jahren eine eigene Bayern-Halle, in der angeblich immer die meisten Besucher sind. Über die Gründe kann man nur mutmaßen. Jedenfalls sorgen dort ganztags Blaskapellen, Alphornbläser, Goaßlschnalzer und Produkt-Königinnen für Stimmung und an den Ständen gibt es die klassischen bayerischen Exportschlager: Käse, Bier, Frankenwein, Leberkäse und Weißwürste.

    Allgäuer Käse-Sommeliere

    Auch Roswitha Boppeler aus Kempten wäre gerne wieder dabei gewesen. Die Käse-Sommeliere war schon 23-mal auf der Grünen Woche und verkaufte Käse, vor allem Emmentaler und Bergkäse, pro Tag bis zu 250 Kilogramm: "Das ist wie eine Sucht. Wenn im Spätherbst die Vorbereitungen losgehen für die Grüne Woche, steigt schon der Blutdruck. Das ist für mich das persönliche Highlight im Jahr."

    Boppeler ist in Berlin bekannt wie ein bunter Hund, einige Besucher kommen nur ihretwegen. Von ihrem Verkaufstalent profitierten in der Vergangenheit vor allem kleine Allgäuer Sennereien: Seit Roswitha deren Käse auf der Grünen Woche verkauft, hat sich der Umsatz verdreifacht. Dieses Jahr fällt dieses Geschäft flach. "Ich habe Karten zu Weihnachten gekriegt von Leuten aus Berlin und Sachsen, dass sie mich vermissen werden. Einem 89-jährigen Stammkunden, der mich jedes Jahr auf der Grünen [Woche] besucht, muss ich jetzt Käse mit der Post schicken."

    Schaulaufen für Politiker

    Auch für Agrarpolitiker scheint es nichts Schöneres zu geben, als auf der Grünen Woche präsent zu sein. Für Fotos oder fürs Fernsehen sind sie sich für nichts zu schade: da werden mit Riesen-Brimborium Würstl gebraten, Gurken gehobelt, Heuschrecken verkostet, mit Königinnen im feschen Dirndl posiert, Ferkel auf den Arm genommen oder Rinder gestreichelt.

    Die grüne Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast schnitt vor laufenden Kameras den größten Brie-Käse der Welt an, der Allgäuer Ignaz Kiechle präsentierte sich als Fachmann für Bodensee-Äpfel, der bayerische Minister Josef Miller als Experte für Kühe. Hauptsache, man war im Fernsehen. Nur Horst Seehofer zierte sich 2007 als Bundeslandwirtschaftsminister beim Eröffnungsrundgang und verweigerte auf der Bühne ein Wettmelken am Gummieuter.

    Keine Präsenzveranstaltungen wegen Corona

    Dieses Jahr hätten Julia Klöckner und Michaela Kaniber gerne Häppchen gekostet oder sich mit der gefährdeten Nutztierrasse, dem Pustertaler Rind, ablichten lassen. Daraus wird nichts. "Mir blutet das Herz", verkündete Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, aber natürlich habe sie Verständnis, dass wegen Corona eine Grüne Woche mit hunderttausenden von Besuchern, die sich durch Messehallen drängen, nicht stattfinden könne. Auch Bayerns Landwirtschaftsministerin wäre gerne nach Berlin gefahren: "Wir laden die Besucher heuer zu einer virtuellen Reise durch das Genussland Bayern ein."

    Digitale Veranstaltungen

    2021 findet wegen Corona die Grüne Woche nur an zwei Tagen digital statt. Tagungen, Vorträge, Talkrunden und Pressekonferenzen werden live gestreamt. Bayern wird mit einem "Digitalen Marktplatz" dabei sein: mit vielen Videoclips über Schmankerl aus Bayern und einer Video-Grußbotschaft von Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber, die bereits vergangene Woche verkündet hat: "Ich schwelge in Erinnerungen an die Grüne Woche letztes Jahr."

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